KommentarTrainingslager des FC Bayern München in Katar Geld schlägt Anstand

Von Marco Seliger 

Das Trainingslager des FC Bayern München im umstrittenen Wüsten-Emirat Katar ist nicht zu rechtfertigen, meint unser Sportredakteur Marco Seliger.

Alltag in Doha: Der FC Bayern trainiert, die Scheichs schauen zu. Foto: dpa
Alltag in Doha: Der FC Bayern trainiert, die Scheichs schauen zu. Foto: dpa

Stuttgart - Auch Franz Beckenbauer hat schon seine Spuren im Sand hinterlassen, überall auf der Welt und wahrscheinlich in jeder Wüste, wie sich das gehört für den echten und einzigen Fußballkaiser, und damit auch in Katar.

Fünf Jahre ist es jetzt her, dass Beckenbauer wirklich kundtat, im Emirat keinen einzigen Sklaven auf den Baustellen gesehen zu haben – und sich selbst und seinem FC Bayern München eine veritable Baustelle rund um Moral und Anstand eröffnete. Irgendwie hallt der berühmte Ruf des Ehrenpräsidenten immer noch nach wie Donnerhall – dann, wenn die Münchner wie jedes Jahr im Januar in ihr Trainingslager nach Katar aufbrechen.

Dorthin also, wo man einem einigermaßen gut sehenden Menschen sehr viel Wüstensand in die Augen streuen muss, dass der nicht sieht, wie schlimm die Bedingungen für die Arbeiter sind. Oder waren?

Das ist sie ja, die große Frage rund um den Trip des FC Bayern. Hat sich wirklich was getan zum Positiven, nach der hochumstrittenen WM-Vergabe 2022? Geht da in Katar wirklich was in die richtige Richtung bei den Menschenrechten? Und überhaupt, wie jedes Jahr: Darf der FC Bayern das, oder besser: Soll er das tun, wieder da hin fliegen, in ein Land, das bei Menschen- und Arbeiterrechten noch lange nicht bei den Standards angekommen ist, zu denen es laut der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen verpflichtet ist? Dorthin also, wo homosexuelle Handlungen mit dem Tode bestraft werden?

Die Würde des Kaisers war nach seinen Aussagen 2013 antastbarer geworden, die Würde des ganzen FC Bayern aber eher weniger – bis zur legendären Pressevernichtungskonferenz 2018, als Kalle Rummenigge feierlich das Grundgesetz zitierte. So bekommen die Dinge einen Zusammenhang, und das fliegt den Bayern jetzt im Diskurs ums Trainingslager in Katar wie ein Bumerang um die Ohren. Selber schuld!

Fakt aber ist bei aller Polemik auch: Bei den Arbeiterrechten und den vorher skandalösen Bedingungen für Arbeiter auf den WM-Baustellen hat sich einiges zum Positiven entwickelt, wenn auch längst noch nicht alles. Und die Bayern? Die nehmen nun, immerhin, ihre Frauenbundesliga-Mannschaft ins Trainingslager mit, als Zeichen für Gleichberechtigung. Und sie betonen einen Dialog mit den Gastgebern zum Thema Arbeitsrechte. Aber legitimiert das ein Trainingslager im Emirat?

Dass die nationale katarische Fluglinie ein Großsponsor des Rekordmeisters ist, dürfte bei der Wahl des Trainingslagers eine entscheidende Rolle spielen. Es geht halt ums liebe Geld – da hat die Moral im Fußballgeschäft wie immer verloren. Und wenn Rummenigge obendrein betont, dass der FC Bayern ein normales Unternehmen sei und andere Unternehmen schließlich auch mit Katar Geschäfte machen, dann führt das an der Realität vorbei.

Denn der deutsche Fußballrekordmeister ist zwar faktisch ein Unternehmen, aber eben keins wie jedes andere. Allein schon deshalb, weil er für den Sport steht. Und für gewisse Werte, die er manchmal sogar dann betont – siehe Rummenigge und die Würde des Menschen –, wenn es völlig deplatziert ist. Fakt ist: Der FC Bayern darf nach Katar so oft er will. Er verliert aber mit jeder weiteren Reise ein Stück seiner öffentlichen Reputation, mit der er sich selbst so gerne schmückt. Und er verliert seinen moralischen Anspruch im Fußballgeschäft, den er immer mal wieder gern bei anderen einfordert. Der sich in Katar aber nach wie vor nicht einhalten lässt.