Trends beim Wohnen „Menschen haben Lust auf Rückzugsräume“

Blick in ein von Innenarchitekt Jens Wendland gestaltetes Apartment in Düsseldorf. Dieses Beispiel für gelungene Innenarchitektur findet sich im „bdia Handbuch Innenarchitektur 2021/22“, erschienen im Callwey-Verlag. Foto: Hans Jürgen Landes/Callwey-Verlag

Pia A. Döll, Präsidentin des Bundes deutscher Innenarchitekten, über Wohntrends, Herausforderungen bei Umbauten und die Kunst, die richtigen Fragen zu stellen.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Stuttgart - Immer häufiger werden alte Einfamilienhäuser und Wohnungen gekauft und umgebaut, auch weil neue Häuser und Grundstücke immer teurer werden. Auch weil während des Lockdowns wegen der Corona-Pandemie die Menschen in ein schöneres Zuhause investiert haben, sind Innenarchitekten und Architekten viel gefragt. Die Innenarchitektin und Präsidentin des Bundes deutscher Innenarchitekten Pia A. Döll sagt, wie sich die Wohnwünsche verändert haben und worauf Bauherren achten müssen, wenn sie Objekte umbauen und sanieren.

 

Frau Döll, Baden-Württemberg hat einen Staatspreis Umbaukultur ausgerufen, den gibt es auch andernorts. Steigt die Nachfrage nach Umbauten?

Wahr ist, dass es immer weniger leere Baufelder gibt, und wir werden öfter gefragt, was bei einer Umnutzung oder einem Umbau wichtig ist. Auch Architekten machen inzwischen häufiger Umbauten. Seit Corona kommen die Menschen dazu, die schon ein Zuhause haben und wissen, was ihnen das wert ist, und die überlegen, was sie verändern sollten. Sie wollen vielleicht umbauen, brauchen einen Raum fürs Homeoffice.

Wann ist es denn sinnvoll, eher Innenarchitekten als Architekten hinzuzuziehen?

So oder so ist es am besten, früh zu fragen, dann spart man viel Geld. Wir Innenarchitektinnen sind vielleicht mehr darin geübt, auch Detailfragen wie Lichtschalter, Farbkonzepte zu bedenken. Und durch geschickte Fragen herauszufinden, was die Bauherren wirklich benötigen: Wie ist der Lebensalltag? Wie viel Raum braucht jeder? Kocht jemand viel oder wenig? Wie sieht es mit Kindern aus, wo sollen sie ihr Reich haben? Was für eine Art Bad braucht man?

Was bietet Innenarchitektur an?

Wir entwerfen Raumkonzepte, von der Elektrik für die Lichtplanung über den Bodenbelag bis zur Wandbeschichtung, Raumgrößen, Tageslicht, Fensteröffnungen. Wir helfen, bauliche Dinge so intelligent wie möglich zu lösen und den Raum optimal zu nutzen, Lösungen auch für kleine Räume zu finden. Wir dürfen Wände, Fenster versetzen. Und je nach Bundesland ist es uns erlaubt, Häuser bis zu 200 Quadratmeter zu entwerfen.

Worauf ist beim Bauen im Bestand zu achten?

Man sollte alles vorher vertraglich regeln und besprechen, welche Leistung man von der Innenarchitektur abrufen will. Man weiß nie, was auf einen zukommt. Wichtig ist also, alles frühzeitig anzumerken, einen Statiker hinzuzuziehen, den Brandschutz zu bedenken. Ich sage oft: Rechnen Sie 20 Prozent mehr als erwartet. Die Baukosten müssen transparent sein, es gibt während der Bau- oder Umbauphase oft Preissteigerungen, etwa durch verzögerte Bauzeiten, die nicht in der Hand der Innenarchitekten oder Architekten liegen.

Manche Menschen staunen, wenn sie hören, dass ein Umbau 200 000 Euro oder mehr kostet. Haben Sie ein Preis-Beispiel?

Sie haben zum Beispiel 150 000 Euro und wollen damit eine Eigentumswohnung umbauen. Dann rechnen Sie davon 20 Prozent Mehrwertsteuer, 20 Prozent Innenarchitektur-Honorar, dann bleiben noch 75 000 Euro für Bad mit frei stehender Wanne zum Beispiel und gut ausgestatteter Küche, die allein schon jeweils mindestens 20 000 Euro kosten. Und der Rest mit neuen Wänden, Türen, Fenstern, Elektrik – das schafft man für das übrige Geld gar nicht. Wichtig ist es, die Kunden darüber vorher aufzuklären.

Beim Umbau eines Objektes aus den 50er bis 80er Jahren: Ist es besser, alles neu zu entwerfen, oder sollte der Stil der Zeit erhalten bleiben?

Ich finde es gut, wertige Einbauten, Treppen zum Beispiel, zu erhalten, fein zu restaurieren. Und diese aber mit neuen Elementen, neuer Technik zu kombinieren, die Ausdruck unserer Zeit sind, sonst wird es museal.

Während des Lockdowns waren die Menschen viel daheim. Hat das die Wohnwünsche verändert?

Im Moment geht der Trend zu kleinen Zimmern mit Türen, es ist nicht mehr immer alles offen, loftartig. Das Schlafzimmer wird kleiner, reduzierter. Menschen wünschen sich ein angrenzendes Schrankzimmer oder Ankleidezimmer, damit sie im Schlafzimmer mehr Freiraum haben, einfach nur zu entspannen. Trends haben ja mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun. Wenn man also jetzt den ganzen Tag zusammen ist, bekommt man offenbar doch auch wieder Lust auf Rückzugsorte.

Wenn ältere Einfamilienhäuser umgebaut werden, sieht man aber weiterhin häufig, dass aus drei kleinen Räumen ein offener Küchen-Wohn und Essbereich wird.

So etwas wie die gute Stube gibt’s kaum noch. Es wird in die Küche investiert, in eine Essecke, heute wird eher hier auch Besuch empfangen, Kaffee und Kuchen auf dem Sofa gibt es immer weniger, das ist mein Eindruck.

Machen Sie Vorschläge zum Stil der Einrichtung?

Innenarchitekten sind Servicedienstleister. Ich drücke den Kunden nicht meinen Stempel auf. Es geht um die individuelle Persönlichkeit der Bauherren, und darum für ihre Bedürfnisse das Beste aus dem Raum zu machen.

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Das klingt, als müssten Sie auch in Psychologie fit sein.

Es gibt je nach Hochschule die Möglichkeit, in freiwilligen Fächern Psychologie zu belegen. Wir sind aber ohnehin wahrnehmungsgeschult, ich kenne keine Innenarchitekten, die nicht an Menschen interessiert sind. Ich mache meine Erstgespräche zum Beispiel am liebsten in dem alten Zuhause der Kunden, dann sehe ich schon, wie sie leben, was sie vielleicht brauchen.

Nicht immer sind Bauherren vermutlich einer Meinung, wie sie sich neu einrichten wollen?

Unsere Aufgabe ist dann zu vermitteln. Wenn etwa eine Kundin mir zuraunt, dieser hässliche Sessel könne auf keinen Fall mit umziehen, der Mann sich aber davon nicht trennen will, dann wäre mein Vorschlag zum Beispiel, ob man den Sessel aufarbeitet, neu polstert, damit beide daran Gefallen finden.

Die technische Ertüchtigung alter Objekte ist auch ein Thema bei Umbauten, wie wichtig sind Smart-Home-Elemente?

Ich erlebe einige Menschen, die sagen, wir sind so viel unterwegs, und immer ist es ein Problem mit der Technik. Mal muss ich klatschen, dann rufen oder winken, und weiß dann immer noch nicht, ob das Badlicht angeht oder der Fernseher in der Versenkung verschwindet. Viele wünschen sich daher eine entsprechend reduzierte Technik. Manche schätzen aber auch technische Neuheiten, etwa einen elektronischen Fingerabdruck statt eines Schlüssels, um die Tür zu öffnen. Oder die Möglichkeit, mit dem Handy Funktionen im Haus zu steuern. Dann ziehe ich einen Elektroplaner mit hinzu, der die Möglichkeiten durchspricht.

Wie wichtig ist Nachhaltigkeit bei Umbauten?

Das ist eine spannende Diskussion. Was ist wirklich nachhaltig? Es geht dabei nicht nur um Objekte, die aus natürlichen, wiederverwertbaren Materialien wie Holz, Leinen, Baumwolle sind oder die schon recycelt wurden.

Sondern?

Wichtig wäre auch, etwa bei Möbeln und Accessoires lieber weniger zu kaufen und auch gebrauchte, aber dafür hochwertigere und damit langlebigere Objekte. Es geht auch um die Lebenszeit der Gebäude. Ein Kunststoffboden zum Beispiel lebt lange. Wenn er 20 Jahre lang gebraucht wird, ist nachhaltiger als ein anderer Belag, der schneller ausgewechselt wird. Es gibt auch Firmen, die nehmen alte Teppiche zurück, das ist auch nachhaltig. Wichtig wäre, dass nicht nur die Bauherren bereit wären, für Nachhaltigkeit mehr zu bezahlen, sondern dass auch der Staat die Produkte anders besteuert und so Signale setzt.

Müsste das Bewusstsein dafür schon früher geweckt werden in der Gesellschaft?

Das deutsche Architekturmuseum bietet für Pädagogen Schulungen an, viel Material und Unterrichtsvorlagen. Sie werden aber leider wenig abgerufen. Wir Menschen leben umgeben von Architektur. Architektur formt den Menschen. Wenn ich ein Bürgerbüro einrichte, muss ich auch sehen: wie viele Barrieren werden zwischen den Mitarbeitern der Stadt und den Bürgern errichtet? Oder wie eingeladen fühlen sich die Bürger hier? So wirkt sich die Innenarchitektur auch darauf aus, wie die Menschen die Stadt wahrnehmen.

Nicht nur Häuser und Ämter, auch Büros werden immer häufiger von Innenarchitekten gestaltet. Woher kommt das?

Büroraumgestaltung ist ein wichtiges Thema. Wenn die Lehrstellen knapp sind, arbeitet man überall. Doch es ist für eine Firma besser und produktiver, wenn sie die Menschen möglichst lange an sich binden kann, etwa dadurch, dass die Arbeitnehmer sich an ihrer Arbeitsstelle wohlfühlen. Daher investieren Arbeitgeber auch in die Innenraumgestaltung, weil sie einfach bessere Fachkräfte bekommen, die an dem Ort auch lieber - und besser - arbeiten.

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Info

Zur Person
Die in Frankfurt am Main lebende Innenarchitektin Pia A. Döll ist Präsidentin des 1952 gegründeten Bundes deutscher Innenarchitekten (bdia).

Innenarchitekten
Innenarchitekt/Innenarchitektin ist ein geschützter Berufstitel. Man muss in einer Architektenkammer (seines Bundeslands/ Wohnorts) eingetragen sein, um den Titel führen zu dürfen. Über die Eintragung entscheidet die jeweilige Architektenkammer, Voraussetzung ist ein anerkanntes Hochschulstudium der Innenarchitektur. Der Bund deutscher Innenarchitekten (bdia) ist der freiwillige Berufsverband der Innenarchitekten in Deutschland. Er wahrt Qualität und Interessen des Berufsstandes und engagiert sich in der beruflichen Fortbildung. Laut Satzung des bdia können ausschließlich Innenarchitektinnen und Innenarchitekten Mitglied werden, Studierende des Fachs Innenarchitektur sowie Personen, die zwar das Fach studiert haben, aber sich nicht in eine Kammer eingetragen haben (das sind dann außerordentliche bdia-Mitglieder mit weniger Stimmrecht innerhalb des Verbands). Über die Aufnahme in den bdia wird laut Satzung entschieden, nachdem ein Antrag auf Mitgliedschaft gestellt wurde.

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