Trauergruppe in Waiblingen Auch Lachen ist erlaubt

Von ibu 

Die Trauerbegleiterin Anne Gruhn und die Bestatterin Maija Hinderlich bieten eine Trauerrunde an. Sie ist beiden aus eigener, schmerzlicher Erfahrung eine Herzensangelegenheit. Deswegen sind auch nicht nur die eigenen Kunden willkommen.

Maija Hinderlich (links) und Anne Gruhn (Mitte) haben die Trauerrunde vor vier Jahren eingerichtet. Foto: Martin Stollberg
Maija Hinderlich (links) und Anne Gruhn (Mitte) haben die Trauerrunde vor vier Jahren eingerichtet. Foto: Martin Stollberg

Waiblingen - Die Taschentücher liegen in Griffweite. Und das ist auch gut so. Erst vor wenigen Wochen musste Ingrid Nuding ihrem Mann für immer Lebewohl sagen. „Ich kann ihn einfach nicht vergessen“, sagt sie, und die ersten Tränen fließen. Die 77-Jährige versucht seit dem Verlust, sich abzulenken. Sie malt viel, ist in der Stadt unterwegs, lässt den Fernseher laufen, damit es nicht zu still ist. Aber trotzdem ist er überall dabei, selbst wenn sie die Orchideen umtopft. Und auch an diesem Freitagabend. „Was würde er jetzt zu Ihnen sagen?“, will die Trauerbegleiterin Anne Gruhn wissen. „Hör endlich auf zu heulen“, antwortet Ingrid Nuding und lächelt.

Aber geweint werden darf in der Trauerrunde. Alle Gefühle sind willkommen: „Man darf auch wütend über einen Toten reden. Und manchmal wird hier so gelacht, dass niemand an eine Trauergruppe denken würde“, erzählt Anne Gruhn. Seit etwa vier Jahren bietet sie zusammen mit dem Bestattungsunternehmen Horizont die kostenlose Gesprächsrunde an. Kommen dürfen nicht nur die eigenen Kunden, alle Trauernden sind willkommen.

Die eigene Familie ist geprägt von verdrängter Trauer

Die Idee eines solchen Angebots hatte Anne Gruhn schon länger. Der Ausgangspunkt war die eigene Familiengeschichte, die ­geprägt war von nicht verarbeiteter Trauer und verdrängten Gefühlen. Anne Gruhn hatte darunter zu leiden, begab sich in ­Therapie und entdeckte erst langsam das Thema Lebensfreude für sich. Sie machte eine Ausbildung im Bereich Supervision und Coaching und meldete sich bei ­verschiedenen Bestattungsunternehmen, um sich als Trauerbegleiterin anzubieten. Nach mehreren Absagen gab sie sich noch einen letzten Versuch – und rief bei Maija Hinderlich an. Die Inhaberin von Horizont-Bestattungen sagte ihr sofort zu.

Dass ihr das Thema am Herzen liegt, hat ebenfalls persönliche Gründe: „Ich habe früh meine Eltern verloren“, erzählt sie, die erst als Erwachsene darum weinen konnte und den Umgang mit ihren Verlustängsten lernen musste. „Das soll keinem mehr passieren“, sagt sie.

Bei der Handmassage kommt längst Vergessenes an den Tag

Und so bekommt Ingrid Nuding erst einmal eine Handmassage von Anne Gruhn und darf einfach erzählen. Streift sie dabei ein Thema, das ihr nicht so behagt, spürt die Trauerbegleiterin das bei der Massage sofort. Sie hakt nach. Und so kommt einiges ans Licht, was schon vergessen schien. Da ist Ingrid Nuding kein Einzelfall. Oft steckt in den Besuchern eine alte Trauer, die von den Tränen um einen neuen Verlust nach oben gespült wird. „Wir hatten eine Frau hier, die eigentlich nicht um ihren verstorbenen Mann getrauert hat, sondern um den Vater, den sie als Kind verloren hat“, ­berichtet Anne Gruhn.

Am Ende des Abends fühlt sich Ingrid Nuding besser, auch wenn sie sich von der Trauerrunde noch etwas anderes erhofft hat: „Ich wollte ein paar Leute kennenlernen, denen es ähnlich geht“, sagt sie. Aber das wird sie vielleicht beim nächsten Mal. Oder wenn Maija Hinderlich ihr neuestes Projekt umgesetzt hat: „Ich möchte einmal im Monat ein Begegnungscafé anbieten“, sagt die Bestatterin.

Die Toten wieder lebendig machen, das können sie und Anne Gruhn nicht. „Aber wir können die Trauernden aus ihrem Schockzustand holen“, sagt Anne Gruhn. Manche würden auch nach Monaten einfach immer wieder auf einen Kaffee bei ihr im Institut vorbeischauen: „Ein größeres Kompliment für unsere Arbeit gibt es nicht“, sagt Maija Hinderlich.




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