Trauerkundgebung in Paris Der inszenierte Marsch der Spitzenpolitiker

Die Demonstration für die Pariser Terroropfer war ein machtvolles Zeichen. Doch Fotos vom Trauermarsch der Staats- und Regierungschefs schlagen nachträglich hohe Wellen. Der Vorwurf der Manipulation steht im Raum. Die ARD wehrt sich.

Anders als vermutet, bilden die Politiker nicht die Spitze des Trauermarsches. Sarkozy in der ersten Reihe – wo er aber  nicht hingehört. Foto: Internet 3 Bilder
Anders als vermutet, bilden die Politiker nicht die Spitze des Trauermarsches. Sarkozy in der ersten Reihe – wo er aber nicht hingehört. Foto: Internet

Stuttgart - Die Bilder gingen um die Welt. 40 Staats- und Regierungschefs führen am Sonntag den Trauermarsch in Paris mit über einer Million Menschen an. Das Problem: der Eindruck entspricht nicht der Realität. Fotos, die im Internet hohe Wellen schlagen, zeigen laut französischen und britischen Medien, dass der Marsch der Mächtigen in einer Seitenstraße stattgefunden hat. Ihnen folgen Angehörige der Opfer des Terroranschlages, Leibwächter und andere Offizielle. Erst weit entfernt und getrennt durch Polizisten sind andere Teilnehmer zu sehen. Diese Sicherheitsmaßnahme wurde aus Angst vor Anschlägen ergriffen. Kritik entzündet sich daran, dass in Reportagen über die Demonstration der Eindruck vermittelt worden sei, die Politiker bewegten sich inmitten der 1,5 Millionen Teilnehmer. „Führer, die nicht führen“, heißt es in bissigen Kommentare im Netz. Allerdings wird betont, dass die Inszenierung nicht den Wert des Marsches der Millionen schmälere.

Die ARD, die den Trauermarsch am Sonntag live übertrug, wehrt sich indes gegen den Vorwurf der Manipulation. Der Chefredakteur von ARD-aktuell (und damit von „Tagesschau“ und „Tagesthemen“), Kai Gniffke, betonte am Dienstagabend auf dem Internet-„Tagesschau-Blog“, die ARD habe auch das Bild gesendet, auf dem die Gruppe der Staatschefs in einer Totale von oben zu sehen ist. Als „Beleg“ präsentierte Gniffke ein Standbild der Szene. Eingeblendet unten links ist der Titel der Live-Sendung, „Paris trauert“:

Quelle: blog.tagesschau.de

Von dieser Einstellung, so Gniffke, habe es noch weitere während der Übertragung gegeben. „Von Manipulation kann keine Rede sein“, betonte Gniffke.

Kein Marsch durch eine Seitenstraße

Auch zum Vorwurf, der Marsch der Mächtigen habe in einer Seitenstraße stattgefunden, gab es am Dienstag Widerspruch. Der Sprecher der Nachrichtenagentur dpa, Christian Röwekamp, sagte dem Berliner "Tagesspiegel", dass die Politiker aus Sicherheitsgründen zwar in einigem Abstand zur Masse der Demonstranten liefen, jedoch auf der gleichen Strecke und diesen voraus. Der durch die Fotos entstandene Eindruck, dass die Staatschefs den Trauermarsch angeführt haben, wäre demnach nicht falsch. Allerdings sei die Lücke zwischen Politikern und Bevölkerung auf den meisten Aufnahmen nicht zu sehen.

Sarkozy in der ersten Reihe

Aber nicht nur die Weltenlenker kennen die Macht der Bilder. Auch Nicolas Sarkozy weiß sich zu inszenieren. Aus diesem Grund konnte es der französische Ex-Präsident wohl nicht ertragen, dass er in einer der hinteren Reihen mitlaufen sollte. Doch es gelang ihm, sich zumindest kurz nach vorne zu drängen. Sein Ausflug in die erste Reihe bringt ihm Spott im Internet ein. Immer mehr Fotomontagen tauchen auf, auf denen sein Konterfei in historische Bilddokumente montiert wurde. Die Internetseite „Je suis Nico“ sammelte die Montagen mit Sarkozy bei der Jalta-Konferenz, neben Helmut Kohl und François Mitterrand in Bitburg, mit den Beatles oder bei der Mondlandung.

Und noch ein drittes Foto des Trauermarsches der Spitzenpolitiker sorgt für Aufregung. In der ultrakonservativen Zeitung „The Announcer“ in Israel wurden aus dem Foto die Frauen wegretuschiert. Es fehlen Bundeskanzlerin Angela Merkel und die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini. Die Erklärung: in der ultraorthodoxen Welt der Charedim dürfen Männer nicht neben „fremden“ Frauen“ sein. Deshalb sitzen bei einigen Buslinien in Israel die Männer vorn und die Frauen hinten, sind also getrennt.

Obama in der Kritik

Aufregung gibt es auch um eine Person, die gar nicht am Trauermarsch teilgenommen hat: Barack Obama. Für sein Fernbleiben muss der US-Präsident Kritik einstecken. Das Weiße Haus ist einsichtig. Jemand mit einem „höheren Profil“ hätte teilnehmen müssen, gab Obamas Sprecher Josh Earnest zu. Doch angesichts des gewaltigen Sicherheitsapparats, der für einen Besuch Obamas in Gang gesetzt werden muss, sei das bei der kurzfristigen Planung kaum möglich gewesen. Dass die USA felsenfest zu ihren französischen Verbündeten hielten, stehe außer Frage, so Earnest. Der Obama-kritische US-Sender „Fox News“ ätzte: „Präsident Obama ist am Sonntag vom Posten des Führers der freien Welt moralisch zurückgetreten.“