Trend Face-Reading Ist mein Gesicht an allem schuld?
Face-Reading hat Konjunktur. Aber kann man wirklich von Nase, Stirn und Augenbrauen auf den Charakter und den Gesundheitszustand schließen?
Face-Reading hat Konjunktur. Aber kann man wirklich von Nase, Stirn und Augenbrauen auf den Charakter und den Gesundheitszustand schließen?
Wer weiß, ob Michael Jackson noch glücklich leben würde, hätte er sich nicht beim Schönheitschirurgen unters Messer gelegt. Der Volksmund glaubt: „Wie die Nase eines Mannes, so sein Johannes.“ Elke Hauenstein-Stief sieht in Nasen noch mehr. Sie behauptet, dass eine kompakte, breite Nase dem Menschen Stabilität verleihe und ihn wie einen Baum im Leben verankere. Dass es mit Michael Jackson nach der Nasenkorrektur bergab ging, ist für die Gesichtsleserin deshalb nur folgerichtig. Mit seinem kleinen Näschen sei er fortan anfälliger gewesen, sich von herausfordernden Situationen durchwirbeln zu lassen, schreibt sie.
Gesichter verraten viel über Menschen. Deshalb beginnen Neugeborene auch schon nach wenigen Wochen, in den Gesichtern ihrer Eltern zu lesen. Denn die Gefühle des Gegenübers interpretieren zu können, kann überlebenswichtig sein, weil sich so Konflikte umgehen lassen. Neurobiologisch scheint der Mensch recht gut gerüstet zu sein, zumindest grundlegende Emotionen wie Freude und Überraschung, Wut, Ekel oder Angst ablesen zu können.
Trotzdem boomt derzeit der Markt für Gesichtslesen – oder auch Psycho-Physio-gnomik, die meint, aus der Kopfform und bestimmten Gesichtszügen auf den Charakter schließen zu können. Im Internet finden sich zahllose Angebote von „Face-Reading-Akademien“ und Coaches. Sie versprechen Erfolg oder Gesundheit, sobald man „die Macht des Lesens von Gesichtern“ besitzt oder weiß: „Womit muss ich beim Gegenüber rechnen?“ Wer über dieses Geheimwissen verfügt, kann Menschen angeblich „wie ein Buch“ lesen und soll fortan sogar „tiefgreifendere Verbindungen“ mit ihnen aufbauen können.
Elke Hauenstein-Stief will in ihrem neuen Buch „Dein Gesicht spricht zu dir“ dagegen helfen, sich selbst besser zu verstehen und durch den Blick in den Spiegel Tipps zu bekommen, wie man sein „ungenutztes Potenzial“ ausschöpft, seine Gesundheit fördert oder auch besser schläft. Sie ist von Haus aus Logopädin und Stimmtrainerin, hat sich dann aber mit der Traditionellen Chinesischen Medizin und der Fünf-Elemente-Ernährung beschäftigt. Im alten China waren körperliche Berührungen verpönt, weshalb sich vor 2000 Jahren Puls-, Zungen- und Geruchsdiagnose etablierten, man aber auch begann, im Gesicht nach Hinweisen auf Erkrankungen zu fahnden.
Dass Face Reading derzeit Konjunktur zu haben scheint, passt in unsere kompliziert wirkende Zeit, denn sie schürt den Wunsch nach einfachen Lösungen. Es wäre ja auch zu schön, wenn ein Blick ins Gesicht genügte, um zu wissen: Das ist ein guter Kerl – oder ein Lügner. Verführerisch scheint auch die Vorstellung, dass Ärzte einem ohne teure Diagnoseverfahren direkt ins Gesicht sagen können, was einem fehlt. Sogar in manchen Unternehmen sollen Personalmanager Face-Reading-Theorien nutzen, um „die Wahrheit“ über die Bewerber herauszubekommen und Kandidaten zu überführen, die nur nach außen hin einen guten Eindruck machen.
Dass solcherlei Theorien verfangen, liegt daran, dass in ihnen oft ein Fünkchen Wahrheit steckt. So hat auch Elke Hauenstein-Stief sicher recht damit, dass der Lebensstil Spuren im Gesicht hinterlässt. So wie man im Sport den Bizeps trainiere, trainiere man beim regelmäßigen Lachen auch seine Lachmuskeln, sagt sie, was das Gesicht verändere. Aber lassen sich an Nase oder Augenbrauen tatsächlich „Talente, Anlagen, Defizite und Dispositionen erkennen“, wie sie behauptet? Und genügt es, sein Gesicht lesen zu können, um zu erfahren, „was wir im Leben wirklich wollen und brauchen“?
Wie in den meisten Pseudowissenschaften fehlen in der Regel verlässliche Beweise, dass man vom Gesicht auf den Gesundheitszustand oder gar den Charakter schließen könnte. Deshalb wurde in der Geschichte schon viel Missbrauch betrieben mit den mehr oder weniger kruden Thesen.
Der Schweizer Pfarrer und Philosoph Johann Caspar Lavater (1741–1801) behauptete, dass Stirn, Nase oder Kinn verrieten, wie tugendhaft oder intelligent ein Mensch sei. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde die Physiognomik dann genutzt, um bestimmte Ethnien als aggressiv, faul oder triebhaft darzustellen. Vermessungen von Körpern in Kolonien sollten angebliche „Rassenunterschiede“ belegen und die Ausbeutung bestimmter Gruppen legitimieren. Die Nationalsozialisten behaupteten perfide, jüdische Menschen an der Nase oder einem fliehenden Kinn erkennen zu können.
Ganz neue Probleme zeichnen sich bereits jetzt durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz zur Gesichtserkennung ab. In China machte vor einigen Jahren eine neue KI Schlagzeilen, die „Verbrecher“ angeblich an ihrem Gesicht erkennt. Aber Menschen wie KI greifen immer auf Stereotype zurück, wenn sie vom Aussehen auf Eigenschaften schließen. Die Bewertung von Merkmalen ist nie neutral oder faktisch belegbar, sondern basiert auf kulturellen Vorurteilen: Harte Züge werden gern als streng gedeutet, eine hohe Stirn als Zeichen für Intelligenz. Aber ist wirklich jeder Mensch mit hoher Stirn überdurchschnittlich intelligent, und können es Personen mit niedriger Stirn von vornherein nicht sein?
Auch das Buch von Hauenstein-Stief steckt voller fragwürdiger Kurzschlüsse. Sie zieht Promis heran, um ihre Thesen zu veranschaulichen. Bei Arnold Schwarzenegger schließt sie von seiner ausgeprägten Stirn, den großen Ohren und dem starken Kinn auf „Weisheit, Nachsicht, Mut, Willenskraft“. Wer wie er ein „Wasser-Typ“ ist, dem rät sie, viel Salziges zu essen sowie Nahrung mit hohem Wassergehalt – Suppen oder Melone.
Robert Redfords buschige Augenbrauen und sein ausgeprägter Unterkiefer sprechen laut Elke Hauenstein-Stief dagegen für „Holz-Energie“, die, man ahnt es, für Vorankommen und Durchsetzungsvermögen steht, weshalb sie auch Reinhold Messner Holz-Energie zuschreibt.
Übrigens: Wer es noch nicht zu Wohlstand gebracht hat, könnte einfach nur das falsche Gesicht haben. Dass Jeff Bezos mit Amazon sehr reich wurde, verdankt er aus Sicht der Autorin nämlich seinen Polstern am Unterkiefer. Die, so Elke Hauenstein-Stief, bezeichnen „wir Face Reader als Money-Bags, als Energie- bzw. Finanzspeicher fürs hohe Alter“.