Suche nach Trauma-Ursache Gefühllose Fürsorge: „Meine Eltern haben mich als Kleinkind weggegeben“

Christine Hölzinger möchte andere Menschen ermuntern, bei chronischem Leiden genau hinzuschauen. Foto: privat/KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Christine Hölzinger begreift erst im Alter den Grund für ihre Panikattacken. Die Eltern gaben sie als Kind für ein halbes Jahr weg. Sie hat keine Erinnerung daran. Aber ihr Körper.

Reportage: Akiko Lachenmann (alm)

Die Panikattacke kommt scheinbar aus dem Nichts. Die Stuttgarter Stiftskirche ist rappelvoll. Auf dem Konzertprogramm steht das Weihnachtsoratorium von Bach, das Christine Hölzinger gewissenhaft geübt hat. Die Streicher setzen zu einer ihrer Lieblingsarien an, als das Herz der Geigerin auf einmal zu rasen beginnt. Sie steht auf und verlässt Hals über Kopf die Kirche. Da ist sie 27 Jahre alt.

 

Drei Jahre später, an ihrem 30. Geburtstag, erzählt ihre Mutter beim Kaffeekränzchen beiläufig, dass sie ihre damals dreijährige Tochter für ein halbes Jahr in die Obhut einer Freundin im Schwarzwald gegeben hat. Wegen des Hustens. Der Arzt hatte eine Luftveränderung empfohlen. Es dauert weitere vier Jahrzehnte, bis Christine Hölzinger durch eine Körpertherapie den Zusammenhang sieht zwischen der Trennung von den Eltern und den Panikattacken, die sie ihr Leben lang begleitet haben. „Der Mensch vergisst, aber nicht der Körper“, sagt sie.

Christine Hölzinger mit drei Jahren, als sie in die Obhut einer anderen Familie kam Foto: Simon Granville

Christine Hölzinger ist heute 79 Jahre alt und wohnt in Remseck am Neckar. Sie will aus zwei Gründen ihre Geschichte erzählen: „Ich bin nur eine von vielen.“ Ihre Eltern gehören zu der Generation, die nach zwei Weltkriegen vor allem funktionieren wollte. „Meine Mutter bekam fünf Kinder in sechs Jahren. Sie war wahrscheinlich heilfroh, eine Zeit lang ein Kind weniger zu Hause zu haben.“ Sie hat aber auch eine mutmachende Botschaft: „Der Körper ist auch noch im Alter in der Lage, ein Trauma zu heilen.“

Sie stammt eigentlich aus einer wohlhabenden Mainzer Familie. Der Vater ist ein renommierter Biochemiker und Mediziner. Die Mutter führt den Haushalt. Das Gehalt reicht sogar für Personal. Doch es fehlt etwas, zu dem viele Eltern in der Nachkriegszeit nicht fähig sind: Einfühlungsvermögen. In ihrem Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ beschreibt die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich, wie Eltern durch die Kriege traumatisiert und mit Schuld beladen waren. Um weiterleben zu können, spalteten sie schmerzhafte Gefühle ab – und hatten so auch keinen Zugang zu denen ihrer Kinder.

Die Folge war eine gefühllose Fürsorge. Man konzentrierte sich auf materielles Wohlergehen, Erziehung war vor allem eine organisatorische Herausforderung. Was auch erklärt, warum in Deutschland selbst Babys und Kleinkinder wochenlang in Heimen untergebracht wurden, aus erzieherischen oder gesundheitlichen Gründen – bis in die neunziger Jahre.

Die Mutter legt fest, wann die Blase entleert wird

Christine Hölzinger hat keine Erinnerung an die Zeit im Schwarzwald. Doch seit sie denken kann, gilt sie in der Familie als das schwierige Kind, das immer hysterisch wird, „wenn die Mutter die Haushaltsschürze mit der Ausgehschürze tauscht“. Das immer Theater macht, wenn es allein zur Schule laufen soll. Und das wütend gegen Regeln aufbegehrt. Die Mutter führt ein straffes Regiment – sie legt sogar fest, wann getrunken und wann Darm und Blase entleert werden dürfen. Wenn die Wut kommt, muss die Tochter hinter die Kellertür, wo ein altes Ofenrohr steht. Da soll sie bleiben, bis „der Bock“ im Ofenrohr verschwindet. Sie resigniert da unten, lernt, ihre Gefühle und Bedürfnisse zu unterdrücken. Die Pubertät geht an ihr geräuschlos vorüber.

Vor der völligen Selbstaufgabe bewahrt sie die Musik. In den Gesellschaftskreisen ihrer Eltern gehört sie „zum guten Ton“. Sie darf drei Instrumente erlernen, zunächst Klavier und Blockflöte, später auf eigenen Wunsch die Geige. „Musik ist ein Raum, in dem meine inneren Türen aufgehen“, sagt Christine Hölzinger. Beim gemeinsamen Musizieren fühle sie sich selbstwirksam, anerkannt, dazugehörig.

Sie studiert Geige, heiratet einen Cellisten, wird Mutter. Als junge Erwachsene hält sie beängstigende Gefühle unter Verschluss. Dann brechen sie sich Bahn an Weihnachten 1973, und nichts ist mehr wie vorher. „Ich konnte die Vorgänge nicht einordnen. Mir fehlte eine Logik“, so Hölzinger. Die Angst, es könnte wieder passieren, wird ein ständiger Begleiter, eine tickende Zeitbombe. Sie hindert sie daran, ihr „volles Potenzial als Musikerin auszuschöpfen“, wie sie bedauert. Konzerte sind nur noch im kleineren Rahmen möglich.

Christine Hölzinger Foto: Simon Granville

Ihren 30. Geburtstag feiert Christine Hölzinger im Ferienhaus ihrer Eltern. Als die Mutter erzählt, wie sie mit der Tochter in den Schwarzwald fuhr und noch am selben Abend allein wieder abreiste, „weil ja ein Kind gar nicht bemerkt, wenn die Eltern plötzlich weg sind“, schenkt keiner am Tisch der Erzählung besondere Beachtung. Auch die Tochter erkennt nicht die Zusammenhänge. Selbst als sie sich ein paar Jahre später wegen wiederkehrender Panikattacken in eine psychoanalytische Therapie begibt, wird das Kindheitstrauma nicht erkannt.

Das Nervensystem bleibt auf Gefahr programmiert

Heute weiß man, dass eine mehrtägige Trennung von den wichtigsten Bezugsperson für Kinder zwischen sechs Monaten und drei Jahren einer existenziellen Bedrohung gleichkommen kann. „Das Kind versteht nicht den Verlust und hat auch keine Möglichkeit, sich zu beruhigen“, konstatierte der britische Psychiater und Psychoanalytiker John Bowlby bereits in den 1970er Jahren.

Die Folgen beschreibt der jüdische Trauma-Forscher Gábor Maté, der selbst als Einjähriger fünf Wochen lang einer unbekannten Frau überlassen wurde, um nicht in die Fänge der Nazis zu gelangen. „Diese Kinder entwickeln dann ein Nervensystem, das auf Gefahr programmiert bleibt“, sagt Gábor Maté in einem Interview. So können Stressreaktionen im Laufe des Lebens „bei jedem Ereignis auftauchen, das auch nur annähernd dem ursprünglichen Erlebnis ähnelt“.

Und nicht zu wissen, was die Ursache ist, erzeugt zusätzliches Leid. „Ich gab mir die Schuld für meine Zustände“, erzählt Hölzinger. Sie versucht autogenes Training, lässt sämtliche Organe untersuchen, besucht weitere Therapien. Trotzdem suchen sie immer wieder Panikattacken heim. Nur starke Schlafmittel bringen den erlösenden Schlaf. Auch die Ehe leidet. Ihr damaliger Mann wendet sich einer anderen Frau zu, und das Paar trennt sich.

Die Krise weckt vorübergehend ungeahnte Kräfte und neue Ideen. „Ich gab die Vorstellung auf, in einem Orchester zu spielen, und beschloss, pädagogisch zu arbeiten.“ Der Neustart gelingt: Umzug, Anstellung an der Stuttgarter Musikschule – und eine neue Liebe. Ihr zweiter Ehemann trägt sie auf Händen. Sie bekommen eine Tochter. „Ich war im Glück. Mein Körper gab Ruhe.“ Das Trauma sinkt in einen Schlummer.

Aber die Ruhe währt nicht lang. Depressionen und Panikattacken kehren zurück, der Schlaf bleibt wieder aus. Wieder Selbstzweifel und Gedanken wie „Ich habe doch alles, eine Familie, eine gute Arbeit. Was ist nur mit mir los?“ Im Jahr 2013 bringt ihr Mann dann die Nachricht nach Hause, dass er unheilbar krank sei. Er stirbt zwei Jahre später. Sie verliert den Boden unter den Füßen.

Diese Krise erweist sich als Weg aus der Dunkelheit. In ihrer Trauer sucht sie Hilfe bei einer psychologischen Beratungsstelle. Dort lernt sie Sandra Sülzle kennen. Schon nach wenigen Treffen erkennt die Therapeutin, dass ihre Klientin nicht nur unter dem Verlust ihres Mannes leidet, sondern die Ursache der Symptome weit in die Kindheit zurückreicht. Christine Hölzinger begreift erstmals die Zusammenhänge. „Ich habe meinen Körper als Feind erlebt. Dabei wollte er mir meine Geschichte erzählen.“

Die Seele kann heilen, auch ohne Kenntnis der Traumaursache

Sandra Sülzle ist geschult in Somatic Experiencing (SE), eine junge Therapieform, die Traumafolgen über Körperarbeit behandelt. Sie basiert auf der Annahme, dass Traumata im Körper gespeichert sind: Wenn ein bedrohter Mensch weder fliehen noch kämpfen kann, dann bleibt „die Überlebensenergie dieser Reaktion im Körper stecken“, wie es ihr Begründer Peter Levine beschreibt. Sie äußert sich oft durch chronische Muskelanspannungen oder unbegründete Ängste. „Um diese Reaktionen des autonomen Nervensystems wieder regulieren zu können, bewähren sich Therapien, die direkt am Erleben ansetzen“, sagt Sandra Sülzle. Dazu gehören auch Bewegungstherapien oder EMDR (hier werden Reize wie Augenbewegungen genutzt, um Traumaspuren zu verarbeiten). „Selbst wenn die Ursache des Traumas unbekannt ist, kann die Seele heilen“, sagt Sülzle.

Für Christine Hölzinger ist dieses Begreifen der Zusammenhänge essenziell. „Ich weiß jetzt, dass ich nicht anders bin als andere, und ich entdecke nun eine schon fast vergessene Lebendigkeit in mir wieder.“ Zur Erkenntnis kommt allerdings auch die Wut auf die Eltern, auch wenn diese wohl „nicht anders konnten“, wie sie sagt. „Wie gerne würde ich sie wissen lassen, dass ich ein ganz normales Kind war.“

Aus der Wut ist ein Buch entstanden. Es heißt „Das verwaltete Kind“ und soll andere Nachkriegskinder davor bewahren, sich ein Leben lang fremd zu bleiben. „Indem ich bei mir selbst genau hinschaue, unterbreche ich die Weitergabe von Traumata“, schreibt sie im Vorwort. Dafür ist es nie zu spät.

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