Trickfilm-Festival Stuttgart Starke Figuren, große Geschichten

„The Soloists“: Drei Damen stemmen sich gegen eine unsichtbare Willkürherrschaft, die Frauen das Singen und den Hund verbietet. Foto: ITFS

Wer ins Stuttgarter Trickfilm-Festival eintaucht, auf den warten fantastische Bildwelten, markante Künstler-Persönlichkeiten und Geschichten mitten aus dem Leben.

Wie ein Lexikon animierter Überzeichnungen wirkt „Black is back“ von François Chalet, der Trailer des Stuttgarter Trickfilm-Festivals. „Ich weiß nichts über die ,12 Prinzipien der Animation‘ und dachte, das sollte ich mal ausprobieren“, sagt der Schweizer Trick-Künstler und meint: Es ging auch ohne. Die Disney-Animatoren Ollie Johnston und Frank Thomas haben diese „12 Prinzipien“ 1981 veröffentlicht, die Teile der Trickfilm-Gemeinde biblisch verehren.

 

Das Festival-Programm 2022 könnte nicht vielgestaltiger, diverser, ideenreicher sein. Im Studentenwettbewerb Young Animation läuft der Puppentrickfilm „An Ostrich told me the World is fake and I think I believe it“ (Australien) von Lachlan Pendragon. Seine Hauptfigur spürt, dass ihre Bürowelt nicht echt ist, sie versucht, aus dem Filmset auszubrechen – doch die Hand ihres allmächtigen Schöpfers ersetzt sie einfach durch einen willfährigen Klon.

Das Unglück der Bürger einer einst freien Stadt

In der Reihe Panorama ist „Dephts of Night“ (Hongkong) zu sehen. Drei weibliche Figuren suchen fehlende Teile ihres Körpers, Augen beobachten sie, Hände greifen nach ihnen, Fäuste wollen sie zerquetschen, Münder sie verschlingen. Elegant fließen die Figuren in einem assoziativen Zeichentrickstrom; darin spiegelt sich das ganze Unglück der Bürger einer einst freien Stadt.

Man darf staunen über die Schönheit der Filme und die Verwerfungen, die sie abbilden. Die Pandemie scheint die Animatoren beflügelt zu haben – das Publikum weniger, die Besucherzahlen schwanken. Vor der Open-Air-Leinwand auf dem Schlossplatz trotzen nur kleine Grüppchen der Kälte, solange es nicht regnet – dieser Mai meint es nicht gut mit dem Festival.

Die Schulkinder haben viele Fragen

Ausgebucht sind die Schulvorstellungen im Wettbewerb Tricks for Kids. Nach dem Aus fürs Metropol-Kino ist er im Treffpunkt Rotebühlplatz untergeschlüpft. Eine Horde Unterstufler sieht dort Kurzfilme. In „The Soloists“ (Frankreich) stemmen sich drei Damen in mitteleuropäischer Szenerie gegen eine unsichtbare Willkürherrschaft, die Frauen das Singen und den Hund verbietet. Die Kinder haben dazu viele Fragen.

Iris Loos, Leiterin des Treffpunkts Kinder und Kuratorin des Filmprogramms, moderiert und gibt Denkanstöße, flankiert vom Stuttgarter Animator Jochen Ehmann. Außerdem sind drei der Filmemacherinnen angereist: „In vielen Ländern haben Frauen keine Rechte. Wir wollten das so international wie möglich zeigen, aber auch mit einem gewissen Witz“, sagt die iranischstämmige Mehrnaz Abdollahina.

Ein Ludwigsburger Absolvent auf der großen Bühne

Ein Raunen geht durch den Saal, als in „Black Slide“ von Uri Lotan (Israel) dem Protagonisten das Ausmaß der Riesenrutsche im Freibad bewusst wird, für die er ansteht – hysterisches Kichern, als er nackt in die Badewanne steigt und für einen Moment ein Zipfelchen sichtbar wird. Auch dieser Film fordert das Publikum, doch im Gespräch wird nach und nach deutlich: Die „schwarze Rutsche“ ist ein Sinnbild für den Abschied eines Jungen von seiner todkranken Mutter. Die Kinder sind sichtlich beeindruckt von der Animationskunst und applaudieren heftig.

Um die Schmerzen des Heranwachsens geht es im Kurzfilm „Slouch“. Ein Musiker gerät in eine Krise, als seine Freundin schwanger wird – er fürchtet um sein freies, erfolgloses Rock-’n’-Roller-Leben. Michael Bohnenstingl hat in seinem Abschlussfilm an der Ludwigsburger Filmakademie einen sehr eigenen, markanten Graphic-Novel-Stil gefunden, das Gefühlschaos der Hauptfigur mit dem langen Gesicht explodiert regelrecht in den Bildern.

Drehbuchpreis für ein Dinosaurier-Abenteuer

Der Regisseur aus Kirchheim am Neckar hat es damit zu Recht in den Internationalen Wettbewerb geschafft, das Aushängeschild des Stuttgarter Festivals. Er ist auch Musiker, hat die Songs im Film selbst geschrieben und eingespielt – stellt eines aber gleich klar beim Treffen in der Presselounge im Café Königsbau mit Blick aufs Schlossplatz Open-Air: „Ich bin kein Vater. Freunde und ich haben uns einfach die Frage gestellt, ob sich Familie und Kreativität vereinbaren lassen. Viele haben die Angst, dass ihnen nichts mehr einfällt, wenn es ihn zu gut geht – was natürlich nicht stimmt.“ Bohnenstingl hat zweifellos ein Händchen – man darf gespannt sein, was er als Nächstes ausheckt.

Grund zum Feiern hat das Stuttgarter Studio M.A.R.K. 13: Es hat den Animations-Drehbuchpreis bekommen mit dem Spielfilmprojekt „Dino Mite / Minus Drei und die verlorene Stadt“, eine Coproduktion mit dem Hamburger Studio Trikk 17. Die Hauptfigur in der Adaption der Kinderbuchreihe von Ute Krause ist ein Dinosaurier, der ein wildes Urzeitmädchen als Haustier hält und allerlei lustige Abenteuer erlebt.

Eine dänische Regisseurin spielt mit kleinem Budget in einer Liga mit Disney

„Wir fangen gerade an, die Serie fürs ZDF zu produzieren, den Spielfilm wollen wir nachziehen“, sagt Dominique Schuchmann von M.A.R.K. 13. Die Arbeitsteilung: „Trikk 17 macht analogen Stopptrick, wir Computeranimation. Sie bauen die Sets von Hand, wir scannen sie ein und fügen die Figuren ein, das ergibt eine besondere Haptik und Ästhetik.“ Die Stuttgarter haben sich einen Namen gemacht als Animationsdienstleister bei „Biene Maja“ oder „Wickie“, „Dino Mite“ nun ist eine selbst entwickelte Marke. Wie international konkurrenzfähiger Kino-Trickfilm aus Europa aussehen kann, zeigt die dänische Regisseurin Amalie Næsby Fick in „Little Allan – die menschliche Antenne“. Ein schüchterner Junge lernt nach der Trennung seiner Eltern einen durchgedrehten Zausel kennen, der an Aliens glaubt. Bald strandet eine resolute Gleichaltrige mit ihrem Ufo, als sie für ein Schulreferat über die Erde recherchiert. Sie bringt dem verstockten Erdling bei, Gefühle zu zeigen.

Den Emotionen Raum geben

Die Figuren haben herrliche Macken, die absurde Geschichte ist so komisch wie einfühlsam, sehr nah am richtigen Leben und für Kinder wie Erwachsene geeignet. Die Regisseurin spielt mit 3,5 Millionen Euro in einer Liga mit Disney („Encanto“: 120 Millionen) – wie Freiburg mit Bayern.

„Ich liebe Pixar, aber ihnen nachzueifern wäre, als würde man sich selbst in den Fuß schießen“, sagt sie nach der Weltpremiere im Gloria 1 und lacht. Ihr Geheimnis: „Ich mag einfache Formen und ich mag es cartoony, so wenig realistisch wie möglich. Zugleich möchte ich den ernsten Themen Raum geben, in Emotionen mutig hineingehen und mich nicht drum herummogeln.“

Ein amerikanischer Produzent hat Stuttgart vermisst

Ein treuer Festival-Gast ist Ron Diamond aus Los Angeles, Filmproduzent und Mitglied der Academy of Motion Picture Arts and Sciences. Er präsentiert nach der Pandemie-Pause wieder die Oscar-nominierten Kurz-Animationsfilme des Jahres. „Es ist unschätzbar wertvoll, mit den Filmemachern ins Gespräch zu kommen, und das geht hier besonders gut“, sagt er in der Gloria-Passage. „Andere Festivals sind sehr dicht programmiert, hier haben alle Zeit. Das ist wunderbar – ich habe Stuttgart wirklich vermisst.“

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