Ermittlerinnen und Ermittler des Landeskriminalamtes (LKA) Baden-Württemberg haben ein international agierendes Trickbetrügernetzwerk zerschlagen. In einer der größten Operationen seiner Amtsgeschichte durchsuchten am 18. April hunderte Polizisten unter dem Decknamen „Pandora“ zeitgleich in Deutschland, Albanien, Bosnien-Herzegowina, dem Libanon und Kosovo sowie in Serbien 25 Objekte. Davon waren zwölf sogenannte Callcenter, Telefonzentralen, von denen aus Anrufer sich vor allem bei Senioren als Polizisten, Staatsanwälte, Verwandte, Behördenvertreter ausgaben. Sie schilderten, ein naher Verwandter befände sich in einer Notlage und benötige nun dringend Geld für Kautionen, Anwälte, Strafzahlungen. Deshalb werde man nun einen Polizisten oder Gerichtsbeschäftigten bei den Angerufenen als Boten vorbeischicken, um Geld oder Wertgegenstände abzuholen.
Bei den Durchsuchungen wurden 20 Beschuldigte in den sechs Ländern festgenommen, von denen sich 16 in Untersuchungshaft auf dem Westbalkan oder im Libanon befinden. Einer von diesen soll nach Deutschland ausgeliefert werden. Den anderen werde nach den Gesetzen ihres Landes der Prozess gemacht, sagte der Karlsruher Generalstaatsanwalt Peter Häberle. Nationale Rechtsvorschriften verhindern eine Auslieferung wegen solcher Straftaten an Deutschland. Ins Rollen gekommen waren die Ermittlungen im vergangenen Dezember. In Freiburg hatten sich Trickbetrüger an eine 76 Jahre alte Seniorin gewandt und versucht, 100 000 Euro von ihr zu ergaunern. Als die Frau das Geld abheben wollte, wurde ein Bankangestellter misstrauisch und informierte die Polizei.
Nur wenige Tage später übernahm das LKA den Fall und hörte fortan die Telefonanrufe der Betrüger in Echtzeit mit: „Bis zum 18. April sicherten die Ermittler mehr als 1,3 Millionen Telefonanrufe“, sagte LKA-Präsident Andreas Stenger. Die Behörde selbst baute eine Anrufzentrale auf, in der täglich über 24 Stunden bis zu 25 000 Anrufe mitgehört sowie aus- und bewertet.
Mehr als 11 000 strafrechtlich relevante Telefonate abgehört
Sobald die mehr als 100 Ermittler einschätzten, dass einer der Betrüger Erfolg haben würde, informierten sie entweder im gesamten Bundesgebiet die örtlich zuständige Polizei. Oder riefen die möglichen Opfer an, um sie vor dem anstehenden Betrug zu warnen. Ermittler erzählen, dass Stenger selbst ebenso in der Telefonzentrale Dienst tat wie sechs Wochen lang auch 20 Bereitschaftspolizisten des Polizeipräsidiums. 11 000 der abgehörten Telefonate „haben einen strafrechtlich relevanten Bezug“, sagte Justizministerin Marion Gentges (CDU).
Polizei schneller am möglichen Tatort als die Straftäter
Stenger betonte, sein Amt habe drei Ziele verfolgt: Es habe die Hintermänner des Betruges entdecken, das von ihnen aufgebaute Netzwerk zerschlagen und vorbeugend verhindern wollen, dass die Trickbetrüger erfolgreich ihre Opfer ausnahmen. „Wir waren oft schneller am möglichen Tatort, als die Straftäter“, sagte Stenger. Weil die Beschuldigten außer in Deutschland auch vom Westbalkan und Libanon aus agierten, koordinierte der für Ermittlungen zur Wirtschafts- und Umweltkriminalität zuständige Leiter der Abteilung 3, der leitendende Kriminaldirektor Oliver Hoffmann, zusammen mit der europäischen Polizeibehörde Europol und den Verbindungsbeamten des Bundeskriminalamtes in den jeweiligen Ländern die Durchsuchungen.
Insgesamt gelang es den Ermittlern des LKA über 80 Prozent der in den mitgehörten Telefonaten anlaufenden Betrügereien zu verhindern und die potenziellen Opfer zu schützen. So wurde ein möglicher Schaden von mehr als zehn Millionen Euro verhindert. Als beispielhaft bezeichnete der LKA-Präsident die Zusammenarbeit mit dem erst zum Jahresbeginn geschaffenen Cybercrime-Zentrum bei der Generalstaatsanwaltschaft Karlsruhe. Die mit eigens dafür geschulten Staatsanwälten besetzte Abteilung ist in Baden-Württemberg zuständig für besonders anspruchsvolle Ermittlungen im Bereich der Kriminalität im digitalen Raum. So führte einer dieser Ankläger am 18. April die internationalen Razzien aus der Europol-Zentrale im niederländischen Den Haag.
Auch die Türkei in die Betrügereien verwickelt
Stenger schwieg beredt auf die Frage, ob es Bezüge dieses Falles auch in die Türkei gebe. „Wir haben eine Fülle von Daten auszuwerten und werden wir sehen, welche anderen Länder noch eine Rolle spielen. Wir sind da mitten in den Ermittlungen“, sagte der LKA-Präsident. Sein Chef, Innenminister Thomas Strobl (CDU) sekundierte: „Wir können noch nicht alles sagen, was wir tun.“ Der Politiker warnte vor der Annahme, dass mit dem Erfolg seiner Kriminalen keine weiteren Betrügereien drohten: „Wir sprechen hier von einer perfide vorgehenden Industrie.“
Kritik und Lob für die Operation Pandora kommt vom Deutschen Polizeigewerkschaftler (DPolG) Ralf Kusterer: Er verwies darauf, dass Polizisten wochenlang auf planbare Freizeit verzichtet hätten, „für Zuschläge von 77 Cent an Samstagen und 1,26 Euro zur Nachtzeit“. Dafür würde in der Zivilwirtschaft niemand arbeiten. Dass seine Kollegen trotzdem mit großer Motivation und Eifer gearbeitet hätten, spreche für sie. Es mache aber auch deutlich, „mit welcher fehlenden finanziellen Wertschätzung die Landesregierung denjenigen begegnet, die für die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger einstehen“.