Die Influencer Philipp Stehle und Melvin Stahl sind von Süddeutschland nach Barcelona getrampt. Foto: Next8level
Sie starten halbnackt im Wald bei Karlsruhe und kommen sieben Tage später auf Mallorca an: Ein Influencer-Duo aus Murr erlebt auf seiner Reise große Gastfreundschaft.
In zwei Wochen fahren Philipp Stehle und Melvin Stahl in den Schwarzwald, um der Familie beim Umzug zu helfen, die sie auf ihrer Reise bei sich aufgenommen hat. „Wir möchten uns auch revanchieren, wenn das möglich ist“, sagt Philipp Stehle.
Die zwei Youtuber sind innerhalb von sieben Tagen von einem Wald südlich von Karlsruhe bis zur Schinkenstraße auf Mallorca gelaufen und getrampt – ohne Geld, ohne Lebensmittel und anfangs ohne Kleidung. Wieder Zuhause berichten sie von Nächten auf Pappkartons und einer Bank von Burger King, falschen Vorurteilen und bedingungsloser Gastfreundschaft.
Start ohne Kleidung: Influencer-Duo wird beschenkt
Rückblende: Am 9. Juni werden die beiden Männer in Süddeutschland ausgesetzt – wo genau, weiß zu dem Zeitpunkt nur die Agentur des Influencer-Duos aus Murr. Die erste Herausforderung ist es, sich Kleidung zu besorgen. Denn viel haben sie nicht dabei: Die technische Ausrüstung, um die 43 700 Follower auf Instagram, 1,1 Millionen Follower auf Tiktok und 3800 Follower auf Youtube teilhaben zu lassen, fünf Gegenstände, die sie sich erspielen können und eine Büroklammer, die sie hochtauschen wollen.
Dass ihre Erscheinung – zwei volltätowierte, große und dazu leicht bekleidete Männer – abschrecken könnte, ist ihnen im Voraus bewusst. Doch ein charmantes, höfliches Auftreten zahlt sich schneller aus als erwartet. Ein älterer Herr, der in seinem Garten sitzt, versorgt sie mit Hemden, kurzen Hosen und Schuhen. „Die Kleidung war entscheidend für den weiteren Verlauf“, sagt Philipp Stehle. „Das waren die vertrauenswürdigsten Outfits und wir sahen original aus wie Wanderer.“ Zwischendrin hätten sie sogar waschen können und so immer frische Kleidung getragen.
Nacht auf Pappkartons
Es ist ein Vorurteil von vielen, das sich auf dieser Reise als falsch erweist: „Nur weil wir tätowiert sind, haben nicht alle älteren Menschen etwas gegen uns“, sagt der 31-jährige Melvin Stahl. Auf ihren ersten Kilometern seien sie einer Frau mit ihrem Hund im Wald begegnet und ein Stück gemeinsam gelaufen. „Dass wir dabei keine Kleidung anhatten, kam gar nicht zur Sprache“, sagt Philipp Stehle.
Während das Fahren per Anhalter gut funktioniert, sind ihnen zwei Nächte in Erinnerung geblieben. In der vierten Nacht schlafen sie in der Nähe eines Supermarkts auf Pappkartons auf dem Boden. In der fünften Nacht liegen sie auf der Terrasse eines Burger Kings – bekommen kein Auge zu durch die laute Musik, die über die Raststätte tönt und die Sorge, dass ihnen ihr technisches Equipment und damit die Daten geklaut werden. „Wir sind an dem Tag 20 Kilometer gelaufen – es war super touristisch und wir konnten mit keinem eine Verbindung aufbauen“, erzählt Stehle.
Nahe Lyon warten sie an einem Tag sieben Stunden auf eine Mitfahrgelegenheit. Die beiden nehmen es gelassen: „Manchmal musste es genauso so sein, weil die richtige Person erst kommen musste“, sagt Stehle. Die junge Frau, die schließlich anhielt, hat sie 250 Kilometer mitgenommen.
Besonders in Erinnerung sind ihnen die Menschen geblieben, die sie zu sich nach Hause eingeladen haben. Die Mutter mit ihren zwei Töchtern, das Paar aus Lyon, die junge Frau in Montpellier – und ein Mann, der sich als letzte Rettung erwies. Er sei das letzte Auto gewesen und habe sie mit Schlafsäcken in seiner Garage schlafen lassen. „In der Nacht wären wir untergegangen – es war super kalt und feucht“, berichtet Stahl.
Gestrandet auf einer Bank von Burger King Foto: Next8level
Die sieben Tage waren nicht nur ein Versuch, als Youtuber bekannter zu werden. Sie waren auch ein soziales Experiment. Abhängig von der Hilfsbereitschaft und Gutherzigkeit fremder Menschen haben die zwei Männer getestet, wie schnell man ihnen vertraut. „Wir waren überrascht über die Resonanz – die Leute haben uns immer einen Daumen hoch gegeben oder zumindest bedauernd signalisiert, dass sie keinen Platz haben“, sagt Stehle. Ein Busfahrer habe ihnen zwei Äpfel geschenkt, ein Taxifahrer habe sie umsonst mitgenommen.
Einladung in ein Haus auf Mallorca
Für die Büroklammer, die sie hochtauschen wollen, um an Fährentickets zu kommen, bekommen sie eine Stoffgiraffe, dafür einen Regenschirm, der kaputt ging. Deutsche Jugendliche spenden ihnen etwas, damit sie sich Souvenirs in Barcelona kaufen können, die sie weiter tauschen wollen. „Am zweiten Tag in Barcelona haben wir dann eine besondere Person getroffen, die uns das restliche Geld gegeben hat“, sagt Stehle. „Mehr als wir gebraucht haben.“
Die Gastfreundschaft ging weiter: Auf Mallorca wurden sie in das Ferienhaus einer Followerin eingeladen. Foto: Next8level
Und so kommt es schlussendlich, dass sie am 16. Juni nach 1900 Kilometern auf der Schinkenstraße einlaufen – auf den Tag elf Jahre nachdem sie sich dort kennengelernt haben. „Und die Gastfreundschaft ging weiter“, erzählt Stehle. Eine Followerin und ihre Mutter hätten die beiden in ihr Haus auf Mallorca eingeladen. „Das Ende war ein Geschenk“, sagt Stehle. „Es hat sich angefühlt, als wär die Geschichte geschrieben gewesen, alles hat ineinander gegriffen“, sagt Stahl.