„Tristan und Isolde“ an der Staatsoper Stuttgart Wer sich küsst, hat verloren

Von Frank Armbruster 

Jossie Wieler und Sergio Morabito inszenieren an der Staatsoper Stuttgart Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“. Nicht alles an diesem Abend versteht man, aber er bleibt stets spannend.

Erin Caves (Tristan) kuschelt mit  Christiane Iven (Isolde) im Zauberwald. Foto: A.T. Schaefer
Erin Caves (Tristan) kuschelt mit Christiane Iven (Isolde) im Zauberwald. Foto: A.T. Schaefer

Stuttgart - Wie fühlt es sich wohl an, wenn das Gift langsam eindringt ins Nervensystem? Spürt man Schmerzen, bevor man die Besinnung verliert? In diesen Sekunden, nachdem Tristan und Isolde von dem (vermeintlich) tödlichen Balsam getrunken haben und der „Todestrotz der Liebesglut weicht“ (wie Wagner in der Regieanweisung schreibt), hält die Musik quasi den Atem an – bis ein F-Dur-Harfenakkord den Bann wieder bricht und beide begreifen, dass sie doch weiter leben können. Und lieben.

In der letzten Stuttgarter Neuinszenierung der aktuellen Spielzeit spielt diese Szene, wie der gesamte erste Akt, getreu nach Wagners Anweisung auf einem Schiff. Der Bühnenbildner Bert Neumann hat es gebaut, solide aus Holz, mit Mast und Ruder. Um das Schiff herum wogen die Wellen bis zum Horizont mittels gemalter, am Schnürboden aufgehängter Bühnenelemente. Das hat etwas Putziges in seinem naiven Illusionismus, ist aber auch eine starke Metapher für den schwankenden Grund, auf dem sich die Protagonisten von Anfang an bewegen: Wie ein Seismograf bildet der wankende Kahn die seelischen Erschütterungen der Figuren ab.

Die enge Beziehung zwischen Bühnenraum und dem Innenleben der Figuren zählt mit der akribisch genauen Personenführung zu den Stärken dieser Inszenierung. Neumanns Räume sind dabei nie statisch, sondern entwickeln sich mit der Handlung weiter. Gegen Ende des ersten Akts deuten sich im Hintergrund schon die Bilder des zweiten an, und solange der Fortgang der Szene offen ist, bleiben es auch die Bilder. Erst im dritten Akt, wenn das Schicksal unabwendbar ist, bleibt die Bühne in ein erbarmungslos gleißendes Neonröhrenlicht getaucht. Bis dahin sind die Räume Assoziationsräume, die der Regie vielfältige szenische Möglichkeiten eröffnen. Denn anders als in den meisten Tristan-Inszenierungen bleibt bei Wieler und Morabito vieles bewusst in der Schwebe.

Der Liebeszauber als Versuchsanordnung

Das gilt auch für die Frage, wie es eigentlich um die Liebe zwischen Tristan und Isolde steht. Zeitgenössische Opernregisseure begegnen ihr meist mit Skepsis. Heiner Müller hat in seiner Bayreuther „Tristan“-Inszenierung 1993 das Stück als Geschichte einer Entfremdung gelesen. Christoph Marthaler setzte 2005 an derselben Stelle an, und auch im Stuttgarter „Tristan“ von Luk Perceval 2004 fand das Paar nicht wirklich zueinander.

Bei Wieler/Morabito nun ähnelt der berühmte zweite Akt mit dem Liebesduett einer psychologischen Versuchsanordung. Der nächtliche Kunstwald mit den herabhängenden schwarzen Glitterbahnen bildet den Schutzraum, in dem Tristan und Isolde ihre Vergangenheit aufarbeiten, sich peu à peu näherkommen und dabei in verschiedene Rollen schlüpfen. Aggressionen kommen dabei zum Vorschein, sexuelle Begierden – aber auch Regression in kindliche Verhaltensweisen: einmal wird Tristan zu einem verliebten Affen, der sich von Isolde streicheln lässt und dann den Kopf in ihren Schoß bettet. Am Ende küssen sie sich. Aber ob sie sich damit auch wirklich meinen, bleibt offen.

Offen bleibt auch die Bedeutung des Panopticons, das vor jedem Akt als transparentes Bild die Bühne verhüllt. Michel Foucault hatte das architektonische Prinzip mit dem mittig angeordneten Wachturm, von dem aus alle Gefängniszellen eingesehen werden können, ohne dass der Wächter selber sichtbar wird, als Metapher für die moderne Gesellschaft westlich-liberaler Prägung interpretiert. Überwachungsdruck wird nicht mehr von außen ausgeübt, sondern entsteht durch die Offenlegung des Privaten selber. Ist entgrenzende, totale Liebe in einer quasi-öffentlichen Welt wie der unseren nicht mehr möglich? Darauf könnte der Wachturm deuten, der sich im zweiten Akt im Wald verbirgt und wie ein dräuender Schatten hinter der Zweisamkeit des Liebespaares lauert.