Triumph gegen Brasilien Das Wunder von Belo Horizonte

Abgeräumt: nach seinem zweiten Tor lässt sich  Toni Kroos von  Sami Khedira  und Miroslav Klose  feiern. Beim Halbfinale gegen Brasilien hat jeder im Team Topleistung gebracht, wie unsere Bilderstrecke zeigt. Foto: AP 14 Bilder
Abgeräumt: nach seinem zweiten Tor lässt sich Toni Kroos von Sami Khedira und Miroslav Klose feiern. Beim Halbfinale gegen Brasilien hat jeder im Team Topleistung gebracht, wie unsere Bilderstrecke zeigt. Foto: AP

7:1 gegen den fünfmaligen Weltmeister Brasilien – ein Fußballspiel wie dieses hat es noch nie gegeben. Die deutsche Mannschaft zieht mit einem sensationellen Sieg ins WM-Finale ein. Der gedemütigte Gastgeber zeigt sich fassungslos.

Sport: Marko Schumacher (schu)

Belo Horizonte - An der Lagune von Belo Horizonte, über der erhaben das Estádio Governador Magalhães Pinto thront, geht das Drama in die Verlängerung. Am Ufer sitzen sie, die verzweifelten Menschen in den gelben Trikots, und starren ins Leere. Die brasilianischen Landesfarben in ihren Gesichtern sind verschmiert von den Tränen, die auch jetzt noch aus ihren Augen rollen. Zerstört sind alle Hoffnungen, zertrümmert von der deutschen Nationalmannschaft. Wie ein Orkan ist sie über den großen Stolz Brasiliens hinweggefegt, hat ein einziges Trümmerfeld hinterlassen und sitzt jetzt schon wieder im Flieger zurück nach Santo André.

1:7. Beziehungsweise aus deutscher Sicht: 7:1. In Worten: sieben zu eins. Im Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft. Gegen Brasilien, den Gastgeber. Gegen den fünfmaligen Champion. Gegen 60 000 fanatische Zuschauer in den Rängen, die vor dem Anpfiff so laut die brasilianische Nationalhymne brüllten, dass man fürchtete, gleich müsse das Stadiondach einstürzen. Dieser Sieg ist keine Sensation, er ist ein Wunder. Ein Fußballspiel wie dieses hat es noch nie gegeben.

Wo soll man nur beginnen? Welche Geschichte soll man zuerst erzählen von diesen sagenhaften Stunden des 8. Juli 2014, die keiner, der dabei war, je vergessen wird? Vielleicht fängt man am besten mit dem Dienstältesten an, mit Hartmut Scherzer, der in Block 308, Reihe I, Platz 16 sitzt.

Sportjournalist Scherzer hat seit 1958 keine WM verpasst

Scherzer ist einer der bekanntesten deutschen Sportjournalisten. Er ist 76 Jahre alt und saß einst in Kinshasa bei Muhammad Ali in der Umkleidekabine. Seit 1958 hat der Hesse keine Fußball-Weltmeisterschaft verpasst. Scherzer hat den jungen Pelé spielen sehen, Beckenbauer und Maradona. Er war im 66er-Finale von Wembley dabei, vier Jahre später im Halbfinale von Mexiko-City gegen Italien und glaubt, alles gesehen zu haben, was der Sport zu bieten hat. Ein Irrtum.

In Belo Horizonte hört Hartmut Scherzer nach ungefähr einer halben Stunde Spielzeit auf, weitere Wörter in seinen Computer zu tippen. Die Augen hinter seiner Lesebrille sind feucht geworden. Er holt ein Taschentuch aus seinem Rucksack, beugt sich nach vorne und genießt. Den deutschen Angriffswirbel, die Atmosphäre, den Moment, den er gerne festhalten möchte. „So etwas“, sagt Scherzer leise, „habe ich noch nie erlebt“.

Miroslav Klose, das ist die nächste Geschichte für die Ewigkeit. Das 2:0 schießt der 36 Jahre alte Nationalstürmer. Es ist kein Kunststück, den Ball über die Linie zu drücken, Klose benötigt dafür sogar zwei Versuche. Doch ist es ein Tor, das ihn unsterblich macht. 16 Weltmeisterschaftstreffer stehen jetzt auf seinem Konto. Kein Stürmer der Welt hat bisher öfter getroffen als der stille Pfälzer.

Ronaldo ist als Rekordhalter abgelöst worden

Oben auf der Tribüne sitzt Ronaldo, der bis zu dieser WM Rekordhalter war und nach 23 Minuten vom Thron gestürzt wird. Die Kamera fängt den brasilianischen Volkshelden kurz nach Kloses Tor ein. Sein Gesicht zeigt eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Ehrfurcht.

Unten in den Katakomben des Stadions strecken die Reporter der Weltpresse Miroslav Klose ihre Eintrittskarten und Kugelschreiber entgegen. Seine Unterschrift macht die Tickets vollends zu wertvollen Dokumenten der Zeitgeschichte. Es sei „natürlich ein tolles Gefühl, da oben jetzt alleine zu stehen“, sagt Klose, „aber was zählt, ist nur die Mannschaft“.




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