Heimspiel – und damit Heimvorteil. Maximilian Mittelstädt kennt sämtliche Laufwege durch das Stuttgarter Stadion. Das war vor allem während der Umbauphase der EM-Arena wichtig, als nicht jeder Gang direkt zum Platz führte und man sich schon mal verirren konnte. Doch jetzt erstrahlt Europas vermeintlich schönstes Schmuckkästchen in neuem Glanz, und der 27-Jährige weiß, wo die Kabinen liegen. Er weiß auch, wie es ist, durch den von außen einsehbaren Spielertunnel zu gehen.
Hochgefühle löst das aus. Doch vor allem ist Mittelstädt mit diesem grünen Seitenstreifen vertraut, der sein Märchen hat wahr werden lassen. Der Rasenkorridor ist sein Revier. Ihn rennt Mittelstädt rauf und runter. Stellt sich Stürmern in den Weg, erobert Bälle und rast die Linie entlang, um zu flanken. Das hat er immer so getan, aber jetzt gelingt es dem Linksverteidiger vom VfB Stuttgart auf höchstem Niveau beim Heimturnier.
Auf einer Stufe mit den Superstars
„Fast surreal ist das“, sagt Mittelstädt über seine schöne, neue Welt. Sie führt ihn aus dem Teamquartier in Herzogenaurach im Sauseschritt wieder nach Stuttgart, zum zweiten EM-Gruppenspiel mit der Nationalelf. Vor der Begegnung mit den Ungarn an diesem Mittwoch (18 Uhr/ARD) ist er nach dem Bundestrainer Julian Nagelsmann der auserwählte Gast auf der Pressekonferenz der veranstaltenden Europäischen Fußballunion. Er sitzt auf dem Podium, auf dem ansonsten häufig die großen Kapitäne Platz nehmen. Kylian Mbappé oder Cristiano Ronaldo, Harry Kane oder Virgil van Dijk.
Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat sich jedoch dafür entschieden, statt eines Superstars den Senkrechtstarter mit Lokalkolorit zu präsentieren. Ein frisches Gesicht. Fünf Länderspiele hat Mittelstädt bisher erst bestritten und dabei zweierlei geschafft. Erstens ist die Debatte über den Mangel an Außenverteidigern in der Nationalmannschaft vorerst verstummt. Der Stuttgarter spielt, als sei er ewig dabei – mit Joshua Kimmich als Pendant auf der rechten Seite.
Sie verteidigen hoch, bauen das Spiel auf und greifen ständig mit an. „Ich erwarte von den Außenverteidigern aber auch, dass sie Tore erzielen“, sagt Nagelsmann. Mittelstädt muss dafür eine gute Balance in seinem Spiel finden, da er häufig mit in die letzte Linie sprintet. „Dann ist der Weg zurück weit, wenn wir den Ball verlieren“, sagt er.
Zweitens hat Mittelstädt gerade so ein Bild geschaffen, das den von Nagelsmann ausgelösten Aufschwung rund um das DFB-Team demonstriert: Mittelstädt beim Jubelsprung nach seinem ersten Länderspieltor gegen die Niederlande im vergangenen März. Er scheint in der Luft zu stehen – und die Szene drückt pure Freude aus. Völlig losgelöst eben, wie es im dazu abgespielten Torhit „Major Tom“ von Peter Schilling heißt.
Mittelstädt hat in Stuttgart sein Glück gefunden. Sportlich wie privat. Das betont der Nationalspieler gerne, seit er mit der Influencerin Lea Prinz liiert ist. „Eine neue Stadt und neue Energie – das hat mir gut getan“, sagt der gebürtige Berliner. Eine schwierige Entscheidung war es im vergangenen Sommer ja, seine Heimatstadt und Hertha BSC zu verlassen. Für 500 000 Euro verpflichtete ihn der VfB, dank einer Ausstiegsklausel.
Die Einschätzung einer VfB-Legende
Nun ergibt sich daraus ein sensationelles Preisleistungsverhältnis für die Stuttgarter. „Maxi Mittelstädt verfügt über ein sehr gutes Gesamtpaket. Er kann Tore vorbereiten und auch selbst erzielen. Er kann kompakt verteidigen und ist schnell“, sagt Hansi Müller, der Europameister von 1980. Oft hat die VfB-Legende den Senkrechtstarter von der Tribüne aus begutachtet und rasch das Potenzial zum Nationalspieler erkannt. „Er ist zudem ein geerdeter und authentischer Typ“, sagt Müller.
Zu befürchten steht beim VfB jedoch, dass andere Clubs auf die Qualitäten des Linksverteidigers schielen, wenn er auf der EM-Bühne überzeugt. Denn auf dieser Position gibt es international kein Überangebot an Spielern mit den geforderten Fähigkeiten. Anfragen für Mittelstädt sind in der Mercedesstraße aber noch nicht hinterlegt. Er ist auch nur schwer aus seinem bis 2026 gültigen Vertrag herauszukaufen, da er im Gegensatz zu anderen VfB-Profis über keine Ausstiegsklausel verfügt. „Maxi Mittelstädt ist für uns ein besonderer Spieler. Wir wollen ihn grundsätzlich halten und den Vertrag zum passenden Zeitpunkt verlängern“, sagt Alexander Wehrle. Und wenn man den Vorstandsvorsitzenden der VfB AG richtig versteht, dann braucht ihm in den nächsten Wochen kein Berater oder Vereinsfunktionär mit einer Ablösesumme über 25 Millionen Euro für Mittelstädt zu kommen. Für dieses Geld ist er schlicht nicht zu haben.
Es bedarf schon eines unmoralisch hohen Angebots, um die Schwaben erst ins Grübeln und danach ins Rechnen zu bringen. Mittelstädt ist ihnen zu wertvoll – als tragender Teil des Teams und als Vorzeigeprofi in der Nationalmannschaft. Im Kreis der DFB-Elf will Mittelstädt dann auch sein nächstes Märchen wahr werden lassen: EM-Finale in Berlin. Das wäre wieder ein Heimspiel.