Trauerfall in Stuttgart-Plieningen Der Verlust einer stadtbekannten Mutter

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In unserer Serie „Mein 2017“ sprechen wir mit Menschen, die im vergangenen Jahr etwas Außergewöhnliches erlebt haben. Wir fragen nach, wie es ihnen geht, was sich inzwischen verändert hat und blicken auch ein wenig in die Zukunft. Heute: Carl-Christian Vetter, der einen Todesfall zu beklagen hatte.

Carl-Christian Vetter hat ein schweres Jahr hinter sich. Die zurückliegenden Monate haben viel in ihm ausgelöst, erzählt er. Foto: Judith A. Sägesser
Carl-Christian Vetter hat ein schweres Jahr hinter sich. Die zurückliegenden Monate haben viel in ihm ausgelöst, erzählt er. Foto: Judith A. Sägesser

Plieningen - Er muss noch schnell das Wasser loswerden, sagt er und kippt es in den Blumentopf mit dem Tännchen. Dann hat er Zeit. Zeit, das Thema wird sich wie ein roter Faden durch die anderthalb Stunden ziehen, in denen Carl-Christian Vetter von seinem Jahr 2017 erzählt, von dem Jahr, in dem seine Mutter gestorben ist. Ein Jahr, in dem die Zeit eine neue Bedeutung für ihn gewonnen hat. Immer wieder legt Carl-Christian Vetter beim Erzählen Pausen ein und überlegt, wann was genau war. „Es ist so viel passiert in diesem Jahr“, sagt er. Manches kommt ihm so weit weg vor, anderes ganz nah.

Seine Mutter war Helga Vetter, eine stadtbekannte Plieningerin. Im Jahr 2014 ist sie aus dem Gemeinderat ausgeschieden. Dort saß sie 20 Jahre lang für die CDU. Ihr Sohn und sie klatschten sich ab, denn Carl-Christian Vetter wurde im Jahr 2014 ins Gremium gewählt.

Die Familie hatte auf eine Wendung gehofft

2016 erkrankte Helga Vetter schwer. Kurz vorher hatten sie und ihr Mann sich am 50. Hochzeitstag ein zweites Mal kirchlich trauen lassen. „Das war schön“, sagt der Sohn. Im Juni 2017 ist sie gestorben. Die Familie hat auf eine Wendung gehofft, sagt er, doch die Krankheit war stärker. Helga Vetter wurde 77 Jahre alt.

Wenn eine Frau wie Helga Vetter stirbt, nimmt der ganze Ort Anteil. Ihm sei das nie zu viel geworden, sagt Carl-Christian Vetter. Dass die Beerdigung so gut besucht gewesen ist, hat ihn getröstet. „Wenn die Verstorbenen in den Köpfen der Menschen sind, sind sie nicht weg von dieser Welt.“ Zumal er durch die Gespräche Anekdoten der Mutter erfährt, die er noch nicht kannte. „Sie hat mir ja nicht alles erzählt“, sagt er und lacht.

Mit den Hinterbliebenen ist etwas passiert

Carl-Christian Vetter nennt seine Mutter Mama. In der Familie hinterlasse sie eine Riesenlücke. Die resolute Frau war der Dreh- und Angelpunkt. Doch mit den Hinterbliebenen ist etwas passiert. Seit dem Tod der Mutter sehen sich Vater und Kinder viel häufiger, sind dabei, auf neue Weise zusammenzuwachsen. Carl-Christian Vetter hat eine Schwester. „Die Beziehung ist enger geworden“, sagt er. „Wir haben jetzt jeden Sonntag ein Kaffeetrinken.“ Das haben sie organisiert, weil die Mutter nicht mehr da war. Davor war es nicht nötig, weil sich Helga Vetter darum gekümmert hat.

Durch denn Verlust der Mutter hat Carl-Christian Vetter im Jahr 2017 seine Familie neu entdeckt, aber eben auch die Zeit. Die Zeit ist sein Thema. „Sie ist ein wertvolles Gut“, sagt er. Und über die Mutter: „Sie hat ihre Zeit genutzt.“ Gab es Probleme, hat sie Lösungen gesucht. Auch deshalb ist er stolz auf sie. Er will es machen wie sie, sich hinterher nicht grämen müssen: Ach, hättest du, ach, wärst du bloß. Morgen kann alles schon ganz anders sein.

Carl-Christian Vetter ist 51 Jahre alt, und ihm ist in diesem Jahr noch bewusster geworden, dass er seinen Zenit hinter sich haben dürfte. Und dass er am Tag X, so wie seine Mutter, vom Leben loslassen können will, weil er das Leben gelebt hat.

Er hat über sein Jahr 2017 gesprochen

Bei der Weihnachtsfeier der Wirtschafts- und Mittelstandsvereinigung, deren Vorsitzender er ist, hat Carl-Christian Vetter dieses Jahr nicht etwa über Globalisierung oder Europa gesprochen, sondern über sein 2017, den Verlust und seine Gedanken dazu. Das Thema war für ihn naheliegend, beschäftigt es ihn doch seit Monaten und geht irgendwie alle etwas an.

Während er erzählt, sitzt Carl-Christian Vetter in seiner Cafébar in Hohenheim. Er ist beruflich eigentlich in der Immobilienbranche zu Hause, doch für seine Bar hat er einen Schlenker riskiert. Weil es sich günstig ergeben hat, und weil er daran glaubt. Nächstes Jahr feiert er Fünfjähriges. Als er das sagt, hat er im Rücken ein volles Lokal.

Vielleicht war auch alles genau so gewollt, vom Schicksal, von Gott, von wer weiß wem. Dass er ein Café eröffnet, in dem er sich nun regelmäßig mit seinem Vater und seiner Schwester trifft. Eine Art neues Wohnzimmer der Familie.

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