Der Bäcker Willi Kratz aus dem Stuttgarter Westen ist gestorben. Kunden, Nachbarn und Geschäftspartner sind sich einig, dass mit ihm einer der letzten seiner Art verloren geht.

Die Regale in der Bäckerei und Konditorei Willi Kratz in der Johannesstraße nahe dem Hölderlinplatz sind leer geräumt, nur ein Zuckerstreuer steht noch auf dem Tresen im Schaufenster. Die handgeschriebenen Zettel mit den Preisen für die Backwaren zeugen davon, dass hier vor kurzem Laugenbrötle, Gewürzbrot oder Vesperlaible verkauft wurden. Doch ein Zettel an der Türe informiert die Kundinnen und Kunden darüber, dass der Inhaber Willi Kratz nicht mehr in seine Backstube zurückkehren wird. „Liebe Kunden, mein Willi ist leider am 9. Mai 2022 verstorben. Es war sein Wunsch, Ihnen für Ihre jahrelange Kundentreue zu danken. Karin“.

Diese Zeilen hat seine Lebensgefährtin verfasst, die vorne im Laden die Backwaren verkaufte. An sie sind auch einige der Briefe gerichtet, die die trauernden Kunden vor die Bäckerei gelegt haben und die teilweise auch an der Türe aufgehängt wurden. Auch viele Blumen haben die Kunden dort am vergangenen Wochenende niedergelegt, die inzwischen aber schon wieder weggeräumt wurden.

„Ohne viel Schnickschnack“

Der Bäcker, der seine Brötchen, Brote und Kuchen noch alle selbst gebacken hat und dafür bereits nachts um 3 Uhr in der Backstube stand, ist im Alter von 69 Jahren nach einer Krankheit gestorben.

Immer wieder bleiben Passanten vor der verschlossenen Türe der Bäckerei stehen und lesen die Briefe. Eine Kundin, die vorbei läuft, sagt: „Das war ein Kult-Bäcker, ohne viel Schnickschnack. Die Seelen waren so gut.“ Brezeln, die klein, an den Ärmchen knusprig und geschmacklich einzigartig waren. Kuchen, als hätte die Oma sie frisch gebacken. Und klassische Brote, wie sie schon in den 1950er Jahren verkauft wurden. So beschreiben die Kunden die Backwaren.

Auch Hans-Jürgen Rehm war seit vielen Jahren Kunde bei Willi Kratz und schätzte diese Handarbeit. Als er am vergangenen Samstag wie üblich seine Brezeln und Laugenbrötchen einkaufen wollte, erfuhr er die traurige Nachricht. „Ich war wirklich erschüttert. Willi Kratz war einer der letzten seiner Art. Er hinterlässt eine Lücke und wir werden ihn sehr vermissen“, sagt Rehm. Er meint damit, dass es nur noch ganz wenige Bäcker in Stuttgart gibt, die auf Handarbeit setzen und nicht zu einer Kette gehören. „Der Laden war in der Zeit stehengeblieben“, sagt er. Die Schrift am Schaufenster war bereits abgeblättert und wurde nicht ersetzt. „Das war ihm egal. Aber die Qualität seiner Produkte stimmte einfach.“ Dazu kam die Persönlichkeit des Bäckers, den Rehm als „knorrig, bescheiden und grundehrlich“ beschreibt. Das Aushängeschild des Ladens sei seine Lebensgefährtin Karin gewesen. „Wir begrüßen uns mit Namen. Und auch wenn samstags immer viel los war, kam es doch immer zu einem persönlichen Wort.“

Auch in der Nachbarschaft der Bäckerei herrscht Trauer. Dilaver Gök von der Blumeninsel gegenüber erzählt, dass ihn viele Kunden auf Willi Kratz ansprechen. „Ich habe nie etwas Negatives über die Bäckerei gehört. Das war hier eine Institution“, sagt Gök. Er sei auch sehr traurig darüber, einen netten Nachbarn verloren zu haben, bei dem er selbst auch immer seine Brötchen geholt hat.

„Wir sind sehr bestürzt“

Ebenso wie Bärbel Kohmann, deren Sohn Martin das Autohaus Kohmann in der Traubenstraße betreibt. „Willi Kratz hat einfach zum Inventar des Stuttgarter Westens gehört. Wir sind sehr bestürzt“, sagt sie. Ihr Sohn habe jeden Sonntag dort Brötchen geholt und auch ihr verstorbener Mann habe immer davon gesprochen, dass es bei Willi Kratz die besten Brezeln gebe. „Das war ein Bäcker mit Leib und Seele, der alles selbst gemacht hat.“

Feinkost Panzer in der Arndtstraße hatte die Backwaren von Willi Kratz seit vielen Jahren im Sortiment. Inhaberin Silvia Panzer ist sich sicher, dass einige Kunden nur wegen dieser Backwaren zu ihr gekommen sind. Als „sensationell“ beschreibt sie die Produkte. Doch was noch wichtiger ist: „Das war ein ganz lieber Mensch mit einem großen Herz, den wir sehr vermissen werden.“ Warum vor allem die Laugenwaren so ganz besonders geschmeckt haben, werden die Kunden wohl nie erfahren. „Ich habe Willi Kratz mal gefragt, was das Geheimnis seiner Laugenbrötchen ist“, erinnert sich Kunde Hans-Jürgen Rehm. Darauf bekam er die Antwort: „Wir backen sie halt.“