Trennung nach dem Urlaub Stresstest Urlaub: Und plötzlich sieht man sich 24/7

Stresstest Urlaub – die Erwartungen sollten nicht zu hoch sein. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Nach dem Urlaub trennen sich viele Paare. Eine Stuttgarter Paartherapeutin erklärt, worauf Paare achten können, damit der Urlaub nicht zur Belastungsprobe wird.

Familie, Zusammenleben und Bildung: Julika Wolf (jwo)

Krach auf Ibiza, Zoff in der Karibik – und zuhause ist Schluss. Laut Klischee trennen sich Paare sehr häufig nach dem Urlaub. Die Stuttgarter Paartherapeutin Annette Bornhäuser erklärt, was dran ist. Und worauf Paare achten können, damit der Urlaub nicht zur Belastungsprobe wird.

 

Frau Bornhäuser, trennen sich Paare wirklich häufiger nach dem Urlaub?

In den Medien liest man das tatsächlich häufig. Um gesicherte Aussage darüber treffen zu können, müssen wir uns allerdings Umfragen und wissenschaftliche Studien anschauen. Eine Längsschnittstudie aus den USA hat festgestellt, dass Scheidungen häufig kurz nach den Frühlings- und den Sommerferien eingereicht werden. Auch laut einer repräsentativen Umfrage der Dating-Plattform Elite Partner in Deutschland haben sich knapp zehn Prozent der Befragten schon mal während oder kurz nach einem gemeinsamen Urlaub getrennt. In der gleichen Befragung wurde allerdings festgestellt, dass ein ebenso hoher Anteil aller Befragten sich während eines gemeinsamen Urlaubs erneut in ihren Partner verliebt hat. Somit kann man sagen: Urlaub kann Stresstest oder Liebeskick sein – für weniger stabile Partnerschaften kann ein gemeinsamer Urlaub eher happig werden als für resiliente Partnerschaften.

Was kann im Urlaub zum Problem werden?

Der Urlaub ist ein Spiegel der Beziehung. Ohne Alltagstrott zeigt sich, wie gut man miteinander harmoniert. Reisen kann anstrengend sein, es passiert eher mal etwas Unvorhersehbares. Das heißt, Unterschiede werden klarer sichtbar. Außerdem sind die Erwartungen oftmals sehr hoch. Man geht mit der Vorstellung in den Urlaub, alles müsse perfekt sein. Und wenn dann nicht alles nach Plan läuft, der Flieger storniert wird, oder mal Langweile aufkommt, können Erwartungen und Realität hart aufeinandertreffen.

„Der Urlaub ist ein Spiegel der Beziehung“, sagt die Stuttgarter Paartherapeutin Annette Bornhäuser. Foto: Bernhard Frei

Was noch?

Das Thema Finanzen ist bei vielen Paaren schwierig. Gönnt man sich jeden Abend ein Menü oder geht man auch mal im Supermarkt einkaufen? Außerdem hat man mehr Zeit miteinander. Im Alltag verbringen wir mehr Zeit mit unseren Kollegen als mit unserem Partner. Und im Urlaub sieht man sich plötzlich 24/7. So können Konflikte eher zutage treten. Durch die Distanz zum Alltag hat man mehr Zeit zum Nachdenken. Viele Leute fangen an, über sich und ihre Partnerschaft zu reflektieren. Und auch die Rückkehr in den Alltagstrott kann ein Katalysator sein.

Was kann man tun, damit der Urlaub nicht zur Beziehungsprobe wird?

Stichwort hohe Erwartungshaltung: Schon bei der Urlaubsplanung ist es gut, zu klären, was sich jeder Partner wünscht, und was im Urlaub unter einen Hut zu bringen ist. Wie lösen wir das, wenn einer ans Meer und der andere viel lieber in die Berge will? Auch bei den Finanzen muss man schauen, wie viel man ausgeben möchte für Unterkunft, Aktivitäten, Essen und so weiter. Während des Urlaubs ist es gut, eine Balance zwischen gemeinsamen Unternehmungen und eigenem Freiraum zu finden. Oder Kompromisse einzugehen: Heute machen wir das, was du magst, und morgen dann etwas, was ich aussuche. Das muss natürlich ein Geben und Nehmen sein. Und dann muss man sehen, wie man möglichst gelassen bleiben und darüber reden kann, wenn was nicht nach Plan läuft.

Und wenn es mal kracht?

Dafür gibt es einen Notfallkit. Wichtigste Zutat: Gemeinsames Stopp-Signal vereinbaren. Wenn einer merkt, dass das Gespräch gerade eskaliert, wird dieses eingesetzt. Ein Stopp-Signal führe ich grundsätzlich auch mit Paaren ein, die zu mir in die Beratung kommen. Ohne Gefühlsregulation gelingt Klärung meist nicht. Erst wenn Gefühle wieder eingefangen sind, kann man schauen, wie man wieder in ein Gespräch einsteigt. Zweite Zutat: die sogenannte VW-Regel, bei der es darum geht, Vorwürfe in Wünsche zu wandeln. Dabei wird die Schuld nicht beim anderen gesucht, sondern man drückt eigene Bedürfnisse aus. Drittens: Wenn sich die Wogen geglättet haben, sollte man am besten selbst noch mal reflektieren, wo die Triggerpunkte lagen – die eigenen wunden Punkte zu kennen, schützt vor Überraschungen.

Was können Paare nach dem Urlaub machen?

Schöne Urlaubsmomente bewahren, und die, die man als Fotos eingefangen hat, an den Kühlschrank oder als Bildschirmschoner nutzen. Schönes und Gutes aktiv zu priorisieren ist wichtig, denn das Gehirn – unser Überlebensmotor – nimmt deutlich schneller wahr, was ein potenzielles Risiko oder Gefahr darstellen könnte. Und auch hier gilt es, die eigenen Erwartungen mit der Realität abzugleichen. Der Partner soll heutzutage alles sein: bester Freund, Liebhaber, Familien- und Alltagsmanager, Abenteuerpartner, Sinnstifter. Früher hat ein ganzes Dorf diese Bedürfnisse erfüllt. Paarbeziehungen sind aus meiner Sicht häufig überfrachtet mit diesen Erwartungen. Sich das bewusst zu machen, ist immer wieder hilfreich. Vor allem in Zeiten von Social Media, wo man laufend mit perfekt inszenierten Reisebildern konfrontiert ist, gegen die das eigene Leben – das man auch von innen kennt – gar nicht standhalten kann. Auch wenn der Urlaub noch so schön war.

Zur Person

Werdegang
Annette Bornhäuser, Jahrgang 1969, hat Psychologie und Gesundheitswissenschaften studiert und nach ihrer Promotion in verschiedenen Positionen gearbeitet. Darunter als Professorin für Psychologie an der Hochschule der Wirtschaft für Management Mannheim und als Referatsleiterin bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Köln.

Stuttgart
Inzwischen betreibt sie ihre Praxis in Stuttgart, in der sie Psychotherapie und Beratung für Einzelpersonen und Paare anbietet.

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