Trockenheit im Kreis Esslingen Dürre, Sonne, Wind: Die Vegetation leidet

Die Bäume blühen, die Trockenheit zeigt bisher nur wenige sichtbare Folgen – wenn sie nicht länger anhält. Foto: dpa/Christian Charisius

Die Frühjahre werden auch im Kreis Esslingen immer trockener. Das schadet vor allem jungen Bäumen. Gemüse muss bereits gegossen werden, Obst und Wein sind im Moment noch nicht gefährdet – was sich ändert, wenn die Böden weiter austrocknen.

Christel Schäfer, der Vorsitzenden des Kreisverbands der Obst- und Gartenbauvereine Esslingen, fällt zur aktuellen Wetterlage der schwäbischen Nation nur ein urschwäbisches Wort ein: „furztrocken“. Das trifft nahezu wörtlich zu, weil Winde „noch zusätzlich alles austrocknen, wenn es schon nicht regnet“. Fürwahr: Zuletzt mäßig geregnet hat es im Landkreis Esslingen laut Deutschem Wetterdienst um den 25. März, seit Anfang April gar nicht mehr. Was das für Obst und Gemüse bedeutet? „Für das Obst noch nichts“, sagt Christel Schäfer. „Aber das Gemüse muss man jetzt schon ständig gießen.“ Ebenso wie junge Bäume. Und wenn die Trockenheit weiter anhält, setzt sie auch gestandenen Obstbäumen zu, erklärt die Expertin. Zumal die starke Abkühlung bei Nacht, teilweise sogar mit Frost, die Pflanzen zusätzlich schwäche.

 

Für den Wein gilt Ähnliches, sagt der Esslinger Wengerter Jochen Kenner: „Bis jetzt hat die Trockenheit den Reben noch nicht geschadet. Sie wurzeln tief und suchen das Wasser. Aber wenn es nicht bald regnet, müssen wir bewässern. Das ist aufwendig, da ist niemand scharf darauf.“

Christel Schäfer, Vorsitzende des Kreisverbands der Obst- und Gartenbauvereine, hofft trotz Trockenheit noch auf eine gute Ernte. Foto: Karin/ Ait Atmane

Das Zusammenwirken von Wind, geringer Luftfeuchtigkeit, Wassermangel und Sonneneinstrahlung mit hoher Verdunstungswirkung sei „im Frühjahr äußerst schädlich für die Vegetation“, sagt Matthias Scheider, seit kurzem offiziell der neue Leiter des städtischen Esslinger Grünflächenamts. „Im Sommer sind die Pflanzen auf Trockenperioden eingestellt.“ Aber nicht im Frühling, wenn alles sprießen sollte. „Die Bäume bilden weniger Blätter aus. Vor allem für die nachhaltige Entwicklung von Neupflanzungen ist dieses Klima sehr schlecht.“ Statt drei Jahre müsse die Stadt junge Bäume inzwischen fünf bis sechs Jahr lang bewässern – täglich 150 bis 200. „Wir haben schon vier bis fünf Gießfahrzeuge im Einsatz“ – außergewöhnlich viel für die Jahreszeit.

Aber die Jahreszeit ist eben auch außergewöhnlich – oder eigentlich schon nicht mehr: „Früher“, sagt Scheider, „machte der April, was er will. Jetzt scheint fast immer die Sonne.“ Dass die Frühjahre „seit rund 20 Jahren immer trockener werden“, ist nicht nur ein vages Gefühl des Amtsleiters, sondern eine Tatsache, die vom Deutschen Wetterdienst (DWD) und von den Ämtern für Landwirtschaft, Wasserwirtschaft und Bodenschutz des Landkreises Esslingen bestätigt wird.

Nur knapp unter dem langjährigen Mittelwert

Allerdings zeigt eine Grafik des DWD, dass die Niederschlagsmenge in diesem Jahr bis jetzt nur wenig unter dem langjährigen Mittel liegt. Das erklärt sich mit leicht überdurchschnittlichen Regenfällen im Januar und Februar. Insgesamt wurden an der Messstelle Echterdingen in den beiden Monaten 89 Liter pro Quadratmeter gemessen, im März aber – deutlich unter dem Schnitt – nur 24 Liter und im April bislang gar nichts. Macht in Summe 113 Liter. Der Mittelwert der Jahre 1991 bis 2020 liegt bei 125 Liter, teilt Hanns Ulrich Kümmerle vom DWD mit, verweist aber auch darauf, dass darin die im Südwesten meist eher trockenen Jahre ab 2010 bereits einberechnet sind. Die Messstelle am Echterdinger Flughafen gilt als repräsentativ fürs Kreisgebiet. Nur am Albtrauf liegen laut Wasserwirtschaftsamt die Niederschlagswerte etwas höher.

Folgen habe die derzeitige Wetterlage vor allem für die Ackerflächen, wo der Oberboden sehr trocken sei, teilt das Landwirtschaftsamt mit. „Im Unterboden ist jedoch weiterhin Feuchtigkeit vorhanden, die für ein gutes Auflaufen der gesäten Kulturen sorgt. In den Winter- wie auch den Sommergetreiden zeigen sich daher noch keine Einschränkungen.“ Problematisch werde es, wenn über Wochen hinweg bei steigenden Temperaturen die Trockenheit anhält. Am härtesten trifft es dann Pflanzen mit geringer Wurzeltiefe, die erst im Frühsommer ihre Keimlinge aus der Erde treiben.

Noch keine Konkurrenz ums Trinkwasser

Was die Frage nach der Bewässerung aufwirft – und nach dem Risiko von Wasserknappheit. Zum jetzigen Zeitpunkt, so das Landwirtschaftsamt, sei der Wasserbedarf für landwirtschaftliche Kulturen noch gering – dank relativ niedriger Temperaturen, der feuchten Unterböden und dem frühen Zeitpunkt in der Vegetationsperiode. Also keine akut drohende Wasserknappheit, zumal es keine Engpässe der Wasserversorger gebe. Aber: „Die Situation kann sich bei einer lang anhaltenden Dürre in Kombination mit steigenden Temperaturen ändern.“ Und mit vielen trinkenden, duschenden, planschenden Menschen. In den heißen Monaten nimmt der Wasserverbrauch der Bevölkerung deutlich zu, mit der Nachfrage steigt die Konkurrenz ums Trinkwasser.

Ist die Bewässerung von Feld und Flur aus Bach und Fluss eine Lösung? Nur eingeschränkt. „Sie ist grundsätzlich erlaubnispflichtig“, sagt das Wasserwirtschaftsamt. Ab einem kritischen Pegelstand wird keine Erlaubnis erteilt. Momentan fallen die Pegel der Gewässer im Kreis Esslingen, liegen aber noch im mittleren Bereich, teilt das Amt mit. Was sich bei weiter ausbleibenden Niederschlägen naturgemäß ändert.

Gießwasser aus dem Merkelschen Bad

Das Esslinger Grünflächenamt hat eine dritte Lösung parat: die große Regenwasser-Zisterne auf dem städtischen Bauhof. Dort bedienen sich die Gießfahrzeuge, und spätestens ab nächstem Jahr auch im Merkelschen Bad. Nicht dass man den Badegästen das Wasser ablässt. Nur das Abwasser aus den Becken. Da mag die eine oder andere Haut- und Haarschuppe drin schwimmen, aber „zum Bewässern ist das ideal“, sagt Amtsleiter Scheider. Weil der Bedarf groß ist. Denn so ein Baum ist ein wahrer Schluckspecht. Pro Gießgang kippt der locker 200 bis 300 Liter runter.

Wo zeigt sich der Klimawandel?

Temperatur
Wenn es noch eines Beweises für den Klimawandel bedürfte, genügte ein Blick auf eine Grafik des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Dargestellt sind die Temperaturbilanzen der Jahre 1881 bis 2024 in Deutschland. Bewegen sich die Jahre bis 1920 noch eher im unterkühlten Bereich, geht es ab Ende der 1980er Jahre steil rauf mit den Graden. Die roten Striche, die den Anstieg anzeigen, flammen immer weiter nach oben, fast jedes Hitzejahr wird vom nächsten übertroffen.

Niederschlag
Keinen eindeutigen Befund liefert hingegen das ebenso langjährige Niederschlag-Diagramm für Deutschland. Nach eher trockenen Zeiten Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wird es seit den 1960er Jahren tendenziell etwas feuchter. Allerdings sind die Tendenzen weit weniger ausgeprägt als bei der Temperaturentwicklung. „Auf das ganze Jahr betrachtet gibt es keinen eindeutigen Trend hin zu mehr oder weniger Niederschlag in Deutschland“, sagt Hanns Ulrich Kümmerle vom DWD. In Baden-Württemberg seien die Jahre ab 2010 allerdings eher trocken gewesen.

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