Trauer im Netz Reaktionen auf Martin Perscheids Tod

Die Nachricht von Martin Perscheids Tod hat Fans und Kollegen tief getroffen. Foto: dpa/Uwe Zucchi 15 Bilder
Die Nachricht von Martin Perscheids Tod hat Fans und Kollegen tief getroffen. Foto: dpa/Uwe Zucchi

Perscheid habe alle gute Ideen vor allen anderen Cartoonisten gehabt, sagt dessen Kollege Til Mette. Er ist nicht der einzige, der sich bewegt zeigt vom Tod des Satirikers.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)
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Stuttgart - Mal schnell ein Foto mit „RIP“ posten, ein Tränensmiley unter einer Todesnachricht hinterlassen – das gehört zu den Ritualen im Netz. Mal steckt hinter der Geste echte Erschütterung, die nach den Geschwindigkeitsregeln der Netzwerke nicht lange um Worte ringen darf. Mal ist das bloß leere Floskel. Die Reaktionen auf die Nachricht vom Tod des Cartoonisten Martin Perscheid auch von seinen Kollegen und Konkurrenten haben nichts von pflichtschuldiger Geste. Die formulieren, was viele von Perscheids Lesern auch empfinden: dass uns mit Perscheid ein Witz, ein Blick, eine Provokation verloren gegangen sind, die nicht so leicht zu ersetzen sein werden.

Til Mette verrät ein Geheimnis

Til Mette etwa, selbst mit leichtem Strich seit Jahrzehnten als Schwergewicht der Cartoonwelt etabliert, nennt Perscheid auf seiner Facebook-Seite den wichtigsten und stilprägendsten Cartoonisten der letzten Jahre und zitiert aus seinem Vorwort für Perscheids Cartoon-Sammlung „Abgründe“: „Perscheids Cartoons kenne ich seit Jahren. Alle Cartoonisten kennen Perscheids Cartoons, weil Perscheid alle guten Ideen, die alle anderen deutschen Cartoonisten je gezeichnet haben, schon vor ihnen gezeichnet hatte. So jedenfalls spricht man unter Kollegen in eigens eingerichteten Selbsthilfegruppen über diesen Mann.“

Auch zum Stoff und Wesen von Perscheids Humor liefert Mette eine treffende Einschätzung: „Es sind Abgründe, von Sexismus, Rassismus, Ignoranz, Korruption und Doofheit, die wir alle kennen, die es gibt, die wir aber gerne ausklammern, weil sie nicht in unsere politisch korrekte Weltsicht passen. “

Lachen über sich selbst

So etwas hat Perscheids Kollege Ralph Ruthe, Jahrgang 1972, nicht parat. Aber seine karge Reaktion nebst dem Posten eines Perscheid-Gags trifft das Empfinden vieler Fans, die von der Krebserkrankung des Künstlers nichts wussten: „Der Cartoonist Martin Perscheid ist viel zu früh, im Alter von 55 Jahren, verstorben. Das ist einfach nur unendlich traurig und mehr fällt mir dazu auch nicht ein. Deshalb poste ich diesen Cartoon, den er vor fünf Jahren gezeichnet hat und an dem man sieht, dass Martin vor allem die große Qualität hatte, über sich selbst lachen zu können. Etwas, was ich an Menschen sehr schätze. Mach’s gut, Kollege!“

Auf dem Bild dazu steht das typische Glatzen-Brillen-Helmut-Kohl-Klamotten-Männchen mit einem fordernden Demoplakat im Garten eines Hauses: „Ruthe statt Perscheid“. Hinterm Vorhang hervor schaut sich das der befremdete, belagerte, aber doch kein bisschen wirklich erstaunte Hausbewohner Perscheid an.

Die schönere Art Staatstrauer

„Postilleaks“, einer der Twitter-Account des Satireprojekts „Der Postillon“, teilt den Nachruf, den der Lappan-Verlag, Perscheids Heimat seit 1995, gepostet hat, und fasst sich knapp: „Das ist überhaupt nicht lustig“. Der scharfzüngige Politikjournalist und Buchautor Hasnain Kazim („Grünkohl und Curry“, „Post von Karlheinz“) twittert: „Ich bin tief erschüttert: Martin Perscheid, mein Lieblingscartoonist, mein täglicher Zum-Lachen-Bringer, mein virtueller Freund, mit dem ich mich gerne ausgetauscht habe und von dem ich zig Werke auf meinem Handy gespeichert habe, ist gestorben. Er wird mir sehr, sehr fehlen!“

So geht das weiter von Account zu Account. Man kann einen Tag lang von Netzreaktion zu Netzreaktion gehen und wird dabei kuriert von der Idee, dieses Abschiednehmen mitten in den täglichen Postingstürmen sei notwendigerweise bloß ein genussvoller Traurigkeitssnack für die Postenden. „Wir werden Deinen Humor vermissen“, „so oft gelacht – danke“, „ein großer Verlust“ bis hin zum verknappten „scheiße“, das Perscheid selbst wohl sehr gefallen hätte: Eigentlich ist das alles zusammen der Leichenzug einer großen Staatstrauer mit Kondolierenden am Straßenrand, nur sehr viel ehrlicher und schöner. Und anders als bei Salutschüssen kann man bei all den Perscheid-Cartoons, die dabei geteilt werden, lachen und einen Moment lang wieder ganz bei dem sein, der jetzt nicht mehr bei uns ist.

In unserer Bildergalerie finden Sie einige Cartoons von Martin Perscheid, die der Lappan-Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.




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