Alles könnte so schön sein – das zeigt die Schweizer Animatorin Marina Rosset, deren Film „La reine des renards“ beim Stuttgarter Trickfilm-Festival (ITFS) im Wettbewerb „Tricks for Kids“ läuft. Die Füchse versuchen, ihre traurige Königin aufzuheitern mit nicht abgeschickten Liebesbriefen der Menschen, die sie in der Stadt aus Mülltonnen fischen. Es wird aber mehr brauchen, um Hierarchieprobleme und falsche Zurückhaltung abzulegen.
Humorvoll, anrührend und zutiefst weise sind Rossets fließende Gemälde. „Gute Kinderfilme sind immer auch gute Erwachsenenfilme“, sagt Iris Loos, langjährige „Tricks for Kids“-Kuratorin beim ITFS. „Da ist alles drin: Ich will Nähe, irgendwas macht mich unzufrieden im Leben, aber ich kriege die Kurve nicht.“ 500 Filme aus der ganzen Welt hat das Auswahl-Team gesichtet, die Schulvorstellungen im Rotebühltreff sind ausgebucht.
Meerestiere vertreiben eine Möwe, indem sie zusammenarbeiten
In „Trudes Tier: Glückshof“ von Klaus Morschheuser aus dem Ludwigsburger Studio Soi retten die Protagonisten zumindest ein Schwein aus prekärer Tierhaltung. In „Buzz“ (Großbritannien) von Andrew Brand und Bryn Chainey unterläuft eine Roboterbiene auf dem Mars die Farmerin und legt ein Pilz-Biotop an. In „Tümpel“ (Schweiz) von Eva Rust und Lena Von Döhren trotzen ein pupsendes Fischchen, ein frecher Seestern, ein missmutiger Krake und andere Meerestiere einer räuberischen Möwe, indem sie zusammenarbeiten. „Das sind relevante Geschichten, die Kinder untereinander diskutieren“, sagt Iris Loos.
Nachhaltigkeit ist ein zentrales Thema der parallel zum Festival laufenden Fachkonferenz FMX im Haus der Wirtschaft, wo internationale Experten sich über Animation, Effekte und vieles andere austauschen. Sie sehen im FMX-Trailer Ausschnitte aus „The Beauty“ (2019), dem Diplomfilm des Schweizer Regisseurs Pascal Schelbli an der Ludwigsburger Filmakademie. Atemberaubende Unterwasser-Ansichten entpuppen sich da als trügerisch: Fische als Plastikflaschen, Quallen als flottierende Plastiktüten, Korallen als Plastikgeschirr. Dafür gab es 2020 einen Studenten-Oscar.
„Ich bin schon eine grüne Socke“, sagt Schelbli, der von Zürich ins Haus der Wirtschaft angereist ist. „Ich bin viel draußen, und wenn in den Bergen nur eine Kippe oder ein Stück Plastik liegt, nervt mich das zu Tode.“ Es hat ihn überrascht und erfreut, dass „The Beauty“ noch einmal zu solchen Ehren kommt und er in einem FMX-Vortrag noch einmal darlegen durfte, wie die ungewöhnliche Mischung aus dokumentarischem Ansatz und Animation zustande kam.
Ein Dokumentarfilm über drei Klimaforscher
„Das wird kritisch gesehen, weil der Dokumentarfilm ja das Medium der unverfälschten Bilder ist“, sagt Schelbli. „Ich finde die weitere Erzählebene reizvoll – sie muss nur klar erkennbar sein.“ Aktuell dreht er einen Dokumentarfilm über drei Klimaforscher, die daran arbeiten, CO2 zu reduzieren. „Ich setze das in den Kontext der aktuellen Klimadebatte, in der sich die Fronten ja gerade verhärten im Umgang mit den Klimaklebern.“ Der Oscar-Preisträger wirkt sehr geerdet. „Die Filmakademie war für mich auch eine Lebensschule“, sagt er. „Es ist ungemein bereichernd, mit Gleichgesinnten zu tun zu haben, die ein ähnliches Feuer haben und coole Filme machen wollen.“
Den diesjährigen Ehren-Trickstar des ITFS bekommt die gebürtige Lettin Signe Baumane, die in New York City lebt und als unabhängige Trickfilmerin explizit weibliche Perspektiven abbildet. In ihrem aktuellen Werk „My Love Affair with Marriage“ schickt sie ihre eigenwillige Protagonistin Zelma, die sich bei Gegenwind in eine kratzige Katze verwandelt, durch alle Widrigkeiten der Frauwerdung: Anpassungsdruck an mädchenhaftes Verhalten, wechselhafte Erlebnisse mit Männern und Sex.
Eine universelle Frauengeschichte
„Der Film ist inspiriert von meinen persönlichen Erfahrungen, aber er spricht viele Frauen an“, sagt Baumane am Dienstagabend am Schlossplatz. „ In Goa sind indische Frauen zu mir gekommen und haben gesagt: Das ist meine Geschichte! In Portugal und in Florida war es genauso – etwas in Zelmas Leben verbindet sich mit Frauen unterschiedlicher Kulturen.“
Als feministische Filmemacherin empfindet sie sich nicht. „Ich versuche zu vermitteln, wie es sich anfühlt, ein menschliches Wesen und eine Frau zu sein mit all den verrückten Gedanken, die einem durch den Kopf gehen“, sagt Baumane, die beim Festival auch in der Internationalen Jury sitzt. „Ich mag Etiketten nicht. Für manche ist der Begriff Feminismus sehr wichtig, andere schleudern ihn mir entgegen als Beschimpfung. Aus irgendeinem Grund ist es in Ordnung, 100 Geschichten aus der Sicht von Männern zu erzählen, aber wenn man eine explizit weibliche Position einnimmt, ist es Feminismus. Das verstehe ich nicht. Wir sind alle Menschen, oder?“
Baumane ist froh, in Stuttgart zu sein – auch wenn die Umstände sie beschäftigen. „Ich bin gerne bei Festivals, zeige meine Filme und trete in Kontakt mit dem Publikum“, sagt sie. „Aber in einer Jury zu sein und einen Preis zu bekommen, das ist für mich seltsam. Der Trickstar ist in Ordnung, weil er nicht für irgendwelche Bestleistungen vergeben wird, sondern für ‚inspirierende Arbeiten‘. Für Menschen also, die in einem dunklen Wald eine Fackel tragen. Davon gibt es viele, und ich bin sehr glücklich, als eine davon anerkannt zu werden.“
Trickfilm-Festival am Donnerstag
Kino
Teil 3 des Internationalen Wettbewerbs läuft um 21 Uhr im Gloria 1, „Tricks for Kids 2“ (ab 6) um 15 Uhr im Gloria 2. Signe Baumanes aktueller Film „My Love Affair with Marriage“ ist um 20 Uhr im Cinema zu sehen, Guillermo del Toros „Pinocchio“ um 20.30 Uhr im Gloria 2.
Open Air
Um 15 Uhr wird auf der Großbildleinwand auf dem Schlossplatz „Meine Chaosfee und ich“ gezeigt, um 20.15 Uhr der Pixar-Film „Soul“.