Frühstück bei der Krippengruppe, den Rennraupen, im Wichtelpark: Trotz Kitakrise schafft es die kleine private Kita, verlässliche Betreuungszeiten anzubieten. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Trotz Fachkräftemangels hält der Wichtelpark im Fasanenhof seine umfassenden Öffnungszeiten aufrecht. Wie geht das und kann er Vorbild für andere Einrichtungen sein?
Fachkräfte finden? Felix Jung winkt ab. „Das klingt, als könne man in einem Sandkasten nach einem Schatz graben. Aber der Sandkasten ist leer“, sagt der Leiter der privaten Kindertageseinrichtung Wichtelpark. Auf dem Arbeitsmarkt gibt es kaum Erzieherinnen und Erzieher. Das spürt auch er. Auf Stellenausschreibungen gehen kaum Bewerbungen ein. Und wenn, dann von Interessierten aus dem Ausland, welche meist nicht die nötige Qualifikation haben. Hinzu kommt, dass der Krankenstand hoch ist. „Im Vergleich zu Vor-Corona haben wir etwa dreimal so viele Fehltage“, schätzt Felix Jung und fügt sofort hinzu: „Ich weiß, dass meine Mitarbeitenden wirklich krank sind. Die Zahl der Infektionskrankheiten hat schlicht zugenommen.“
Diese Probleme kennen viele Kitas. Vielerorts fallen deswegen Betreuungszeiten weg. Teils werden Randzeiten systematisch gestrichen, um in den Kernzeiten eine gewisse Verlässlichkeit zu gewähren. Teils müssen Kitas von heute auf morgen kurzzeitig schließen. Das gibt es im Wichtelpark bisher nicht.
Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Die private Kita im Gewerbegebiet Fasanenhof für 45 Kinder von 1 bis sechs Jahren hat sich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf die Fahnen geschrieben. Mit diesem Anspruch ist sie vor mehr als 30 Jahren gegründet worden. Dazu gehört, dass sie montags bis freitags von 7.45 bis 17.30 Uhr geöffnet hat. Zu bleibt die Einrichtung nur zwischen Weihnachten und Neujahr, ansonsten gibt es so gut wie keine Schließtage. Wie schafft es der Wichtelpark, diesen Betreuungsumfang aufrecht zu erhalten, wenn sonst vielerorts von einer „Kitastrophe“ die Rede ist?
Felix Jung schickt voraus: Auch er habe in der Erkältungshochzeit den Spätdienst, also die letzten 45 Minuten Betreuung, hin und wieder streichen müssen. „Aber das ist in den letzten zwölf Monaten maximal zehnmal vorgekommen.“ Personell steht die Einrichtung gut da. Im Wichtelpark gibt es 9,75 Stellen, lediglich eine Vollzeitstelle ist unbesetzt. „Das können wir meist ausgleichen“, sagt Felix Jung. Ein großer Vorteil sei, dass die Erzieherinnen und Erzieher sich auf ihre pädagogische Arbeit konzentrieren können – abgesehen von der Leitung. Denn es gibt eine Küchen- und eine Bürohilfe, eine Logopädin kümmert sich explizit um das Thema Sprachförderung.
Ein gutes und motiviertes Team sei das A und O
Felix Jung und seine Stellvertreterin Parthena Kyriathopoulou schwören auf ihr Team. Das sei motiviert, halte zusammen, sei füreinander da. Die Bereitschaft, auch mal Überstunden zu machen, sei hoch. Dieser „Geist des Wichtelparks“ strahle aus. Weitere Pluspunkte im Kampf um Fachkräfte seien die attraktive Lage am Waldrand, die überschaubare Größe der Einrichtung, die private Trägerschaft durch einen kleinen Verein, was einige Freiheiten ermögliche, und sicher auch die engagierte Elternschaft. „Wir sind alles andere als eine Brennpunkt-Kita“, räumt Felix Jung ein.
Der Kita-Leiter Felix Jung und seine Stellvertreterin Parthena Kyriathopoulou schwören auf ihr Team. Foto: privat
Mit einer besseren Bezahlung kann der Wichtelpark aber nicht locken. Denn die Stadt übernimmt wie bei privaten Kitas üblich mit 97,5 Prozent im Wesentlichen die Personalkosten. Um diesen Zuschuss zu bekommen, muss sich die Einrichtung an das sogenannte Besserstellungsverbot halten. Um kurzfristige Vakanzen auszugleichen, greift der Wichtelpark auf Assistenzkräfte zurück, zum Beispiel in den Semesterferien auf Pädagogik- und Lehramtsstudierende. „Die finden wir aber auch nur, weil wir ein Netzwerk haben“, sagt Felix Jung.
Wie man den Fachkräftemangel generell begegnen könnte
So hat der Wichtelpark als kleine Einrichtung es in der Vergangenheit geschafft, eine „Kitastrophe“ für sich abzuwenden. Am generellen Fachkräftemangel ändert das aber freilich nichts. Wie sollte man dem begegnen? „Sofern man gutes Personal eben nicht einfach wie einen Schatz im Sandkasten findet, muss man es ausbilden“, antwortet Felix Jung. Genau das mache auch der Wichtelpark. Dann gelte es, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass sich das Fachpersonal auf die pädagogische Arbeit konzentrieren könne und von anderen Aufgaben entlastet werde. Und die Beschäftigten müssen bei der Stange gehalten werden. Dazu gehören für Felix Jung auch Aufstiegschancen. Die gibt es im Erzieherberuf kaum. Wer sich zum Natur-, Medien- oder Kleinkindpädagogen weiterbilde, bekomme trotzdem nicht mehr Gehalt. In anderen Berufen sei das hingegen üblich.
Aufstiegschancen gebe es für Erzieher nur, wenn sie in die Leitung gehen, sagt Felix Jung. Und das hat seinen Preis. Denn dann verbringt man viel Zeit mit Verwaltungsaufgaben und ist nur noch wenig bei den Kindern. Genau das hat er selbst erfahren, und es hat ihn dazu bewogen, die Leitung des Wichtelparks im Sommer abzugeben. Eine Nachfolge ist aber bereits gefunden.
Lösungsansätze für die Kita-Krise
Kita-Prozess in Stuttgart Um auf den Personalmangel und die damit verbundenen oft unsicheren Öffnungszeiten in den städtischen Einrichtungen zu reagieren, will das Jugendamt die Kita-Landschaft in Stuttgart neu organisieren. Das Konzept sieht vor, die Zahl der Ganztagsplätze, die aktuell bei 90 Prozent der Krippen- und 70 Prozent der Kindergartenplätze liegt, auf jeweils 60 Prozent zu senken. Der Rest sollen so genannte VÖ-Plätze mit sechs oder sieben Stunden Betreuung pro Tag werden.
Konzepte anderer Kommunen Offenburg und Horb gehen bereits neue Wege. Dort übernehmen Fachkräfte nur noch bis 14 Uhr die Betreuung, anschließend bieten Ehrenamtliche wie beispielsweise die Malteser Spielgruppen in den Räumen der Kita an für Kinder, deren Eltern eine längere Betreuungszeit brauchen. Der Gesamtelternbeirat wünscht sich solche Möglichkeiten auch für Stuttgart.