Trotz Aktienboom Weniger Börsengänge im ersten Halbjahr – Firmen meiden Deutschland
Nach einem schwachen Vorjahr war die Hoffnung auf ein Comeback 2024 hoch. Doch bislang erfüllt sie sich nicht – besonders in Deutschland bleiben Börsenpremieren rar.
Nach einem schwachen Vorjahr war die Hoffnung auf ein Comeback 2024 hoch. Doch bislang erfüllt sie sich nicht – besonders in Deutschland bleiben Börsenpremieren rar.
Ungeachtet der guten Anlegerstimmung und der Rekordstände an den Aktienmärkten halten sich Firmen weiter mit Börsengängen zurück. Im ersten Halbjahr 2024 wagten weltweit 551 Unternehmen den Sprung aufs Parkett – zwölf Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Das ist das Ergebnis einer Analyse der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft EY. Besonders mau ging es demnach mal wieder in Deutschland zu – obwohl die Entwicklung in Europa insgesamt Fahrt aufnahm. Allerdings rechnen die Experten mit einer stärkeren zweiten Jahreshälfte.
Nicht nur die Anzahl der Börsengänge ging deutlich zurück, auch die Geldsumme, die Unternehmen damit erlösten. So lag das globale Emissionsvolumen laut der Halbjahresbilanz bei 52,2 Milliarden Dollar (48,8 Milliarden Euro) und damit 16 Prozent unter dem Vorjahreswert. Im zweiten Quartal betrug der Rückgang sogar 31 Prozent. Vor allem in China und Asien insgesamt brach der Markt ein. In der Volksrepublik gab es im ersten Halbjahr ein Minus um 64 Prozent auf 74 Börsengänge, die lediglich 6,3 Milliarden Dollar einspielten – rund 81 Prozent weniger als vor einem Jahr.
EY-Fachmann Martin Steinbach beobachtet eine deutliche regionale Verschiebung. „Während Asien Rückgänge zu verzeichnen hat, präsentieren sich Europa und die USA mit starken Ergebnissen im ersten Halbjahr.“ So hätten die zehn größten Börsenpremieren in diesen beiden Wirtschaftsräumen stattgefunden, fünf davon in Europa. Insgesamt debütierten hier von Anfang Januar bis Ende Juni 69 Unternehmen, ein Plus von zehn Prozent im Jahresvergleich. Das Emissionsvolumen schoss von 5,2 Milliarden auf 15,2 Milliarden Dollar in die Höhe. Damit näherte sich Europa den USA an, dort gab es 80 Börsengänge mit Erlösen von insgesamt 17,8 Milliarden Dollar.
Trotz der starken Entwicklung in Europa herrschte in Deutschland weiter Flaute. Hierzulande gab es im zweiten Quartal keinen einzigen Börsengang, wenngleich der Reisekonzern Tui im April mit der Hauptnotiz seiner Aktie von London nach Frankfurt zurückzog. So blieb es in der ersten Jahreshälfte mit der Parfümeriekette Douglas und dem Rüstungszulieferer Renk in Frankfurt sowie dem Elektroauto-Start-up Elaris in München bei drei Neuzugängen beziehungsweise Rückkehrern, die zusammen ein Platzierungsvolumen von lediglich rund 1,4 Milliarden Euro stemmten.
Dabei hatte sich EY-Analyst Steinbach in seinem Jahresausblick für 2024 noch zuversichtlich für zehn bis zwölf Börsengänge in Deutschland gezeigt. Es gelte allerdings auch weiterhin: „Die Pipeline ist gut gefüllt – sowohl in Europa als auch in Deutschland.“ Mit Blick auf das zweite Halbjahr seien drei Faktoren von entscheidender Bedeutung dafür, dass sich wieder mehr Firmen an den öffentlichen Kapitalmarkt trauen: Der Fortgang der Zinssenkungen, das Ausbleiben geopolitischer Spannungen und der Ausgang der anstehenden Präsidentschaftswahlen in den USA.
Als Gründe, warum Unternehmen bei Börsengängen einen Bogen um Deutschland machen, nennt Professor Christoph Schalast von der Frankfurt School of Finance unter anderem die hohe Anziehungskraft des US-Markts. „In den USA ist deutlich mehr Kapital verfügbar als in Deutschland.“ Anders als in Deutschland gebe es dort für jede Geschäftsnische einen Wagniskapitalgeber. Zudem könnten Börsenpremieren in den USA dank einer höheren Anzahl an Investmentbanken deutlich effizienter vollzogen werden. Nicht zuletzt verspreche eine Aktiennotierung an der Wall Street mehr Prestige. 2023 war das einzig spektakuläre Börsendebüt einer deutschen Firma das des Sandalenherstellers Birkenstock – es fand nicht in Frankfurt, sondern in New York statt.