Tinyhouse im Kreis Ludwigsburg Großes Glück im kleinen Heim

Angelika Bieber möchte naturverbunden leben. Foto: Simon Granville

Wie sieht das Leben aus in einem Tinyhouse? Ganz autark in einem eigenen Village? Angelika Bieber aus Steinheim möchte umziehen und sich mit 40 Quadratmetern begnügen. Noch wohnt sie auf 120 Quadratmetern. Lässt sich solch eine Siedlung realisieren?

Steinheim - Für das hübsche Büfett hat sie schon eine Interessentin aus der Familie, für die Kommode auch. Das freut Angelika Bieber. Denn es sind schöne Möbel, die ihrer Familie lange gute Dienste geleistet haben. Aber jetzt möchte sie sie loswerden und umziehen, möglichst ohne Ballast. In ihr neues Zuhause will die Steinheimerin keine größeren Einrichtungsgegenstände mitnehmen. Sie wird keine Verwendung dafür haben – und auch keinen Platz.

 

Angelika Bieber träumt davon, in einem Tinyhouse zu leben, auf wenigen Quadratmetern mit wenigen Dingen. Ihre Wohnfläche wird dann nur wenig größer sein als ihr jetziges Wohnzimmer. Wenn alles klappt, lebt sie in einem Jahr in ihrem Öko-Tinyhouse, umgeben von Natur und guten Nachbarn in einer Siedlung mit Gleichgesinnten, die sich Waschmaschine, Auto und Handwerkszeug teilen.

Sie wohnt ungern alleine

Der Wunsch nach einem winzigen Zuhause ist in Angelika Bieber über Jahre hinweg gewachsen. Ihr Partner war schon vor zwölf Jahren gestorben und immer seltener kamen die erwachsenen Kinder heim. Und dabei lebt die Kunsttherapeutin so ungern alleine. Außerdem: 120 Quadratmeter Eigentumswohnung müssen in Schuss gehalten und geputzt werden, geheizt und belebt. „Wenn ich nur einmal im Monat die Türe zu einem Zimmer öffne, dann ist das zu wenig“, sagt die 62-Jährige. Und noch mehr Erkenntnisse sind in dieser Lebensphase dazugekommen. „Ich habe mich gefragt, was ich eigentlich zum Leben brauche und was wirklich wichtig ist“, sagt Angelika Bieber.

Lesen Sie auch im Plus-Angebot: Der Trend zum Tinyhouse

Irgendwo hatte die Steinheimerin von Tinyhäusern in kleinen Dorfgemeinschaften gehört, und ihr wurde schnell klar, dass diese Wohnform vereint, was sie sucht: Zum einen ein Leben in einer Gemeinschaft mit Gleichgesinnten. Denn auch wenn Tinyhouse-Interessenten Individualisten sind, eint sie eine Überzeugung: Mit wenig leben und möglichst viel teilen. Dennoch oder gerade deshalb bleibt den Tinyhouse-Menschen genügend Raum für Individualität in den eigenen vier Wänden, findet Angelika Bieber. Zum anderen bedeutet ein Tinyhouse für Bieber Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung. Sie möchte die Erde enkeltauglich hinterlassen. Ihr Traumhaus ist ein autarkes Tinyhouse mit Fotovoltaikanlage, Komposttoilette und Wasserwiederaufbereitung. Viel Holz und Lehm wünscht sie sich.

2019 Verein gegründet

Auf einer Internetplattform hat Angelika Bieber Gleichgesinnte im Raum Stuttgart gefunden und 2019 einen gemeinnützigen Verein gegründet. Die Gründungsmitglieder sind heute im Vorstand. Mittlerweile kommen die rund 40 Mitglieder aus Esslingen, Stuttgart, dem Strohgäu, Backnang, Göppingen, Nürtingen und dem Bottwartal. „Wir sind ganz unterschiedlich.“ Paare, Familien, Alleinstehende. Dogmatisch sei man nicht. Aussteiger? Nein, dieser Begriff ist ihr zu einseitig. Individualisten seien die Tiny-Leute – mit dem Wunsch nach einer vielfältigen Wohnlandschaft.

Einige von ihnen möchten in einem „Village“ leben, naturnah und mit ÖPNV-Anschluss, möglichst in der Region Stuttgart. Andere würden ihr Minihaus auch in einer städtischen Baulücke aufstellen. Manchen genügt ein Interimsgrundstück, andere suchen einen Platz für immer. Derzeit wohnt noch keines der Mitglieder in einem Tinyhouse. „Es ist sehr schwierig, ein Grundstück zu finden.“ Das Problem: Für Tinyhäuser gibt es noch kein Baurecht. „Es braucht eine Gemeinde, die bereit ist, das Baurecht so auszulegen, dass Tinyhäuser möglich sind“, sagt Bieber. Das scheint schwierig. Zumal das Grundstück erschlossen und an das Straßen- und Wegenetz und an das Versorgungs- und Entsorgungsnetz angeschlossen sein muss. „Unser Verein hat rund 700 Gemeinden angeschrieben“, so Bieber.

Kein Glück bei der Suche

Teilweise gab es gar keine Antwort oder vertröstende Worte. Doch es konnten auch konkrete Gespräche geführt werden. So zum Beispiel über ein Grundstück in Schorndorf zur Zwischennutzung, das nach einigen Jahren geräumt werden müsste. Auch die Stadt Winnenden hatte ein Grundstück in Aussicht gestellt, allerdings wird das Baugebiet erst in zwei Jahren ausgewiesen. Kein Glück auch in Weissach, wo sich im Gemeinderat noch keine Mehrheit für einen Tinyhouse-Platz ausgesprochen hat. Bieber ist sich sicher, dass es jetzt einen Vorreiter braucht, damit sich etwas bewegt.

Bis dahin geht Angelika Bieber ihren Hausstand weiter durch und sortiert aus, was sie nicht mitnehmen möchte. Schwer fällt ihr das nicht. „Zum Beispiel diese Milchkanne – bislang habe ich sie als Erinnerung aufbewahrt, aber wenn ich umziehe, fliegt sie raus.“ Erinnerungsstücke, so sagt sie, behalte sie in der Erinnerung, brauche sie aber nicht als physisches Teil. „Was ich nicht brauchen kann, nehme ich nicht mit.“ Vielleicht schafft es ihr Bett als einziges Möbelstück. Die Steinheimerin liebäugelt mit einem Modulhaus mit 40 Quadratmetern. Den Schlafbereich möchte sie in der oberen Etage anlegen. Auf einen großen Wohnraum legt sie keinen Wert. „Aber ich hätte gerne einen Bereich, in dem ich mich künstlerisch betätigen kann“, sagt sie. Für Treffen mit Freunden und Familien gibt es in ihrem Traumdorf ein Gemeinschaftshaus. Ein Umzug in einem Jahr wäre schön. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig wird.“

Die Tinyhouse-Bewegung

Zahlen

Mittlerweile gibt es rund 90 Hersteller von Tinyhäusern. Laut Tinyhouse-Verband Deutschland wächst das Interesse an der Bewegung stetig. Im Jahr 2020 haben sich demnach die Anmeldungen in der Facebookgruppe „Tiny House Deutschland“ verdreifacht. Vor fünf Jahren waren es laut Verband 5000, inzwischen mehr als 55 000. Jährlich werden etwa 500 Tinyhäuser gebaut. Ein Teil davon wird gewerblich genutzt, zum Beispiel als Unterkunft auf Campingplätzen.

Vereine

In Deutschland gibt es acht Tinyhouse-Vereine innerhalb des Verbandes, zum Beispiel „Tinyhouses für Karlsruhe“ und „Tiny Houses Region Stuttgart“ und ein Verein in der Schweiz. Die Tinyhouse-Vereine, die dem Verband angehören, haben mehr als 2000 Mitglieder.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Wohnen Steinheim