Stuttgarterin berichtet von Schattenseiten Deshalb werden Tierärzte häufiger depressiv

Viele Tierärzte klagen über eine mangelnde Wertschätzung in der Gesellschaft und ein sehr hohes Arbeitspensum. Foto: dpa/Sven Hoppe

Traumberuf Tierarzt? Die Realität sieht oft anders aus. Veterinäre leiden unter vielen Belastungen, berichtet eine Tierärztin aus Stuttgart-Birkach. Zum Beispiel das Einschläfern macht vielen zu schaffen.

Rund 35 Millionen Haustiere lebten im Jahr 2020 in deutschen Haushalten. Im Vergleich zu 2016 stieg die Zahl der vierbeinigen Mitbewohner um rund 3,3 Millionen Tiere an. Das ist das Ergebnis einer Statistik des Industrieverbands Heimtierbedarf (IVH). Für Tierärzte bedeutet das eine massive Mehrbelastung. Aktuell sind 12 000 niedergelassene Tierärzte für die 35 Millionen Haustiere zuständig. Der Personalmangel in der Tiermedizin ist nun noch deutlicher zu spüren als vorher.

 

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Das merkt auch Dr. Birgit Drescher. Seit 25 Jahren hat die Tierärztin eine Kleintierpraxis in Stuttgart-Birkach. Zuvor war sie elf Jahre an der Uni Hohenheim in Forschung und Lehre tätig. „Unser Arbeitspensum hat sich deutlich erhöht. Schlagartig seit Mitte März 2020 hatten wir auf einmal sehr viel zu tun. Zu der Zeit hatte ich viele Zehn-Stunden-Tage“, so Drescher. Normalerweise arbeite sie zwischen 33 und 48 – im Schnitt 40 Stunden pro Woche.

Deshalb geraten Tierärzte zurzeit an ihr Limit

Dr. Thomas Steidl, Präsident der Landestierärztekammer Baden-Württemberg, sagt über den starken Zuwachs von Haustieren in der Coronapandemie: „Die Tierheime waren in der Corona-Hochphase leer. Doch jetzt, wo viele Beschäftigte dem Homeoffice wieder den Rücken kehren, merkt manch ein Tierbesitzer, dass ein Haustier Zeit und Geld kostet. Das Pendel schlägt zurück, die Menschen geben ihre Tiere wieder ab“, so der pensionierte Tierarzt. Tierärzte, die ohnehin schon alle Hände voll zu tun haben, geraten an ihr Limit. „Das Personal ist einfach nicht da. Es gibt Nachwuchsprobleme im Bereich der Tiermedizin“, erklärt Steidl. Zudem habe die Behandlungsintensität enorm zugenommen. Man benötige viel mehr Zeit für einen Patienten als noch vor 20 Jahren.

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Die tierärztliche Notdienstversorgung bröckelt

Ein Thema, das dem Präsidenten der Landestierärztekammer Baden-Württemberg besonders am Herzen liegt, ist die Notdienstversorgung hierzulande. Denn immer mehr Kliniken stellen den Dienst ein, und bei den Tierärztinnen und Tierärzten sinkt aus verschiedenen Gründen die Bereitschaft, Notdienst zu machen. In der Folge droht eine tierärztliche Notfallunterversorgung. Das Arbeitszeitgesetz und der Fachkräftemangel verstärken das Problem zusätzlich. „Der Tierschutz ist als Staatsziel im Grundgesetz verankert. Der Notdienst ist nicht allein das Problem der Tierärzte, sondern ein gesellschaftliches Problem“, erklärt Thomas Steidl. Der Staat müsse mehr Unterstützung leisten. In anderen Ländern wäre das bereits gang und gäbe.

Die Tierärztin Astrid Behr vom Bundesverband Praktizierender Tierärzte sagt: „Für Tierärzte bedeutet der Zuwachs an Haustieren mehr Arbeit in einem Umfeld, das sowieso schon durch den Fachkräftemangel angespannt ist.“ Die Folge seien Überanstrengung und eine fehlende Work-Life-Balance. Zudem betont auch sie, dass der flächendeckende tierärztliche Notdienst gefährdet sei.

Der Frauenanteil ist in der Tiermedizin sehr hoch

Der einstige Männerberuf Tierarzt entwickelt sich indes immer mehr zur Frauendomäne. Ein Blick in die Statistiken der Bundestierärztekammer zeigt, dass von den angestellten Praxisassistenten 90 Prozent weiblich sind. „Viele Frauen arbeiten in Teilzeit oder kehren nach dem Mutterschutz nicht mehr an ihren Arbeitsplatz zurück“, so Steidl. Es werde generell einfach weniger gearbeitet als noch vor zehn Jahren. Weniger Tierärzte gebe es indes nicht.

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Der Verband Praktizierender Tierärzte fordert, dass der Beruf des Tierarztes bereits im Studium wirklichkeitsgetreuer dargestellt wird. „Viele angehenden Tierärzte wollen einfach helfen, aber man kann eben nicht immer helfen. Das ist nicht die Realität. Viele junge Studenten wissen nicht, was auf sie zukommt“, sagt Astrid Behr. Zudem hätten viele Veterinäre ein Problem damit, Tiere zu euthanasieren, also einzuschläfern. „Man nimmt viel mit in den Feierabend“, sagt auch Thomas Steidl. „Die emotionale Beanspruchung ist überdurchschnittlich hoch.“ Auch die erfahrene Tierärztin Birgit Drescher kennt solche Situationen. Doch sie sagt: „Bei mir bedeutet Euthanasie immer Erlösung, die ich aus Überzeugung vornehmen kann.“

Höhere Wahrscheinlichkeit an Depressionen zu erkranken

Das einige Tierärztinnen und Tierärzte damit und mit anderen Dingen zu kämpfen haben, zeigen auch diverse in- und ausländische Studien. Eine deutsche Studie aus dem Jahr 2016 zeigt auf, das Tierärzte eine dreifach erhöhte Wahrscheinlichkeit haben, an einer Depression zu erkranken. Die Wahrscheinlichkeit für ein erhöhtes Risiko eines Suizids war im Vergleich zur Normalbevölkerung sechs- bis siebenfach erhöht. Die Gründe sind laut der Studie Arbeitsbedingungen, Arbeitspensum, ethische Konflikte, Perfektionismus und mangelnde Wertschätzung. Auch die medizinische Kenntnis und der Zugang zu Medikamenten „vereinfache“ die Entscheidung zu solch einem Schritt und senke die Hemmschwelle, so Astrid Behr.

Die Entscheidung nie bereut

Birgit Drescher hat es nie bereut, diesen Beruf gewählt zu haben. „Ich wusste mit zwölf Jahren, dass ich Tierärztin werden wollte“, sagt sie. Die Verbindung mit viel Wissen, praktischer Tätigkeit sowie der Umgang mit Tier und Menschen bereiteten ihr Freude. Daher denkt die 65-Jährige noch nicht ans Aufhören. „Mein Bestreben ist es, durch jüngere Kolleginnen und Kollegen die Praxis personell und fachlich zu ergänzen, meine eigenen Schwerpunkte aber weiter fortzusetzen, wenn auch mit tendenziell zeitlich reduziertem Einsatz“, sagt Birgit Drescher. „In unserem Arbeitsfeld gibt es überwiegend viele Erfolgserlebnisse und ein großes Vertrauenspotenzial mit den Tierbesitzern. Das ist etwas, was es in den meisten Branchen in der heutigen Zeit immer weniger gibt.“

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