Betrügerische Spendensammler mit Klemmbrett finden auf Supermarkt-Parkplätzen ihre Opfer – und das auch zum Ärger einer echten Spendenorganisation.
Die Wiederkehr der angeblich gehörlosen Klemmbrett-Spendensammler in und um Stuttgart hat offenbar größere Ausmaße als bisher angenommen. Betroffen sind nicht nur Passanten und Kunden auf Supermarkt-Parkplätzen – sondern auch seriöse Spendenorganisationen, in deren Namen mit gefälschten Spendenlisten gesammelt wird. „Die Zahl der Hinweise bei uns ist stark angestiegen“, sagt Huberta von Roedern, Sprecherin der Hilfsorganisation Handicap International mit Sitz in München. Deren Logo wird auf den gefälschten Zetteln verwendet.
„Monatlich bekommen wir etwa 150 Anrufe und Mails aus dem ganzen Land“, sagt die Sprecherin, „früher waren das vielleicht höchstens zehn.“ Dabei handele es sich lediglich um Betroffene, die misstrauisch geworden seien, das Dunkelfeld dürfte weitaus größer sein. Wie etwa der Fall einer älteren Degerlocherin, die jüngst in einer Tiefgarage eines Supermarkts an der Rembrandtstraße in Möhringen von einer angeblich gehörlosen Jugendlichen bedrängt wurde. Oder eine 32-jährige Kundin eines Lebensmittelmarkts im Stadtteil Fasanenhof.
Hilfsorganisation: „Wir bitten gar nicht um Bargeld“
Schon seit Jahren werden Passanten von den Sammlern überrumpelt. Die angeblich Gehörlosen sind mit ihren Klemmbrettern unterwegs, geben ohne Worte vor, für Behinderte und speziell Gehörlose Gelder und Unterschriften zu sammeln. „Dabei führt Handicap International keine Straßensammlungen durch“, sagt Sprecherin von Roedern, „wir bitten auch gar nicht um Bargeld.“ So etwas gehe heute mit Überweisungen oder über die Internetseite der Organisation.
Nach eigenen Angaben fördert die Organisation Handicap International 400 Projekte in 60 Ländern. Dabei geht es um Physiotherapie, Prothesen oder Rollstühle bei Katastrophen nach Erdbeben, Tsunamis oder Sturmereignissen – vor allem in Asien, Afrika und Nahost. Die Organisation ist auch Teil der Internationalen Kampagne zum Bann von Landminen (ICBL), die 1997 den Friedensnobelpreis erhielt.
Warum die Tatverdächtigen nicht sprechen
Doch den Tätern geht es auch nicht allein um Sammlungsbetrug. Die Schreibkladde dient nach Erfahrung der Polizei auch als Sichtschutz bei Diebstahlsversuchen. „Um an noch mehr Geld zu kommen“, formuliert es ein Beamter der Kriminalprävention. Denn der Sammler hat meist Komplizen im Hintergrund. „Das Neueste ist, dass die Opfer sogar zu einem Geldautomaten gelotst werden“, sagt Handicap-Sprecherin von Roedern. Doch ihre Organisation sammle auch nicht per EC-Karte.
Die Gehörlosen-Masche dient natürlich einem besonderen Zweck: Die vornehmlich aus Südosteuropa stammenden Sammler können so verbergen, dass sie überhaupt kein Deutsch verstehen – und müssen so auch nicht auf kritische Nachfragen antworten.
Betroffenen wird empfohlen, die Polizei zu verständigen, damit diese von den jüngsten Touren erfährt und reisende Gruppierungen womöglich noch im näheren Umfeld erwischt. Auch die Betreiber von Supermärkten oder Geschäften sollten zeitnah etwas über die verdächtigen Personen erfahren, um ihr Hausrecht ausüben zu können.
Der Deutsche Spendenrat, ein Dachverband für spendensammelnde Organisationen, empfiehlt allgemein, besser in aller Ruhe von zu Hause aus gezielt und überlegt zu spenden. Immerhin gibt es in Deutschland mehr als 600.000 Organisationen, die Spenden für gemeinnützige und wohltätige Zwecke entgegennehmen.