Triennale Fellbach Kunstschau mit KI: „Das Kleid ist mit Syphilisbakterien bearbeitet“

Provokant, tiefgängig und für alle Sinne – die Kunstwerke der 16. Triennale Kleinplastik beschäftigen sich mit ernsten Themen. Foto: Stoppel

Die 16. Triennale Kleinplastik Fellbach wurde am Samstag eröffnet. Besucher brauchen Wanderschuhe und lernen viel über sich und die Baustellen der Welt.

Rems-Murr: Simone Käser (sk)

Wie riechen Demokratie oder Inflation? Duften sie anders als die Essenzen „Regime“ oder „Konsequenzen des Kapitalismus“? In der Triennale Kleinplastik in Fellbach können Besucher es herausfinden. Für seine Installation mit dem Titel „Smell Maneuver“ hat der Künstler Christian Jankowski mit einem Parfümeur 18 verschiedene Duftstoffe entwickelt und mit aussagekräftigen Titeln versehen. Indem er das Ganze in einen politischen Zusammenhang stellt, fordert er den Betrachter auf, über die oft unsichtbaren Kräfte nachzudenken, die menschliche Interaktionen bestimmen.

 

Sein Werk ist ein Teil der sogenannten kultivierten Habitate, und damit ist man auch schon mitten drin in der 16. Triennale Kleinplastik – mit vier Monaten Laufzeit einem der längsten kulturellen Ereignisse in diesem Sommer im Remstal. Sie wurde am Samstag feierlich eröffnet und wartet mit ordentlich Input und Tiefgang auf.

Beim Festakt mit musikalischer Umrahmung sprachen OB Gabriele Zull und Arne Braun, Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg. „Der markante Ausstellungsort passt, weil er eine einmalige Atmosphäre erschafft. Die Ausstellung setzt Zeichen und ist regelmäßig ein Besuchermagnet“, sagte Zull bereits im Vorfeld und verwies auch auf das umfassende Rahmenprogramm, mit welchem dem anspruchsvollen Thema gerecht werden soll – und das mit allen Sinnen.

Die Kuratorinnen haben sich für die Triennale viel vorgenommen

Kuratorin Claudia Emmert sowie Ko-Kuratorin Ina Neddermeyer haben sich viel vorgenommen für die Schau, die seit mehr als vier Jahrzehnten für zeitgenössischen internationalen Diskurs steht und längst großes Ansehen in der Welt der Kunst genießt. Hauptansatz der Macherinnen, die gut gelaunt und wie ein harmonisches Duo, das sich gut ergänzt, daherkommen: Menschen ins Handeln bringen. Die Frauen haben die diesjährige Triennale dabei so konzipiert, dass die Besucher die Ausstellung mit 44 künstlerischen Installationen in einer Wanderung von Themenbereich zu Themenbereich erforschen können. So erobern sie sich nach und nach folgende Habitate, also Lebensräume: Kultivierte Habitate, Verlorene Habitate, Toxische Habitate, Postkoloniale Habitate, Hybride und Zukünftige Habitate – teils abgetrennt durch Stellwände. Übergreifendes Thema: die Krisen unserer Zeit, die da wären Klimawandel, Pandemien, Kriege und Migration sowie die Verschränkung analoger und digitaler Lebenswelten.

Kleinteiliges und von der Decke baumelndes: Die Schau kommt abwechslungsreich daher. Foto: Gottfried Stoppel

Apropos: Viele der Installationen und Werke, die sich unter anderem mit dem Abbau von Rohstoffen, neuen Wohnformen, Krankheitserregern, Radioaktivität, Umweltverschmutzung, Migration und der Überbevölkerung beschäftigen, kommen mit KI daher – beispielsweise der Beitrag von Anna Dumitriu mit dem Titel „AI and Infection Prevention“. Wer die Schneiderpuppen mit teils beeindruckend opulenten Kleidern erblickt, hat sich in den Bereich der toxischen Habitate durchgewandert. Und Toxisch geht es hier tatsächlich zu. Denn die Künstlerin, die eng mit Wissenschaftlern zusammenarbeitet, hat das für das menschliche Auge unsichtbare Habitat der Bakterien sichtbar gemacht. „Sie hat die Kleider mit Cholera- und Syphilisbakterien bearbeitet, aber so, dass es nicht ansteckend ist. Dabei arbeitet sie mit KI, macht Krankheitsverläufe und Charaktere sichtbar und spielt mit Fiktion und Fakten“, erklärt Ina Neddermeyer.

Die Bandbreite der Habitate reicht von den Gipfeln der höchsten Berge bis in die Tiefen der Ozeane, von der Antarktis über Afrika, Asien und Südamerika bis nach Europa und den USA. „Die Werke zeigen, wie sich die Lebensräume von Menschen, Tieren und Pflanzen radikal verändern und auch im Umbruch bleiben werden“, erklären die Kuratorinnen. Dabei kommt aber durchaus nicht alles düster daher in der Schau „Habitate. Über_Lebensräume“, sondern auch positiv, skurril oder heiter, beispielsweise, wenn es um Heuschrecken in einem von Menschen geprägten Lebensraum geht. Zu sehen in dem Makro-3D-Film des Duos M+M.

Die Kunstwerke und Effekte mit Musik und Licht beeindrucken

Aber nicht nur durch die Werke selbst, sondern auch durch Effekte wie Musik und Licht wird die Triennale anschaulich. So wummert und flackert es in regelmäßigen Abständen aus der multimedialen Installation von Emma Adler. „Hier wird eine tote Umgebung thematisiert. Der Steingarten als Beispiel für eine bis ins kleines Detail reichenden Kontrolle“, erklärt Claudia Emmert und kommt auf den Kerngedanken und ihr Anliegen zu sprechen: „Jeder weiß, dass es so nicht weiter gehen kann, aber viele sind gelähmt. Wir wollen zum Nachdenken und ins Handeln bringen.“ Dafür haben die Frauen Architekten beauftragt, die die Alte Kelter passend gestalten. „Selbst Bühnenpodeste und Stellwände aus der Corona-Test-Zeit wurden für die Schau umfunktioniert.“

Die 16. Triennale Kleinplastik Fellbach

Info
Die Kunstschau ist zu sehen in der Alten Kelter, Untertürkheimer Straße 33. Ab 25. Mai gelten dort folgende Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag, 14 bis 19 Uhr, Donnerstag, 14 bis 21 Uhr, Samstag und Sonntag, 11 bis 19 Uhr. Die Triennale läuft den ganzen Sommer über bis zum 28. September.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Kunst Fellbach Umwelt Natur