Schaut man auf die gesamte Region Stuttgart, gehen die Preise noch stärker auseinander, wie Daten des Statistischen Landesamts zeigen. Am teuersten ist es in Plüderhausen (706 Euro pro Jahr), in Tamm gibt es 150 000 Liter dagegen für weniger als die Hälfte (258 Euro). Der Wasserpreis setzt sich zusammen aus einer Grundgebühr und einem Preis je verbrauchtem Liter.
Woher kommen die enormen Preisunterschiede?
In Plüderhausen versickern 130 Millionen Liter pro Jahr
Die Verwaltung von Plüderhausen im Rems-Murr-Kreis sieht den Hauptgrund für den teuersten Wasserpreis der Region in einem maroden, undichten Leitungsnetz. Dadurch verliere die Gemeinde jährlich 130 Millionen Liter Trinkwasser, sagt die Amtsleiterin Regina Rösch. Man habe deshalb wieder eine eigene Wasserbautruppe gegründet. Den Sanierungsstau abzubauen, koste jedes Jahr Millionen Euro, doch „nur ein intaktes Wassernetz führt zu geringeren Wasserverlusten sowie niedrigeren Ausgaben für Reparaturen und damit zu niedrigeren Wassergebühren“.
Die folgende Karte zeigt die Kosten für 150 000 Liter Trinkwasser in der Region Stuttgart. Klicken Sie auf eine Gemeinde für den exakten Preis.
In Backnang fällt die sehr hohe Grundgebühr von 199 Euro pro Jahr auf. Der Stadtwerke-Geschäftsführer Thomas Steffen begründet sie mit einer höheren Umlage an den Wasserlieferanten Nordostwasserversorgung. Dieser kleinere Zweckverband ist teurer als die landesweit größten Anbieter Landes- und Bodenseewasserversorgung. Diese könnten Backnang nicht versorgen, sagt Steffen.
Günstiger könnten die Stadtwerke das Wasser nicht anbieten. Sie müssen nicht nur die Betriebskosten decken, sondern auch eine Konzessionsabgabe an die Stadt zahlen: „Nennenswerte Gewinne sind hier nicht einkalkuliert“, so Steffen. Außerdem sei das Backnanger Netz gut in Schuss: „Die Erneuerungsrate beträgt regelmäßig über ein Prozent, was vergleichsweise sehr viel ist.“
Verweis auf das Jahr 1974
Auch Remshalden (Rems-Murr-Kreis) bezieht ungefähr die Hälfte seines Wassers von kleineren Wasserversorgern – der Nordostwasserversorgung und dem Zweckverband Berglen Wieslauf. Das lasse sich nicht ändern, erklärt die Finanzchefin Gaby Scheidel die zweithöchsten Wasserkosten in der Region: Bei der Gemeindereform 1974 haben die fünf damals zusammengefassten Ortschaften ihre eigene Trinkwasserinfrastruktur eingebracht.
Hohe Wasserpreise haben also auch mit den Lieferanten zu tun. Vielfach handelt es sich um Zweckverbände, also Zusammenschlüsse mehrerer Kommunen. Sie berechnen verbrauchsabhängige Fixkosten sowie eine Mengengebühr. 2024 kosten 1000 Liter Wasser die Kommunen der Landeswasserversorgung voraussichtlich 77 Cent, bei der Bodenseewasserversorgung sind 88 Cent geplant. Umgerechnet auf die Beispielfamilie ergäbe das Kosten von 108 beziehungsweise 122 Euro für 150 000 Liter Jahresverbrauch.
Was den Preisaufschlag der Gemeinden erklärt
Die realen Kosten für die Bürger liegen teils deutlich höher und variieren zudem stark. Das hat mit den unterschiedlich hohen Aufschlägen der Kommunen für Infrastruktur und Personal etwa in den Wasserwerken zu tun.
Wie hoch diese Aufschläge ausfallen, sei nur bedingt von der Einwohnerzahl abhängig, sagt Leonie König, die Sprecherin des Gemeindetages Baden-Württemberg. Wahre Kostentreiber seien eine starke Zersiedelung und eine komplizierte Geografie. Unter Verweis auf die Gemeindeordnung erklärt König, die Kommunen sollten Wassergebühren so hoch ansetzen, dass sie kostendeckend arbeiten.
Günstigste Gebühren im Kreis Ludwigsburg
Diese Vorgabe erfülle die Gemeinde Tamm (Kreis Ludwigsburg) mit dem niedrigsten Wasserpreis der Beispielrechnung und auch einer besonders geringen Grundgebühr von 9 Euro im Jahr. Letztere beinhalte lediglich die Wartung der Wasserzähler, nicht aber weitere Fixkosten: „Die Stadt Tamm verfolgt keine Gewinnerzielungsabsicht“, heißt es aus der Kämmerei. In der Region Stuttgart beträgt die Grundgebühr laut Daten des Statistikamtes im Schnitt 38 Euro.
Auch die zweit- und drittgünstigste Gemeinde liegen im Kreis Ludwigsburg. In Kirchheim am Neckar erklärt der Bürgermeister Uwe Seibold den niedrigen Wasserpreis damit, dass das kompakte Gemeindegebiet zu einem übersichtlichen Wassernetz führe und die hydraulischen Wasserspeicher wenig Strom verbrauchten. Weil die Bodenseewasserversorgung ihres Preise erhöhe, müsse man jedoch über einen höheren Wasseranteil aus eigenen Quellen nachdenken.
Auch die Affalterbacher Finanzchefin Jana Gläser verweist auf die günstige Topografie: „Wir können den gesamten Ort aus einem Wasserbehälter versorgen. “ Zusätzlich unterhalte Affalterbach einen eigenen Brunnen als Alternative zum Lieferanten Landeswasserversorgung. Besonders preissteigernd wirkt sich das offenbar nicht aus.
Steigende Preise bei Bodenseewasserversorgung
2024 soll das Wasser der Bodenseewasserversorgung ein Drittel mehr kosten als noch 2022. Das liege an den gestiegenen Stromkosten, heißt es zur Begründung. schließlich wird sehr viel Wasser vom Bodensee Richtung Stuttgart gepumpt. Dass die Preise absehbar weiter deutlich steigen, habe mit Investitionen in moderne Technik zu tun – und mit dem Klimawandel. Die aus dem Schwarzen Meer eingeschleppte Quagga-Muschel verstopft die Rohre des Wasserlieferanten. Auch deshalb plant die Bodenseewasserversorgung bis 2041 eine Verdreifachung der Umlage von zuletzt 88 Cent auf etwa 2,70 Euro je 1000 Liter Trinkwasser.
Für den Sprecher der Landeswasserversorgung, Bernhard Röhrle, ist Trinkwasser aktuell zu günstig. Der Preis spiegele keine ausreichende Wertschätzung gegenüber der schwindenden Ressource Wasser im Angesicht des Klimawandels wider: „Wir leben auf Kosten der Zukunft“, glaubt Röhrle, „wir müssen uns auf zukünftige Wasserknappheit vorbereiten“. Und damit auf weiter steigende Wasserpreise.
Kommunen müssen Trinkwasser liefern
Daseinsvorsorge
Die Versorgung mit Trinkwasser ist eine kommunale Pflichtaufgabe: Städte und Gemeinden müssen sich eigenständig darum kümmern und dürfen von ihren Bürgern dafür Gebühren erheben. Die rechtliche Form der Wasserversorgung variiert: Manche Gemeinden übernehmen die Trinkwasserversorgung in Eigenregie, andere lagern sie an Stadtwerke oder externe Unternehmen aus.
Zweckverbände
Kommunen können Trinkwasser aus eigenen Quellen ins Netz einspeisen – oder sich einem Zweckverband anschließen. Dort sichern sie sich, meist für Jahrzehnte, Wasserbezugsrechte – und sind dann selbst entsprechend lange gebunden. Die beiden größten Zweckverbände in Baden-Württemberg sind die Landeswasserversorgung mit ihrem Wasser aus dem Donauried sowie die Bodenseewasserversorgung.
Finanzen
Die Zweckverbände dürfen keine Gewinne erzielen. Etwaige Überschüsse erstatten sie an die Kommunen zurück. Die Kommunen selbst sind hier rechtlich frei, allerdings dürften die wenigsten von ihnen mit dem Trinkwasser Gewinne erwirtschaften.