Tristan Pohlmann wird im Juli 2027 zum Priester geweiht. Derzeit ist der 25-Jährige als Diakon in Herrenberg eingesetzt. Foto: Stefanie Schlecht
Tristan Pohlmann wird 2027 zum katholischen Priester geweiht. Was führte den Wahl-Herrenberger dazu, weltlichen Lebensentwürfen abzuschwören und ganz im Dienste Gottes zu leben?
Flach ausgestreckt liegen die Priesteranwärter auf dem Kirchenboden, gekleidet mit einem schlichten weißen Gewand. Vor ihnen stehend der Bischof, dem die Männer Gehorsam geloben und dem gegenüber sie betonen, ein Leben im Dienste der Kirche zu führen – ohne für die meisten Menschen selbstverständliche Lebensinhalte wie Partnerschaften und Sex.
Diesen zeremoniellen Akt wird auch Tristan Pohlmann erleben, wenn er im Juli 2027 zum Priester geweiht wird. Dass er einmal Priester werden würde, war trotz seines konfessionellen Hintergrunds nicht vorgezeichnet. „Ich komme aus einer katholischen Familie. Aufgewachsen bin ich in Weil der Stadt. Dort habe ich meine Erstkommunion und Firmung gemacht und war Ministrant.“
Erst über Naturwissenschaften nachgedacht
Am Ende der Schulzeit habe er zunächst über ein naturwissenschaftliches Studium nachgedacht. Doch die Vorstellung, „40 Jahre lang jeden Tag in einem Büro oder Labor zu verbringen, hatte mir nicht zugesagt“, sagt Pohlmann. Das Jahr nach dem Abitur habe den heute 25-Jährigen letztlich zur Theologie geführt. „Ich habe ein sogenanntes FSJ Pastoral, ein kirchliches Freiwilligenjahr, in Böblingen absolviert. Das war ein sehr schönes Jahr.“
Die St. Josefskirche in Herrenberg, der aktuelle Einsatzort von Tristan Pohlmann. Foto: Stefanie Schlecht
Und so zog es den jungen Weil der Städter 2019 nach Tübingen, wo die Diözese Rottenburg-Stuttgart einen Teil ihrer Priesterkandidaten ausbildet. Auf dem Gelände, auf dem männliche und weibliche Studenten in unterschiedlichen Gebäuden wohnen – kommen sie zum Lernen oder für Freizeitaktivitäten zusammen. „Ich habe die Gemeinschaft dort sehr genossen“, betont Pohlmann.
Berufsziel war zuerst Pastoralreferent zu werden
Priester zu werden, war dennoch nicht das erste Berufsziel: „Ich dachte an Pastoralreferent. Durch den Austausch mit den dort lebenden Priesteranwärtern habe ich aber gemerkt, dass diese keine Verrückten, sondern ganz normale junge Männer waren. So hat es mich in diese Richtung gezogen.“
2020 – mit knapp 20 Jahren – fiel der Entschluss pro Priesterseminar. Nicht alle im Umfeld hätten Verständnis gezeigt, erinnert sich Pohlmann: „Viele haben aber auch gesagt, dass sie es sich gut vorstellen können.“
Das obligatorische Aufnahmeverfahren schaffte der Weil der Städter. Für die Entscheidungsfindung sei dieser Prozess hilfreich gewesen, erläutert der Priesteranwärter: „Ich musste darlegen, weshalb ich Priester werden möchte. Durch das Reflektieren bin ich mir sicherer in meiner Sache geworden.“
Tristan Pohlmann möchte Zölibat nicht unterschätzen
Eine größte Hürde für junge Priesterkandidaten ist, das Versprechen der Ehelosigkeit einzuhalten. Auch Tristan Pohlmann hat sich mit dem Gedanken auseinandergesetzt, keine Partnerschaft, keine sexuellen Beziehungen führen und keine eigene Familie gründen zu dürfen. „Man darf das Zölibat nicht unterschätzen. Einsamkeit ist eine Gefahr für Priester“, sagt der 25-Jährige.
Damit die Priester in spe mit dieser weitreichenden Entscheidung nicht allein gelassen werden, gibt es das Angebot, sich mit dem Spiritual – also einem Theologen, der junge Menschen bei persönlichen Fragen berät – oder einer Psychologin auszutauschen. „Es gibt immer wieder mal Auf und Abs. Ich glaube aber, dass ich mit Gott alles schaffen kann und als Priester durch die vielen Begegnungen mit Menschen und einem Team um mich herum nicht allein sein werde“, sagt Pohlmann. Der Priesterkandidat weiß dennoch: „Auch ein katholischer Priester kann sich verlieben.“
Ausstieg aus zölibatärem Priesterleben wäre möglich
Im Kirchenrecht besteht für Priester die Möglichkeit, sich von den Rechten und Pflichten des Weiheamts entbinden zu lassen und zum Beispiel als Pastoralreferent zu arbeiten. In der Fachsprache nennt sich dies laisieren.
Papst Leo bremste die Bemühungen einiger deutscher Bischöfe zur Segnung Homosexueller aus. Foto: Andrew Medichini/AP/dpa
Das Zölibat wird als einer der Gründe angesehen, weshalb die katholische Kirche in Deutschland weniger Zuspruch erfährt. Aber auch Themen wie das Verbot für Frauen, Weiheämter zu übernehmen, werden gesellschaftlich heute kritisch gesehen. Tristan Pohlmann will bei den Streitthemen nicht mit einer von der Lehre Roms abweichenden Agenda vorpreschen: „Jeder hat seine Meinung. Ich denke aber, dass ich allein die Kirche nicht verändern kann und aus den Rahmenbedingungen, die wir alle vorfinden, das Beste machen muss.“
Missbrauchsfälle haben Katholischer Kirche massiv geschadet
Der Kirche ebenfalls geschadet haben die unzähligen Fälle sexuellen Missbrauchs auch durch Geistliche. Tristan Pohlmann fordert deutlich, alle Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen und die Strukturen anzugehen, die solche Taten gefördert hätten. Pohlmann erkennt heute ein deutliches Bewusstsein in der Institution, Missbrauchsfällen nachzugehen und nicht wie in den vergangenen Jahrzehnten zu vertuschen : „Es gibt Präventionsschulungen. Auch haben wir im Studium das Gutachten der Aufarbeitungskommission zu den Missbrauchsfällen behandelt.“ Heute sei klar organisiert, welche Stellen informiert werden müssen, wenn Verdacht auf Missbrauch bestehe.
Wie oft Tristan Pohlmann als Priester oder, sollte er eine eigene Gemeinde leiten, als Pfarrer mit den kontroversen Fragestellungen der Kirche befasst sein wird, wird die Zeit zeigen. In 14 Monaten wird Pohlmann den nächsten großen Meilenstein seines Lebens erreichen: Die Weihe zum Priester. Bis dahin wird sich der Wahl-Herrenberger als Diakon mit den praktischen Aufgaben beschäftigen: Taufen, Beerdigungen, Gottesdienste. „Darauf freue ich mich, weil ich da nah an den Menschen sein und in allen Lebenslagen beiseite stehen kann – so wie ich mir das Leben als Priester vorstelle“, betont Tristan Pohlmann.
Priesteramt
Priesterkandidaten In der Diözese Rottenburg-Stuttgart sind derzeit 16 Männer in der ersten Ausbildungsphase im Tübinger Wilhelmsstift. Sie sind alle Priesterkandidaten.
Austritt Es wird geschätzt, dass in Deutschland in den vergangenen zwanzig Jahren mehrere Hundert Geistliche aus dem Priesteramt ausgeschieden sind, weil sie das Zölibat nicht mehr einhalten konnten oder wollten.