Rollstuhlfahrer in Stuttgart schauen in die Röhre, wenn sie spontan, abends oder an Wochenenden und Feiertagen ein günstiges Transportmittel brauchen. Sie sind auf teurere Mietwagenunternehmen angewiesen. Denn nur zwei von 700 Taxen sind entsprechend umgerüstet.

Stuttgart - Die Stadt Stuttgart gewährt Bürgern mit einer starken Gehbehinderung jährlich 96 Gutscheine „für Fahrten mit Taxen oder mit speziell für Rollstuhlfahrer umgerüsteten Fahrzeugen von Mietwagenunternehmen“. Mit dieser Hilfe soll einmal in der Woche „die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht und erweitert werden“, heißt es in einem Behördenschreiben. Die Kommune versteht darunter Besorgungen erledigen, Verwandte und Freunde besuchen sowie „am kulturellen Leben unserer Stadt teilnehmen“. Es mangelt weder an der finanziellen Unterstützung noch an Angeboten – das Problem sind die fehlenden Fahrzeuge.

Viele Organisationen und Firmen chauffieren von Montag bis Freitag tagsüber viele mobilitätseingeschränkte Personen zu Ärzten und in Kliniken. Diese Krankenfahrten werden von den Kassen bezahlt. Abends, an Wochenenden und an Feiertagen, wenn die Kultur Hochbetrieb und die Verwandtschaft Zeit hat, sind diese Mietwagenfirmen aber nur bedingt einsatzfähig. „Spontane Buchungen sind schwierig bis unmöglich“, sagt Walter Tattermusch, ehemaliger Sozialamtsleiter und nun Behindertenbeauftragter der Stadt. Zu „ungünstigen Zeiten“ seien die Anbieter weitgehend auf Ehrenamtliche angewiesen. Die wenigen Fahrzeuge müssten dann „wirkungsvoll“ eingesetzt und die Betroffenen deshalb mehrere Tage vorher Bescheid sagen. Notfalls würden Sammelfahrten organisiert. Der Mangel mache also de facto die erwünschte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben unmöglich.

Stadt gibt Gutscheine aus

Merkwürdig erscheint, dass Tattermusch ausschließlich über die Defizite bei den Mietwagenfirmen klagt, die relativ teuer sind – zumindest für jenen Kreis von Behinderten, die wegen überschrittener Einkommensgrenzen keine Gutscheine erhalten. Die Taxifahrer, die für Gehfähige rund um die Uhr bereit sind, kann er gar nicht kritisieren, da sie in dem Bereich so gut wie nicht präsent sind: Denn nur zwei von 700 Taxen in der Stadt sind so umgebaut, dass Behinderte in ihrem Rollstuhl sitzend transportiert werden können. Das müsse sich ändern, wenn die Stadt Inklusion ernst nehme, so Tattermusch. Bei den Vertretern der Taxi-Auto-Zentrale Stuttgart (TAZ) wie auch beim Stuttgarter Taxiverband (STV) und beim Taxi-Verband Württemberg (TV-BW) rennt der Behindertenbeauftragte damit offene Türen ein.

Die TAZ fordert in ihrem aktuellen Tariferhöhungsantrag 7,50 Euro für das Befördern eines Menschen mit Behinderung, sofern dieser bei der Fahrt im Rollstuhl sitzen bleiben muss. Dieser Betrag orientiert sich am Satz für die Nutzung von Großraumtaxis (mehr als fünf Personen, bisher sieben Euro). Man wolle mit dieser Gebühr niemanden diskriminieren, so der TAZ-Vorsitzende Murat Arslan in einem Bericht in einem Boulevardblatt. Der Zuschlag solle den Unternehmern als Anreiz dienen, geeignete Fahrzeuge für Rollstuhlfahrer anzuschaffen. So ließen sich die Umbaukosten von 5000 bis 7500 Euro refinanzieren.

Taxibranche will Angebot ausweiten

Die Vertreter der Verbände würdigen ebenfalls die Möglichkeit zu helfen und dabei ein neues Geschäftsfeld zu erschließen. Manfred Hülsmann vom TV-Landesverband schlägt aber vor, die Stadt solle die Umrüstungskosten übernehmen. Ein Meinungsaustausch von Interessenten bei der TAZ habe gezeigt, dass nur diese Variante angenommen würde. Die Stadt kann aber auch konditionierte Konzessionen ausstellen. 200 Interessenten für eine normale Taxilizenz stehen wohl auf der Warteliste.

Etwa zehn Rollstuhltaxen würden am Anfang benötigt, um die Nachfrage zu befriedigen. Das muss sich jeder Unternehmer gut überlegen. Zwar winkt neue Kundschaft, neben Rollstuhlfahrern auch Radfahrer, die zudem leicht zu binden wäre; andererseits dürften die Umsätze im Tagesgeschäft sinken, weil die Kunden ohne Behinderung vorzugsweise in Limousinen mit einem Stern auf der Kühlerhaube steigen. Minivans sind bei 60 Prozent der Einsteiger weniger beliebt. Ein umgebauter Citan von Mercedes dürfte, obwohl auch eher bieder erscheinend, noch einen Vorteil gegenüber dem Caddy von VW haben, weil der Konzern nur die mit kräftigen Rabatten verkauften Taxis seiner Modellreihen anfordere, sagt Hülsmann. In Wolfsburg sei das aber nicht anders.

Zuschlag oder Zuschuss?

Zuschlag oder Zuschuss – die Entscheidung treffen nicht die Taxifahrer. Für die Tarifanpassung ist das Ordnungsamt zuständig. Ein finanzieller Zuschlag würde in den Etatberatungen beschlossen. Zuletzt hatte der Gemeinderat den Wunsch von OB Fritz Kuhn (Grüne) mitgetragen, die Umrüstung auf Elek­trotaxis zu unterstützen.

Gleich welches Modell sich durchsetzt, die Kostenträger profitieren, da die Taxiunternehmen Privat- wie Krankenfahrten deutlich günstiger anbieten würden als die spezialisierten Organisationen. TAZ-Chef Arslan weist darauf hin, die Mietwagenfirmen, meist ehemalige Taxiunternehmer, „bestimmen ihre Beförderungsentgelte frei nach Gusto“. Eher könne hier Diskriminierung unterstellt werden. Ihm sei jedenfalls bekannt, dass oftmals „Mondpreise“ gefordert werden. Allerdings haben diese Unternehmen höhere Anforderungen an ihre Fahrzeuge und das Personal. Anders als Taxifahrer, für die der Bordstein, seltener die Haustüre, die Grenze ist, holen deren Mitarbeiter die Fahrgäste oft in der Wohnung ab. Außerdem dürfen An- und Abfahrt zum Behinderten in Ansatz gebracht werden.

Achim Hoffer, Geschäftsführer des Stuttgarter Behindertenvereins, trifft Arslans Kritik nicht. Für Kranken- wie für Privatfahrten gebe es bei ihm nur einen Tarif. Und dies, obwohl die Stadt die Kilometerpreise seit Jahren nicht mehr angepasst habe und damit für die Verknappung mitverantwortlich sei. 2016 habe der Behindertenverein 40 000 Euro beim Fahrdienst drauf gezahlt. Man mache das nur den Betroffenen zuliebe. Die Aussagen Tattermuschs über die Kapazitätsprobleme bestätigt Hoffer.

Die berühmtesten behindertengerechten Taxis sind in London unterwegs. Dort ist Inklusion seit Jahrzehnten selbstverständlich. Jede dieser „mobilen Hutschachteln“, deren Höhe so bemessen ist, dass ein Fahrgast den Zylinder aufbehalten kann, verfügt über eine Rollstuhlrampe.

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