Travestie Keine Stadt ohne Huren

Von Ina Schäfer 

Eine Travestieshow in der Jakobstube ehrt die Prostituierten im Leonhardsviertel und ist eine Hommage ans Viertel selbst.

Varian Hall schneidert ihre Kostüme selbst. Foto: Ina Schäfer
Varian Hall schneidert ihre Kostüme selbst. Foto: Ina Schäfer

S-Mitte - Verloren steht der indische Rosenverkäufer an der Türschwelle. Fight or Flight, Kampf oder Flucht, so recht hat er sich noch nicht entschieden. Er blickt auf die Bühne, ins Publikum, zurück zur Bühne. Sein Gesichtsausdruck zeigt irgendetwas zwischen Entsetzen und Unglauben. „Schätzchen“, sagt die Dame, die auf der Bühne sitzt und sich Joy Johnson nennt, „die Rosen kriegste hier drin nicht los.“ Doch immerhin: als er wieder nach draußen tritt, hat er eine Rose weniger in der Hand. „Der muss sein Geld auch auf der Straße verdienen“, sagt Joy Johnson und kommt damit wieder zurück zum Thema des Abends. Doch von vorn.

Der indische Rosenverkäufer ist an diesem Samstagabend in die Jakobstube gestolpert, einem Schwulentreff inmitten des Rotlichtviertels – in eine Travestieshow, die nun schon zum zweiten Mal dort stattgefunden hat. „Heute geht es um unser geliebtes Leonhardsviertel“, sagt Joy Johnson zu Beginn, die farbenprächtig und mit beeindruckendem Dekolleté als Conférencier durch den Abend führt. Und was wäre das Leonhardsviertel ohne seine Huren? „Keine Stadt ohne Gesellschaft, keine Gesellschaft ohne Kultur, keine Kultur ohne Subkultur, keine Subkultur ohne Rotlichtviertel und kein Rotlichtviertel ohne Huren“, sagt Heinrich. Seit 13 Jahren betreibt er die Jakobstube, die Eckkneipe mit allem, was dazugehört – eine Bar, Stühle drum rum, fertig.

Die Perücke sitzt, die Augenlider glitzern pink

Meist sind die Gäste der Jakobstube männlich, ab und an aber kommen Prostituierte rein. Hier werden sie in Ruhe gelassen. „Wir sind eine Art Schutzraum“, sagt Heinrich. Um sie soll es also heute Abend gehen. „Würdigen wir zusammen unsere Huren“, ruft Joy Johnson, und los geht’s.

Mit Joy Johnson auf der Bühne steht, ebenso imposant, Tonia Tornado in schwarzem Kleid und mit ordentlich Tüll um die Hüften. Die Perücke sitzt, pink und blau glitzert es auf ihren Augenlidern. Gekonnt schieben sie sich die Bälle zu. Ein Wort ergibt das andere, das Publikum wird einbezogen, genauso wie „die Wirtin“ Heinrich. Sie erzählen von den Tricks der Huren und von Massagen, die nicht der Verbesserung der Gesundheit dienen. Dazwischen wird gesungen. Neben den beiden machen das Varian Hall, „unser kleines ungarisches Mädchen“ – das in Wirklichkeit genau wie die anderen aus Stuttgart kommt und vielmehr riesig als klein ist – und das echte Altstadturgestein Coco. Sie singen Hildegard Knef, Trude Herr, Klaus Hoffmann und Mary. Die meisten Lieder werden umgedichtet – aus dem Klassiker „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ wird „In der Altstadt in Stuttgart um eins“.

Kaum zu glauben, dass die Herren, die an diesem Abend Frauen sind, nur zwei Tage geprobt haben. Alle bis auf Coco, der Rentner ist, haben Berufe. Tonia Tornado ist Wirt im Stuttgarter Westen, Joy Johnson Weltmeister im Nageldesign und Varian Hall Herrenschneider, seine Kostüme schneidert er alle selbst.

Die kleinen Fauxpas machen die Show so besonders

Zeit blieb nicht viel, die Stücke einzustudieren. „Das ist praktisch Improvisations-Theater“, sagt Heinrich. Die winzige Bühne, auf der gesungen wird, ist ein Geschenk des Theaters der Altstadt. Doch gerade die kleinen Fauxpas sind es, die die Travestieshow in der Jakobstube so besonders und schrullig im positiven Sinn machen. „Wir wollen, dass es authentisch ist und nicht Hochglanz“, sagt Heinrich. „Wir können hier ganz viel ausprobieren“, sagt Varian Hall. Außerdem sollen ernste Themen angeschnitten werden. So wird an diesem Abend auch die Armutsprostitution angesprochen. Dazu mimt Tonia Tornado, mit Lidl-Tüte in der Hand, ein Mädchen aus Bad Cannstatt. Die vier Damen führen außerdem in das Vokabular des Rotlichts ein, erklären etwa Begriffe wie Tunte oder Sperrgebiet, Joy Johnson tut das folgendermaßen: „Die Tonia Tornado darf draußen sitzen und ‚Hallo’ sagen – aber Zwinkern darf sie nicht.“

Wer während der Show nicht ruhig ist, wird von Heinrich gerügt und anschließend mit Brotschnaps ruhig gestellt. Dieser dient außerdem dazu, sich die Gäste während der Pause schön zu saufen, wie Joy Johnson empfiehlt, auch wenn es bei manchen „erhebliche Mengen mehr bedarf“.

Mit Veranstaltungen wie der Travestieshow, aber auch mit Lesungen und Bürgerdialogen will Heinrich das Leonhardsviertel wiederbeleben: „Es sollen auch Menschen herkommen, die dachten, hier kann man sich nicht aufhalten.“




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