Charakteristisch für den Menschen ist sein aufrechter Gang, seine Fähigkeit zu laufen. „Laufen machte uns menschlich – zumindest in anatomischem Sinne. Wir betrachten das Laufen als das am stärksten verändernde Ereignis in der Geschichte der Menschheit“, lautet das Resümee des Biologen Dennis Bramble von der Universität von Utah und des Anthropologen Daniel Lieberman von der Harvard-Universität. In ihren oft zitierten Studien untersuchten die Forscher anhand von Fossilien die Entwicklung des Menschen im Unterschied zu ihren affenähnlichen Vorfahren. Ausschlaggebend könnte die Notwendigkeit gewesen sein, lange Strecken laufend zurückzulegen. Nach dieser im Fachmagazin „Nature“ veröffentlichten Studie formte möglicherweise die Fähigkeit zu rennen unsere Anatomie und machte uns damit zu dem, was wir heute sind.
Millionen laufen regelmäßig
Kein Wunder also, dass der Mensch von heute so gern läuft, über Waldwege und durch städtische Parkanlagen, völlig egal. Laut dem Portal Statista schnüren mehr als 22 Millionen Menschen in diesem Land regelmäßig ihre Laufschuhe und legen oft beachtliche Strecken zurück. Und es werden immer mehr. Oft hat man den Eindruck: Man macht etwas falsch, wenn man nicht gerade auf einen Halbmarathon trainiert.
Der Ausdauersport ist auch deswegen so populär, weil er jederzeit und praktisch überall möglich ist, zudem ist die Ausrüstung im Vergleich zu anderen Sportarten günstig, wenn es um die Kosten geht. Man denkt: Die Evolution hat uns Füße geschenkt, jetzt braucht man als Schreibtischarbeiter nur noch ein angesagtes Paar Laufschuhe aus dem Internet – schon kann es losgehen!
Schief belastete Wirbelsäulen
Doch so simpel ist das nicht mit dem Laufen. Denn viele, die ihre Tage sitzend im Büro verbringen und abends zur Tüte Chips gern mal eine Runde Netflix schauen, besitzen tendenziell eine eher schwache Muskulatur. Zudem kennen sie ihre Füße, mögliche Fehlstellungen derselben und den eigenen Beinapparat kaum. Wenn sie dann loslaufen, um etwas für ihre Gesundheit zu tun, verfallen sie automatisch in einen Zivilisationslaufstil und riskieren Schmerzen. Zivilisationslaufstil? „Einem Laufeinsteiger mit wenig Kraft und Koordination fehlt die Muskulatur, die Rücken und Beinachse gut stabilisiert“, erklärt Matthias Marquardt, bekannter Sport-Orthopäde, Autor zahlreicher Bücher über das Laufen und selbst Triathlet, seine Worterfindung. „Dann passiert beim Laufen Folgendes: Das Becken kippt zur Seite und die Beinachse wird zum X-Bein. Hierdurch wird die Wirbelsäule schief belastet. Außerdem geht der Läufer weit in die Knie, um den Stoß abzufangen, was die Kniegelenke vermehrt belastet. Das nennt man Zivilisationslaufstil.“ Wer also genau hinschaut, kann in der Grünanlage einer Stadt vielen perfekt gestylten Joggern dabei zuschauen, wie sie ihrem Körper mit falscher Technik und schlapper Athletik eher schaden als Gutes tun.
Der Kult um die Technologie
Oft liegt das auch am falschen Schuhwerk. Auch wenn es in manchen Kreisen mittlerweile ziemlich cool ist, sich bei der „Technologie“ moderner Laufschuhe anscheinend auszukennen, mit dem Wissen über Rückstellkräfte und Carbonplatten in den schaum- oder gelgedämpften Sohlen anzugeben, liegt die Wahrheit am Ende doch woanders: nämlich bei der Laufanalyse im Fachhandel. Wer klug ist, bestellt keine Laufschuhe im Internet, auch wenn die führenden Sportartikelhersteller mit ihrem Marketingkauderwelsch und irgendwelche Hitlisten von Magazinen das Laufglück vom Himmel versprechen.
Videoanalyse und Laufband
Und auch hier sollte man kritisch sein. „Eine solide Schuhberatung in einem Fachgeschäft kann man daran erkennen, dass der Verkäufer sich der Beinachse in der Analyse ebenso zuwendet wie dem Fuß. Die Videoanalyse der Füße, wie sie in vielen Geschäften stattfindet, ist hilfreich, kann aber die Analyse der gesamten Beinachse nicht ersetzen“, sagt der Sportmediziner Matthias Marquardt aus Langenhagen bei Hannover. In guten Geschäften werden Läuferinnen und Läufer per Videoanalyse und Laufband beraten.
Meistverkaufte Laufschuhe
So individuell unsere Füße sind, so unterschiedlich sind auch die Laufschuhe. Weit mehr als 100 Modelle kommen infrage, und nicht immer sind die am besten gedämpften Schuhe, die farblich ansprechendsten oder die meistverkauften Treter die richtige Wahl. Eines der beliebtesten Modelle ist seit Jahrzehnten der Gel-Kayano von Asics, der regelmäßig neu aufgelegt wird. 1993 führte der japanische Hersteller die Kayano-Serie ein, benannt nach seinem Designer Toshikazu Kayano. Doch das heißt nicht, dass man selbst diesen Klassiker ohne Anprobe und Laufanalyse bedenkenlos im Internet bestellen sollte.
Wie oft und wie lang?
Jeder Fuß ist anders. Auf welchem Belag läuft man? Wie oft und wie lang? Ist man eher ein Vorfußläufer oder lässt man sich beim Auftreten auf die Ferse plumpsen, wie die meisten Anfänger? Macht man noch andere Sportarten? Wie sieht es mit Krafttraining und Stretching aus? Fragen über Fragen.
Auch geizig sollte man nicht zu seinen Füßen und Kniegelenken sein. „Ja, für einen qualitativ hochwertigen Laufschuh würde ich mindestens 120 Euro ausgeben“, empfiehlt der Laufexperte Matthias Marquardt, der selbst seine 30 bis 40 Kilometer pro Woche in einem Laufschuhklassiker absolviert, dem Kinvara von Saucony. Ein Schuh für dynamische, erfahrene Läufer mit einer angenehmen Dämpfung, die viel Rückmeldung gibt über die Beschaffenheit des Untergrunds. Doch was für den einen gut oder schick ist, kann für die andere schmerzhaft werden. Ohne fachliche Beratung läuft’s dann doch nicht.