Maren Siedentopf (24) ist eine von zwei Sattler/-innen in der Porsche Classic Werksrestaurierung. Damit hat die junge Stuttgarterin ihren Traumberuf gefunden, sagt sie. Foto: Petra Xayaphoum
Traumberuf an Traumwagen: Maren Siedentopf ist Sattlerin bei Porsche Classic und bringt Klassiker wieder auf Vordermann. Wir haben die 24-Jährige in der Werkstatt besucht.
Maren Siedentopf hat ihren Traumberuf gefunden: Die 24-jährige Stuttgarterin arbeitet als Sattlerin in der Porsche-Classic-Werksrestaurierung in Asperg. Dort werden Oldtimer und Youngtimer originalgetreu und/oder nach Sonderwunsch restauriert und wieder instandgesetzt. Vom 356er von 1948 bis zum Cayman (Typ 987) von 2012 fuhren schon alle möglichen Porsche-Modelle restaurationsbedürftig in die goldenen Werkstatthallen ein und kamen Monate später so gut wie neu wieder heraus.
Sattlerin bei Porsche Classic – ein Traumjob für Oldtimer-Liebhaber
Ein Traumjob an Traumautos, in dessen Ausbildung die junge, selbstbewusste Frau zugegebenermaßen anfangs erst hineingestolpert ist: „Zum Beruf der Sattlerin bin ich eher zufällig gekommen“, verrät Maren, als wir sie in der großen Porsche-Classic-Werkstatt in Asperg besuchen. Hier hat sie am Ende der Halle einen eigenen Werkraum für Sattelarbeiten, den sie sich mit ihrem Sattler-Kollegen Peter Schwämmle, den sie liebevoll als „Das Archiv“ bezeichnet, teilt.
Mit seinen 43 Jahren Berufserfahrung ist er ihr einiges an Wissen rund um Porsche-Oldtimer und -Youngtimer voraus, kennt alle Kniffe und jedes Detail der verschiedenen Modelle und versucht möglichst viel davon seiner jüngeren Kollegin, die erst vor drei Jahren aus der Porsche-Produktion in die Porsche-Classic-Werksrestaurierung gewechselt ist, weiterzugeben, bevor er sich in die Rente verabschiedet. Generationenübergreifender Wissenstransfer wird in extrem spezialisierten Werkstätten wie dieser besonders groß geschrieben.
Marens Weg zur Sattlerin in der Porsche-Werksrestaurierung
„Ein Bekannter meines Papas ist auch Sattler“, berichtet Maren weiter über ihren Berufsweg in das nicht weit verbreitete Handwerk. „Nachdem ich meinen Hauptschulabschluss gemacht hatte, hat er mir geraten, mich als Sattlerin zu bewerben. Er konnte sich gut vorstellen, dass mir der Beruf gefallen und liegen würde.“
An diesem Tisch schneidet Maren die Stoffe sowie das Leder zurecht. Das kann auch schon mal Kleinstarbeit sein. Foto: Petra Xayaphoum
Erste Bedenken waren bei der damaligen Teenagerin durchaus da, auch wenn sie, wie sie sagt, schon immer einen Handwerksberuf, der mit Naturmaterialien zu tun hat, erlernen wollte. Zuerst hatte sie jedoch an Berufe wie Schreinerin, Steinmetzin oder Instrumentenbauerin gedacht. „Meinen Hauptschulabschluss habe ich sehr früh gemacht, mit 15. Natürlich habe ich auch darüber nachgedacht, erst die Mittlere Reife zu machen, bevor ich anfange zu arbeiten“, erklärt die heute 24-Jährige.
Da man in Baden-Württemberg aber unter anderem über die „9+3-Regelung“ auch mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung die Mittlere Reife erreichen kann, entschied sich die damals 15-Jährige, den Schritt zu wagen und die Ausbildung zur Sattlerin bei Porsche in der Produktion zu beginnen. Sie hatte aufs richtige Pferd gesetzt, das stellte sich in kürzester Zeit heraus. „Der Beruf hat mir sehr schnell sehr viel Spaß gemacht“, erinnert sich Maren lächelnd an ihr erstes Ausbildungsjahr zurück, während sie eine Führung durch ihren Werkraum gibt.
Leder, Nadel und Faden: Arbeitsalltag einer Porsche-Sattlerin
This is where the magic happens. Leder in verschiedenen Farben hängt über einer Ablage, unterschiedliche Näh- und Schneidemaschinen sind an den Tischen installiert, zur Rechten steht ein schwerer Archivschrank mit über 1000 alten Schnittmustern, auf einem der Tische liegen bereits belederte Bauteile. Das Radio läuft. Das und ein Kaffee am Morgen seien das Wichtigste, wenn ihr Arbeitsalltag hier beginne, sagt die Sattlerin. Das tut er täglich um sieben Uhr. Einen Plan, was sie am Folgetag zu erledigen hat, hat sich die gut organisierte Handwerkerin meistens schon am Vorabend gemacht. „Heute habe ich zum Beispiel zunächst die Nähmaschine neu eingestellt, weil die Fadenspannung nicht mehr ganz gepasst hat. Danach habe ich die Bauteile, die ich in den vergangenen Tagen vorbereitet habe, zugeschnitten, gespalten, zusammengenäht und mit einer Ziernaht versehen“, berichtet sie.
Herausforderungen bei der Restaurierung von Porsche-Klassikern
Als Sattlerin in der Automobilbranche näht sie viel (und gerne), bezieht Rohteile mit Leder, setzt Teppiche, bezieht Lenkräder und mehr. „Die Aufgaben sind sehr unterschiedlich in meinem Job“, sagt Maren. Wo Oldtimer und Youngtimer verschiedenster Jahrgänge neu und nach individuellem Wunsch frisch ausgestattet und/oder restauriert werden, stellt sich die junge Frau immer wieder neuen handwerklichen Herausforderungen. „Ich habe noch nie zweimal dasselbe gemacht“, sagt die 24-Jährige. Nicht mal ihr Kollege Peter habe in seiner 43-jährigen Berufslaufbahn hier jemals zweimal denselben Auftrag umgesetzt. „Bei jedem Modell gibt es die unterschiedlichsten Ausstattungsvarianten. Selbst ein und dasselbe Modell kann von Kunde zu Kunde komplett anders umgesetzt werden.“
Dabei seien selbst schlechteste Erhaltungszustände der Wagen keine Projektkiller. „Ich habe hier noch nie erlebt, dass etwas nicht umsetzbar ist“, sagt Maren. „Dafür haben wir hier die richtigen Fachleute mit entsprechender Expertise.“ Wie zum Beweis ihrer These steht in direkter Nähe eine frisch entlackte Karosserie eines sehr alten Porsche, an der schon sichtlich der Zahn der Zeit genagt hat. Der Form und dem Leichtmetall nach zu urteilen vermutlich ein ehemaliger Sportrennwagen, eine Rarität.
Die Besten der Besten machen fast alles möglich
„Natürlich steht man manchmal vor einem Projekt und denkt sich: ‚Wo soll ich jetzt anfangen?‘“, sagt Maren. „Andererseits bin ich aber auch so selbstbewusst, dass ich dann einfach loslege – und dann klappt’s meistens auch sehr gut.“ Einer der außergewöhnlichsten Wünsche, den sie bei der Restauration bisher umsetzen durfte, war die Belederung des Innenraums bis ins Detail. „Ich habe schon die kleinsten Knöpfe im Fahrzeug beledert“, erinnert sie sich und zeigt auf Bauteile, die auf ihrem Werktisch liegen, darunter eine Armatur mit kleinen Lederknöpfen. „So was zum Beispiel.“
Bei ihrer Arbeit als Sattlerin ist ein gutes Auge unersetzlich. Foto: Petra Xayaphoum
Auch komplexe Bauteile, die in unterschiedlichen und bunt gemischten Farb- und Stoffkombinationen besattelt werden sollen, stehen eher selten auf der Tagesordnung und gehören in die Kategorie „extravagante Kundenwünsche“.
Traditionelle Handwerkskunst: mit alten Techniken zu neuem Glanz
Dabei arbeitet die Sattlerin teils mit Techniken, die aus dem vorherigen Jahrhundert stammen. In ihrer Werkstatt haben sie und ihr Kollege Peter Schwämmle unter anderem altes, authentisches Gerät wie Nähmaschinen aus den 1950ern, um etwa alte Inneneinrichtungen möglichst originalgetreu nachbilden oder restaurieren zu können. „Manchmal bepolstert man einen Sitz nicht mit Schaumstoff als Grundpolster, sondern mit Rosshaar oder Kokosfasern als Polstermaterial“, sagt Maren, „oder man befestigt die Notsitzlehnen hinten nicht mit Tackerklammern, sondern mit Hunderten kleinen Nägelchen, die man ganz klassisch mit dem Hammer einschlägt.“
Ausbildung zum Sattler: Vielfalt und Spezialisierung im Handwerk
Gelernt hat sie die alten Techniken schon während ihrer dualen Ausbildung, bei der sie den Theorie-Part an der Kerschensteinerschule in Stuttgart-Feuerbach absolviert hat. Die Berufsschule hat dabei ein breites Portfolio an Innenausstattungsberufen zu bieten: Neben Sattler/-innen werden auch Fahrzeuginnenaustatter/-innen, Raumausstatter/-innen, Polster/-innen sowie Polster- und Dekorationsnäher/-innen ausgebildet. „In meiner Berufsschulklasse kamen die Leute aus ganz unterschiedlichen Bereichen – etwa aus dem Motorsport oder der Innenausstattung für Züge und Busse“, stellt Maren Siedentopf die Vielfalt ihres Berufs dar.
Sattler/-innen werden in der Industrie als auch in Handwerksbetrieben ausgebildet und beschäftigt. Dabei kann man sich auf unterschiedliche Fachrichtung spezialisieren, und zwar auf die Feintäschnerei, (Reit-)Sportsattlerei oder – wie Maren – auf die Fahrzeugsattlerei. Was alle Fachrichtungen gemeinsam haben, ist, dass die Lederverarbeitung im Mittelpunkt steht. Zunehmend spielen aber auch andere Werkstoffe wie Kunstleder oder Textilien eine Rolle.
Traditioneller Handwerksberuf mit Zukunft
In der Regel dauert die Ausbildung drei Jahre, wobei man in tarifgebundenen Ausbildungsbetrieben laut Handwerkskammer Region Stuttgart aktuell im ersten Jahr 810 Euro, im zweiten 900 und im dritten 1000 im Monat verdient. Im Gegensatz zu anderen Ausbildungen im Handwerksbereich wie etwa der zum/zur Kraftfahrzeugmechatroniker:in, für die sich jährlich junge Menschen im fünfstelligen Bereich entscheiden, ist die zum/zur Sattler/-in ehe eine Nische. Laut Statistik des Bundesinstituts für Berufsbildung (Stand: 16.4.2025) gab es im Jahr 2023 bundesweit 111 neue Azubis über alle drei Fachrichtungen hinweg, die meisten davon – 69 – im Fachbereich Fahrzeugsattlerei. Dabei verändert sich der Beruf bei aller Tradition stetig mit dem technischen Fortschritt, zuletzt zum Beispiel durch Innovationen im 3-D-Laserscanning und im 3-D-Druck.
Sattler werden: Marens Tipp für junge Handwerksbegeisterte
Jungen Menschen, die sich für den Beruf interessieren, rät Maren Siedentopf, sich ein Herz zu fassen und ihn einfach mal auszuprobieren. „Vor allem als junge Frau stellt man sich eher zurück und denkt: ‚Vielleicht bin ich dafür doch nicht geeignet.‘“ Dass aber probieren über studieren geht, hat sie an ihrer eigenen Berufslaufbahn exemplarisch gezeigt. „Ich habe dadurch meinen Traumberuf gefunden“, sagt sie selbstbewusst. „Wenn es nicht zu einem passt, kann man sich danach ja immer noch weiter umschauen.“