Trendhobby DJ Warum wollen plötzlich alle DJ sein?

Macht am Mischpult: Was ist am DJ-sein so reizvoll? Foto: Alfonso Scarpa/Unsplash

Auf einmal wimmelt es im Umfeld unserer Redakteurin nur so von DJs und denen, die es werden wollen. Ist das noch cool oder schon die Vorstufe zu Rennrädern und Möchtegern-Baristas?

„Hey Leute, checkt mein neues Set aus“, schreibt meine Freundin Amira in unsere WhatsApp-Gruppe. Dazu schickt sie einen Link zu Soundcloud, der Plattform, auf der man als Privatperson oder Künstler:in Audiodateien aller Art hochladen und streamen kann. Dann fordert sie uns auf, den Mix zu liken und bei Gelegenheit noch zu kommentieren. Klar, kein Problem. Nur wenige Tage später folgt dann die Einladung, Samstag im Lehmann vorbeizuschauen – allerdings nicht von Amira, sondern von einem anderen Kumpel, der dort auflegt.

 

Ob wir vorbeikommen wollen? Sicher. Moment – geht das überhaupt? Sind wir nicht eigentlich im Proton, weil Chiara an dem Abend spielt? Als dann noch Nils ganz stolz von seinem neu gekauften DJ-Controller von Pioneer berichtet und mit Annie zu fachsimpeln beginnt, weil die sich ebenfalls eins geholt hat, und beide mich fragen, ob sie nicht auf meiner nächsten WG-Party auflegen können, kriege ich endgültig die Krise.

Same Story, different Topic

Bitte nicht falsch verstehen: Jeder darf die Hobbys ausleben, auf die er oder sie Lust hat. Und auf jeden Freund und jede Freundin, die sich verwirklichen möchte, bin ich mehr als stolz. Aber warum immer alle gleichzeitig – und alle dasselbe? Ich erinnere mich noch genau, als auf einmal jeder anfing, sich ein Rennrad zu kaufen, am Wochenende mit Tour-Vorschlägen um die Ecke zu kommen und das Rad unübersehbar im Wohnzimmer an die Wand zu hängen – nur um es dann unter viel Geächze aus dem vierten Stock auf die Straße zu schleppen. Oder als sich die ersten meiner Freund:innen für Siebträgermaschinen, Latte-Art und die perfekte Grad- und Sekunden-Anzahl beim Kaffee kochen zu interessieren begannen. Same Story, different Topic. Und nun ist es dasselbe: Auf einmal liebt jeder Techno (ja, auch ich), kennt sich mit mit Decks, Loops, Sync und Beats aus (da bin ich raus), verbringt seine Freizeit am Controller und shazamt im Club jeden zweiten Song, weil „der super ins nächste Set passt“.

Alles unter Kontrolle

Seit wann können wir nicht mehr normal feiern gehen, sondern müssen uns automatisch auf die andere Seite der Menge sehnen? Hat das etwas mit Kontrolle zu tun? Statt die im Publikum einfach abzugeben, zu tanzen, zuzuhören und auf den nächsten Banger zu hoffen, übernimmt man als DJ die volle Verantwortung für die musikalischen High- und Low-Lights. Ganz schön viel Druck, wenn man mich fragt. Einen klaren Vorteil hat das jedoch auch: Es wird nur das gespielt, was man selbst auch feiert. Unerfüllte Songwünsche und langes Warten gehören der Vergangenheit an. Außerdem hat es natürlich etwas, der schwitzenden Menge zu entkommen und stattdessen im abgetrennten Bereich hinter dem Pult tanzen zu können. Und wenn ich mir dann noch anschaue, wie sich die Fans meiner Freundin Chiara im Anschluss an ihren Proton-Auftritt bei ihr bedanken, kleine Loveletter via Instagram schicken und sie reihenweise auf Soundcloud abonnieren, verstehe ich die Begeisterung noch ein bisschen mehr.

Frauen an die Decks!

Natürlich hat es noch einen weiteren Vorteil, dass sich gerade gefühlt ausnahmslos alle auf die DJ-Controller stürzen: Seit 2012 hat sich der Anteil weiblicher DJs im elektronischen Bereich mehr als verdoppelt. Das lässt zumindest eine Studie des feministischen Netzwerks Female Pressure erahnen, die letztes Jahr zum sechsten Mal veröffentlicht wurde. Während 2012 gerade mal 9,2 Prozent der DJs auf Festivals weiblich waren, waren es 2022 und 2023 schon ganze 29,8 Prozent. Wir sprechen hier zwar von Festivals und nicht von Clubauftritten, dort sieht es aber ähnlich aus. Und ja: Meine Freundinnen tragen definitiv auch dazu bei, diese Anteile nach oben zu treiben und für eine durchmischtere DJ-Landschaft zu sorgen. Darauf kann man also auch stolz sein.

Mehr Chiara, weniger Klaus

Und vielleicht ist es gerade deswegen auch in Ordnung, dass die Hemmschwelle, selbst Musik zu machen – oder sie zumindest zu spielen – so gesunken ist. So ist es immerhin nicht nur Tim, Martin und Klaus vorbehalten, sich mit leicht überschätztem Selbstwert und Können am DJ-Pult auszuleben, sondern bringt auch echte Talente wie Chiara hervor, die mittlerweile international auf Festivals spielt und sich ihre eigene kleine Fanbase aufgebaut hat. Am Ende will ich mich also gar nicht beschweren, nicht zuletzt, weil mir meine DJ-Freundschaften mit Freigetränken und Gästelisteplätzen auch den ein oder anderen Vorteil bringen. Einen eigenen Controller werde ich mir trotzdem auf keinen Fall kaufen, auch wenn ich mal ganz kurz drüber nachgedacht habe. Dann doch lieber ein Rennrad. Mit dem schwimme ich wenigstens nicht so im Mainstream.

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