Trauma bei Russlanddeutschen Es fühlt sich an wie Phantomschmerzen

Die Autorin, Podcasterin und Journalistin Ira Peter (42) aus Mannheim beschäftigt sich intensiv mit der Geschichte und Kultur von Russlanddeutschen. Foto: PR/Arthur Bauer

Die Autorin und Podcasterin Ira Peter aus Mannheim erzählt in ihrem Buch „Deutsch genug“ über die Erfahrungen von Russlanddeutschen. Sie waren betroffen von Deportation, Flucht und Diskriminierung – und von Traumata, die teils von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Ihre Vorstellung von Deutschland sei es gewesen, dass es jeden Tag eine neue Barbiepuppe für sie gibt. Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllt. Ira Peter (41) ist neun Jahre alt, 1992 war das, als sie mit ihren Eltern und ihren Geschwistern von Kasachstan nach Deutschland zieht. Sie sind Russlanddeutsche. Sie sprechen hauptsächlich deutsch, aber eben auch russisch. In der ehemaligen Sowjetunion galten sie als verhasste deutsche Minderheit. In Deutschland sind sie nur „die Russen“ oder „die Spätaussiedler“. Für die Deutschen sind sie auf jeden Fall immer: nicht deutsch genug.

 

Bei einer Lesung im Stuttgarter Hospitalhof warnt die Mannheimer Podcasterin und Autorin ihr Publikum vorab: „Auf meinen Lesungen wird viel geweint.“ Denn die meisten in ihrem Publikum haben eine ähnliche Familiengeschichte. Geschichten, die von Deportation, Flucht und lebenslanger Diskriminierung erzählen. Geschichten von Menschen, die nie wirklich irgendwo zu Hause waren.

Die Eltern kommen in Deutschland nie richtig an

Ira Peters Generation wächst in Deutschland in teils autoritären, teils schweigsamen Elternhäuser auf. Die Eltern arbeiten häufig in Fabriken oder als Putzhilfe von früh bis spät, ihre Berufsausbildungen werden in Deutschland erst nicht anerkannt. „Meine Mutter ist in der Sowjetunion die Beste ihres Jahrgangs gewesen“, erzählt Peter. Die ersten Jahre in Deutschland sei ihre Mutter Putzfrau gewesen, später in der Qualitätskontrolle. Peter sagt, sie habe das Gefühl, ihre Mutter habe anfangs ihre Seele in der Steppe lassen müssen. „Nach ihrer Reise 1993 nach Kasachstan hatte sie ihre Seele wieder bei sich und hatte nie wieder Sehnsucht nach diesem Land“, sagt Peter. Danach habe sie sich in Deutschland zu Hause gefühlt. Richtig gesehen fühlen sich die meisten Russlanddeutschen aber häufig trotzdem nicht, weder von den Deutschen noch von den jeweiligen deutschen Regierungen.

Das Ziel ihrer Eltern in Deutschland sei deshalb bis heute vor allem eines: möglichst nicht aufzufallen. „Der Wunsch meiner Eltern, nicht gesehen zu werden, spiegelt sich mittlerweile sogar in ihrer Kleidung wider: Im Ruhestand tragen sie vorzugsweise beige und grau, oft im Partnerlook“, so schreibt es Peter in ihrem Buch „Deutsch genug“. Es handelt vom Leben und den Traumata der rund 2,5 Millionen Russlanddeutschen hier im Land.

Unter Stalin sind die Russlanddeutschen eine ausgegrenzte Minderheit

Ihre Eltern sind auf dem „Achtundzwanzigsten“ aufgewachsen, so nennen diese bis heute das Dorf „Sondersiedlung Nummer 28“ in der Steppe Nordkasachstans. Die Familie stammt eigentlich aus Wolhynien in der nordwestlichen Ukraine. Dort haben Peters Großeltern gelebt, bis sie 1936, wie Tausende anderer „Wolhyniendeutsche“, unter Stalin nach Osten deportiert wurden. Ira Peters Familie landet in einem Lehmhaus in der kasachischen Steppe. „Jede russlanddeutsche Familie hat viele Kämpfe unter Stalin ausgefochten“, erzählt Peter.

Viele Familien seien nach Stalins Tod in ihre Heimatgebiete oder in lebensfreundlichere Gegenden gezogen. „Nur die Deutschen mussten bleiben, mussten weiterhin gehorchen, mussten schuften, mussten schweigen – mussten, mussten, mussten. Und durften nichts“, schreibt Peter dazu in ihrem Buch. Flucht, Vertreibung, Deportation, Ausgrenzung und Diskriminierung – das prägt Generationen von Russlanddeutschen. Und die Traumata würden nach wie vor noch von einer Generation zur nächsten weitergegeben – bis zur ihrer eigenen. Ihr Buch hat sie deshalb ihnen gewidmet: „den Mitgebrachten“.

Viele dieser Mitgebrachten aus ihrem Umfeld leiden unter „Phantomschmerzen“ und verarbeiten den Schmerz der Großeltern und Eltern in ihrer Kunst, ihrer Musik und ihrer Literatur, sagt Ira Peter. Wie sie selbst auch. „Das Phänomen von transgenerationalen Traumata kennt man auch aus dem Holocaust“, sagt sie. Und diese Weitergabe des Traumas sei auch unter Russlanddeutschen vorhanden, auch wenn es bisher wenig Studien zu dieser Gruppe gebe. Peter selbst nennt es die „postsowjetische Belastungsstörung“.

Die Forscherin Yael Danieli von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai hat bei Holocaust-Überlebenden zum Beispiel verschiedene Anpassungsstile beobachtet, wie den „Opfer“-Anpassungsstil. Betroffene können Schwierigkeiten haben, das Trauma zu überwinden, und deswegen emotional instabil und überfürsorglich sein. Ein weiterer Anpassungsstil ist der „betäubte“ Typ. Dieser Typ redet mit Angehörigen nicht über die Vergangenheit und ist emotional distanziert. Er wirkt dadurch gefühlskalt. Dessen Kinder lernen, dass über emotionale oder schwierige Themen nicht gesprochen wird. Ira Peter sagt, auch das kenne sie aus ihrer Familie, das Schweigen über die heiklen Themen der Vergangenheit. „Aber der Elefant ist immer im Raum.“

Können Traumata wirklich vererbt werden?

Transgenerationale Traumatisierungen entstehen durch ein psychisches Trauma in der ersten Generation, das durch unterschiedliche Mechanismen an nachfolgende Generationen vermittelt wird, wie die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages in einem Forschungspapier berichten. Besonders gut erforscht ist die Weitergabe tiefgreifender Trauma-Erfahrungen, deren Urheberschaft konkreten Tätern zurechenbar ist wie etwa bei Krieg, Verfolgung und Genozid.

Erklärungsversuche für transgenerationale Traumata gibt es einige: Aus psychoanalytischer Sicht werden verdrängte Emotionen wie Wut, Trauer und Angst zwischen den Generationen eher unbewusst vermittelt. Eine andere Theorie nimmt an, der familiäre Kommunikationsstil hinsichtlich der traumatischen Ereignisse könnte entscheidend sein. Wenn Kinder im Übermaß den belastenden elterlichen Berichten ausgesetzt sind, kann dies zu einer sekundären Traumatisierung führen.

Traumatisierte Eltern können oft nicht richtig auf ihre Kinder eingehen

Wenn das erlebte Trauma gar nicht thematisiert wird, können bei den Kindern Schuldgefühle, Wut und Angstfantasien entstehen. Auch gibt es die Ansicht in der Forschung, der Erziehungsstil könnte eine Rolle spielen. Traumatisierte Eltern sind mit ihrer eigenen Not beschäftigt und dadurch in ihrer Fähigkeit eingeschränkt, ihre Kinder angemessen wahrzunehmen. Der Erziehungsstil zeichnet sich durch einen Mangel an Empathie, Nähe und emotionaler Verfügbarkeit aus.

Bei ihr selbst sei es „bei weitem nicht so krass“, sagt Ira Peter. Peters Bekannter Florian, ein 33-jähriger Russlanddeutscher, hat ihr von seinen wiederkehrenden Albträumen in der Kindheit erzählt. Immer sitzt er im falschen Zug, fährt panisch in die andere Richtung oder geht verloren. Er habe immer gedacht, mit ihm sei etwas falsch – bis er sich mit der eigenen Familiengeschichte beschäftigt und von der Deportation der Großeltern erfahren hat.

Peters Eltern wiederum haben immer Angst gehabt, dass die Kinder nicht genug essen, weil sie selbst so lange Hunger leiden mussten. Auch seien sie stets misstrauisch und verschlossen geblieben. „Sie waren nie unbeschwert“, sagt Peter. Obwohl sie in Deutschland ein gutes Leben hätten.

Bei ihr selbst sei es manches durch eine Art „Lernen am Modell“ entstanden. Die Ängstlichkeit der Mutter nimmt sie zunächst selbst an. „Vor dem Fliegen, vor Hunden – ich bin wirklich sehr ängstlich gewesen“, sagt Peter. Die Angst der Mutter, die sie selbst vom Vater geerbt hatte – ein falsches Wort hat in ihrer Vergangenheit ja Gefängnis bedeutet –, sie lebt in Ira Peter weiter. Bis sie sich ihr stellt.

Trotzdem ist sie überzeugt davon, ihre Erlebnisse in Deutschland seien „Pillepalle“ im Vergleich zu dem, was ihre Großeltern und Eltern durchmachen mussten, die Großeltern die Deportation und die bittere Armut, die Eltern die Auswanderung nach Deutschland und dann die erneute Traumatisierung durch den Verlust der Heimat, die Ausgrenzung und die Diskriminierung.

Rollenerwartungen an Mädchen und Jungs sind teils noch stark definiert

Viele Russlanddeutsche leben nach Ansicht Peters auch heute noch die Rollenerwartungen der Sowjetunion in Deutschland weiter. Als Mädchen sollen sie brav sein und nicht aufmucken. Jungs hingegen müssen „männlich“ sein, hart, dürfen keine Gefühle zeigen. Sie kenne keinen russlanddeutschen Mann über 60, der in eine Therapie gehe, sagt Peter. In Deutschland kompensierten viele es kurz nach der Einwanderung mit Gewalt und Alkohol. „Fast jede sowjetische Familie kennt das“, sagt Peter.

Heute wünscht sich Peter, dass ihre Generation die Chance bekäme, dies alles aufzuarbeiten. „Meine Generation hat die Kapazitäten, das zu durchbrechen und Heilung in die Familie zu bringen“, sagt sie. Und so das Trauma vielleicht endlich zu überwinden.

Zur Autorin

Leben
Ira Peter, 1983 in der Sowjetrepublik Kasachstan geboren und seit

Werk
Sie hat den Podcast „Steppenkinder – der Aussiedler-Podcast“ produziert, für den sie den Russlanddeutschen Kulturpreis des Landes Baden-Württemberg erhielt. Sie war mehrere Monate Stadtschreiberin in Odessa, Ukraine. Für ihr Tagebuch von dort erhielt sie die Auszeichnung „Goldene Blogger“ als Newcomerin des Jahres. Seit März ist ihr erstes Buch „Deutsch genug“ erhältlich. (nay)

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Psychologie Trauma