Trost statt Prost Warum „ Dry January“ nervt

Laut des Gesundheitsministeriums pflegen rund acht Millionen Deutsche einen „gesundheitlich riskanten Akoholkonsum“. Foto: IMAGO/Pond5 Images/xMelnykx via imago-images.de

Erst Dry January durchziehen, dann im Februar darauf anstoßen. Unsere Autorin findet den Januar schon trocken genug – und wünscht sich eine Ende Dry-January-Diskussion.

Dry January nervt. Ende Dezember fluten Fotos von Raclette-Geräten umgeben von einer undefinierbar großen Menge an Schälchen, gefüllt mit Cornichons, Mais und kleinen Kartoffeln meinen Instagram-Feed. Dazu wird natürlich angestoßen – mit Sekt. The same procedure as every year, James? Vor den Feiertagen waren es Stories mit Glühwein-Tassen auf dem Weihnachtsmarkt, inklusive dem Lieblingsmove aller Millennials: dem Anstoß-Boomerang plus den Hashtags #einglühwein #sweilühwein #reilüwei (bitte nicht).

 

Der Januar ist schon dry genug

Im Dezember wird Alkoholkonsum zelebriert, normalisiert und ist omnipräsent – Stichwort Bieradventskalender. Aber das ist kein Problem, denn im Januar ist damit ja Schluss. Im Januar wird Dry January gemacht, gell. New year, new me. Die einmonatige Abstinenz löscht jeden Tropfen Alkohol nachhaltig aus dem Körper. Oder so.

Der Januar ist sowieso schon trocken. Es ist ein kalter Entzug der festlichen Gemütlichkeit: kein drittes Mal Ernst Marischkas Sissi auf der Couch der Eltern schauen, keine Plätzchen zum Frühstück, kein „Welcher Tag ist heute eigentlich?“-Luxus zwischen den Feiertagen. Der Januar ist die kalte Dusche nach dem Dezember-Rausch, der Wecker an einem Montagmorgen. Und dann kommt noch der Dry January obendrauf, für manche auch noch der Veganuary und diejenigen, die’s richtig wissen wollen, starten das Jahr erst mal mit einer schönen Fastenkur. Alles, was keine Miete zahlt, muss raus. Und wann waren wir eigentlich das letzte Mal im Gym?

Im Februar wird angestoßen – was dann?

Keine Frage: Für eine Alkoholpause gibt es ausschließlich gute Gründe. Alkohol ist und bleibt die größte Volksdroge in Deutschland. Auch fernab vom Dezember wird gerne getrunken, „lecker Bierchen“ ist Kulturgut. Aber dieser kollektive Verzicht wirkt auf mich wie ein weiterer Trend, den man mitmacht, weil es alle machen – wie Dubai-Schokolade. Im Februar wird dann wieder angestoßen auf den erfolgreichen Dry January. Was soll das bringen?

Ja, es ist eine kleine Verschnaufpause für den Körper, schon kapiert. Und Verzicht ist auch einfacher durchzuziehen, wenn alle kollektiv mitmachen. Aber nachhaltig ist das nicht. Statt uns in diesem sowieso tristen Monat alles zu verbieten, sollten wir uns fragen: Was tut mir wirklich auf lange Sicht gut? Vielleicht hilft es, den Dry January nicht als einmalige Entgiftung zu sehen, sondern als Anfang für eine bewusstere Auseinandersetzung mit unserem Alkoholkonsum. Ohne den Druck, eine Ganz-oder-gar-nicht-Challenge draus zu machen und alles auf diesen Monat zu setzen. Einmal vegane Dino-Nuggets essen macht auch niemanden zur Veganer:in.

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