Trauerfeier für rechten Aktivisten Für viele war Charlie Kirk wie Jesus

Kirks Witwe Erika hielt eine emotionale Rede. Nach ihr sprach Trump. Foto: Getty Images via AFP

In einem Footballstadion in Arizona trauert die konservative US-Elite um den ermordeten Aktivisten Charlie Kirk. Viele beschwören in seinem Tod einen Wendepunkt für das Land.

Berlin: Tobias Heimbach (toh)

Es ist noch dunkel, als Julian Kost und seine Mutter Peggy sich auf den Weg machen: kurz vor fünf Uhr morgens. Doch die beiden sind nicht allein. Viele andere pilgern durch die Nacht. Das Licht eines Polizeiwagens beleuchtet ihren Weg. Das Auto parkt quer auf der Straße, schickt abwechselnd blaue und rote Blitze durch die Dunkelheit. Zuerst sind es Grüppchen von Menschen, die sich wie Wassertropfen zu Rinnsalen vereinen, schließlich ganze Ströme bilden. Sie alle haben ein Ziel: das Footballstadion von Glendale in Arizona.

 

Zehntausende wollen dort Abschied nehmen: Abschied von Charlie Kirk, einem rechten Influencer und Verbündeten von US-Präsident Donald Trump. Deshalb sind auch Julian Kost und seine Mutter hier. Julian trägt Jeans, eine Baseballkappe, die die US-Flagge zeigt, und ein weißes Shirt mit schwarzer Schrift: „Freedom“ steht darauf, „Freiheit“. Ein solches Shirt trug auch Kirk am 10. September, als ihn ein junger Mann auf einem Universitätscampus in Utah erschossen hat.

Kirks Tod hat die USA in ein anderes Land verwandelt

Das war vor elf Tagen. In dieser Zeit scheinen sich die USA in ein anderes Land verwandelt zu haben. Der Mord hat die Nation geschockt. Die Folgen sind nicht zu übersehen.

Konservative Kommentatoren sprechen von einem „Krieg“. Vizepräsident JD Vance drohte politischen Gegnern. Und die Trump-Regierung scheint es ernst zu meinen: Hunderte Menschen verloren ihre Jobs, wegen kritischer oder auch herabwürdigender Kommentare im Zusammenhang mit Kirks Tod. Die Show des bekannten TV-Moderators Jimmy Kimmel wurde abgesetzt. Kurz darauf sagt Präsident Trump, er wolle Fernsehsendern die Lizenz entziehen, wenn sie ihn kritisierten. Es ist das politische Beben, das auf Kirks Ermordung folgt.

Kirks Tod als etwas Persönliches

Für Julian Kost ist Kirks Tod etwas Persönliches. Kost ist 25 Jahre alt, seit 2014 verfolgte er Kirks Karriere über soziale Netzwerke. Fast sein halbes Leben lang. „Ich war im Büro, als ich von dem Attentat gehört habe“, erzählt er. „Ich konnte den Rest der Woche überhaupt nicht richtig arbeiten.“ Kost sah auch das Video von dem Moment, als die Kugel Kirk traf. Man hört darin einen Schuss, sieht eine Blutfontäne spritzen, bevor Kirk zusammensackt. Das Video verbreitete sich rasch. „Es wurde mir ständig angezeigt“, sagt Kost, „immer wieder und wieder.“

Julian Kost will persönlich Abschied nehmen von Charlie Kirk. Foto: Tobias Heimbach

Dem jungen Mann ist es deshalb ein Anliegen, Abschied zu nehmen. „Ich hoffe, es wird ein Wendepunkt für unser Land sein“, sagt er. Er hofft auf einen „Wendepunkt hin zu Gott“. „Turning Point“, Wendepunkt – so hieß die Organisation, die Kirk gegründet hatte. Sie sollte vor allem Studenten für die konservative Sache begeistern. Kirk hatte Erfolg. Sein Engagement gilt als wichtiger Baustein für Trumps Wahlsieg 2024.

Lange Schlangen vor den Sicherheitsschleusen

Die aufgehende Sonne färbt die Wolken über dem Stadion erst rosa, dann orange, dann gelb. Überwachungsdrohnen schweben in der Luft. Kurz vor acht Uhr sind es schon 31 Grad im Schatten. Die Leute sammeln sich vor den Sicherheitsschleusen. Darunter sind Männer im Anzug, Frauen in Sonntagskleidern und Kreuzen an Halsketten, rote Mützen, auf denen Trump Parole zu lesen ist: „Make America Great Again“. Viele der Wartenden tragen T-Shirts mit einem Bild von Kirk. Jemand stimmt die amerikanische Nationalhymne an, viele singen mit. Als ein Hubschrauber des Militärs über sie hinwegdonnert, skandieren einige „U-S-A! U-S-A!“

Gegen neun Uhr füllt sich das Stadion, eine überdachte und klimatisierte Halle. Zunächst spielen christliche Pop-Bands, Hymnen ertönen. Eine Frau mit dunklen Locken hebt die Arme und wiegt sich im Takt. „Herr, es gibt nichts Besseres als Dich“, singt sie. Vanessa Granado (33) ist sechs Stunden aus Kalifornien hergefahren. „Ich war bei mehreren Gedenkgottesdienstes für Charlie dabei“, erzählt sie und gerät ins Schwärmen, wenn sie auf Kirk zu sprechen kommt: „Er betonte, dass wir Gott zum Zentrum unseres Lebens machen sollen.“

Kirks Methode: „das Politische mit dem Göttlichen zu verbinden“

„Charlie hat das Politische mit dem Göttlichen verbunden“, meint Matthew Heine, ein bedächtiger Mann mit Brille und Vollbart. Er ist mit fünf seiner zwölf Kinder angereist. Die älteste Tochter ist 26 Jahre alt, sein jüngster Sohn erst drei Monate. Zwei seiner Enkel sind auch da.

Kirk propagierte immer wieder einen konservativen Dreiklang: Glaube, Familie, die Nation. Laut seinem Weltbild sollte das Christentum durch das Leben leiten. Kirk verbreitete aber auch Verschwörungstheorien, schimpfte über Minderheiten, verunglimpfte Transpersonen.

Bibel-Zitate in den Trauerreden

Im Stadion von Glendale beginnt nun das offizielle Programm. Dutzende Redner ehren Charlie Kirk: Mitarbeiter, Förderer, Weggefährten, Politiker. Sie sprechen von seinen Leistungen, seinem Fleiß, seiner Nächstenliebe, seinem Mut. Und immer wieder: von seinem Glauben. Jedes Mal jubelt der Saal. Wenn die Redner Verse aus der Bibel zitieren, können viele im Publikum mitsprechen.

Sie nennen ihn einen „Märtyrer“, einen „Propheten im biblischen Sinne“. Einer vergleicht Kirk mit Moses, „der uns ins gelobte Land geführt hat“. Selbst ein Vergleich mit Gottes Sohn kommt ihnen in den Sinn: „Christus ist mit 33 Jahren gestorben, aber er hat den Kurs der Geschichte verändert“, sagt Robert F. Kennedy Junior, Trumps Gesundheitsminister. „Charlie Kirk ist mit 31 gestorben“, so fährt er fort, „auch er hat den Kurs der Geschichte verändert.“ Mehrere Redner wähnen den Heiligen Geist im Stadion.

Wenn das Nationale und das Religiöse verschmilzt – wie bei Kirk

Der Einfluss evangelikaler Christen auf die republikanische Partei ist zuletzt weiter gewachsen. Wie stark das Nationale und das Religiöse in dieser neuen Bewegung rund um Trump verschmelzen, lässt sich am Sonntag beobachten. Es ist eine Gruppe, die überzeugt ist von ihrer Mission. Und davon, unaufhaltsam zu sein.

Es sind auch schärfere Töne zu hören. „Wir werden die Kräfte der Dunkelheit und des Bösen schlagen“, sagt Stephen Miller, Stabschef im Weißen Haus. Verteidigungsminister Pete Hegseth ruft: „Das ist kein politischer Krieg oder ein kultureller Krieg. Es ist ein spiritueller Krieg.“

Auch Erika Kirk spricht an diesem Tag, die Witwe des Ermordeten. Sie spricht von Versöhnung. Sie sagt, Charlie Kirk habe junge Männer retten wollen. Menschen wie den Attentäter. „Ich vergebe ihm“, sagt sie unter Tränen.

Erika Kirk: „„Ich vergebe ihm“

Nach Erika Kirk spricht Donald Trump. Auch er lobt Charlie Kirk. Doch er pflegt eine andere Tonlage. „Ich hasse meine Gegner“, sagt der Präsident unverblümt. Dann wechselt er bald das Thema. Passagenweise geht es nicht mehr um toten Kirk, sondern um Trumps Zölle, seine Politik und seinen Wahlsieg von 2024. Als der Präsident zu reden aufhört, hat sich das Stadion schon fast zur Hälfte geleert. Die Trauernden strömen nach draußen in die Nachmittagshitze von Arizona zu ihren Autos.

Insgesamt 100 000 sind zur Trauerfeier nach Glendale gekommen. Das konservative Amerika hat Charlie Kirks Tod betrauert und seiner Verdienste gedacht. Sie wollten sein „Vermächtnis aufbauen“, so lautet der offizielle Titel der Veranstaltung. Worin das bestehen wird, muss sich noch zeigen.

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