Der Schock damals ist groß. In einem Gebüsch nahe der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg findet die Polizei am 20. Oktober 2015 die Leiche einer Frau. Nach Nadine E., so heißt die Frau, war bereits in einer groß angelegten Aktion gesucht worden. Doch was nun beginnt, ist noch viel größer. Das Entsetzen und die Anteilnahme sind auch deshalb so groß, weil Nadine E. zwei kleine Kinder zurück lässt.
Das Verbrechen jährt sich in diesem Oktober. Doch obwohl der Fall längst abgeschlossen ist, kann er noch immer Emotionen wecken. Denn dass er restlos aufgeklärt wurde, kann man eigentlich nicht sagen.
Die Kleider sind und bleiben verschwunden
Über Nadine E. ist in jenen Oktobertagen Folgendes zu erfahren: Sie ist 36, hat zwei Kinder im Alter von drei und fünf Jahren und lebt gut verwurzelt im Stadtteil Eglosheim. Von ihrem Mann ist sie getrennt, sie hat eine neue Beziehung. Doch noch lebt sie mit dem Vater ihrer Kinder unter einem Dach. Er ist es auch, der sie bei der Polizei als vermisst meldet. Demnach wollte sie am Abend des 12. Oktober noch kurz ein Brot kaufen. In Sportklamotten verließ sie das Haus, fuhr davon – und kam nicht mehr zurück.
Die Polizei findet heraus, dass Nadine E.s Handy gegen 21.30 Uhr letztmals im Bereich Favoritepark eingeloggt gewesen war. An der dortigen S-Bahn-Haltestelle wird wenig später ihr grauer VW Caddy gefunden. Eine große Suchaktion inklusive Hubschrauber beginnt. Trotzdem wird die tote Nadine E. erst eine Woche später entdeckt, in einem Gebüsch neben den Gleisen der S 4 in Richtung Marbach. Ihre Leiche ist nackt, die Kleidung verschwunden, am Hals gibt es massive Schnittverletzungen. Anhaltspunkte für ein Sexualdelikt findet die Polizei keine. Wie sie auch sonst relativ wenig findet: „Wir stehen vor einem Rätsel“, bekennt ein Sprecher.
Keine Spur, viele Ängste
Die Soko „Allee“ zählt 55 Ermittler. Sie hängen Plakate und verteilen Flyer mit dem Foto von Nadine E. Sie befragen Verwandte, Bekannte, Kollegen. Im Monrepossee suchen Taucher nach der Kleidung und einer Mordwaffe, vergeblich. Es gibt einen Anfangsverdacht gegen jemanden „aus dem persönlichen Beziehungsumfeld“, der sich nicht erhärtet. Es gibt Hinweise, die zu nichts führen.
Im Internet und in der Stadt wird viel über die Hintergründe des mysteriösen Mordfalls spekuliert. Frauen sind verunsichert und fragen, ob man im Dunkeln noch alleine durch Eglosheim gehen kann. Am Fundort an der Reuteallee brennen Kerzen und liegen Blumen. Bei einer Online-Spendenaktion kommen binnen zwei Tagen mehr als 4000 Euro für die Kinder von Nadine E. zusammen.
Eine überraschende Verhaftung
Die Staatsanwaltschaft setzt eine Belohnung über 2000 Euro aus, die Polizei schaltet ein Portal für anonyme Hinweise frei. Doch es passiert nichts. Vier Monate nach der Tat ist die Polizei nicht mal mehr sicher, dass es sich bei der Tat um eine Beziehungstat gehandelt hat. Ebenso gut könne man es mit einer „Spontan-Tat“ zu tun haben. Womöglich stammt der Täter also gar nicht aus der Gegend? Womöglich war er mehr oder weniger zufällig in Ludwigsburg und stach mehr oder weniger kurzfristig zu?
Doch dann am Abend des 4. August 2016 verhaftet die Polizei einen Verdächtigen: Nadine E.s Ehemann. Das Bild, das die Ermittler nun präsentieren, erscheint überraschend klar. Demnach hat Nadine E. das Haus am 12. Oktober 2015 nicht mehr verlassen, um Brot zu kaufen. Stattdessen kam es an jenem Abend daheim zu einem Streit zwischen ihr und ihrem Mann, bei dem sie erstickt ist. Der Täter, so die Rekonstruktion, verfrachtet die Leiche in sein Auto und fährt sie später im Schutz der Dunkelheit in Richtung PH, wo er sie ins Gebüsch schleift und ihr in den Hals sticht. Den VW Caddy von Nadine E. parkt er demnach selbst bei der Pädagogischen Hochschule. Am nächsten Morgen meldet er seine Frau als vermisst.
Das klare Bild ist gar nicht so klar
Wie die Polizei sagt, hat sie den 43-Jährigen bereits seit längerer Zeit im Verdacht gehabt. Doch erhärten lassen hatte er sich nicht. Letztlich aber führte die kriminaltechnische Auswertung der Einzelspuren zum Erfolg oder besser: was die Ermittler dafür hielten. So hatten sie auf der nackten Leiche ein Haar sichergestellt, das dem Ehemann zugeordnet werden konnte. Außerdem fanden sie an der Leiche, im Auto und im Haus der Familie graue Faserspuren, die mutmaßlich von Handschuhen stammten, die der Mann bei der Tat getragen haben soll.
Doch wie sich vor Gericht zeigt, ist das Bild alles andere als klar.
Der Prozess beginnt am 9. Januar 2017 vor der neunten Kammer des Stuttgarter Landgerichts. Angesetzt sind zwölf Verhandlungstage, letztlich wird es aber zu viel weniger kommen. Experten erklären vor Gericht, dass es sich bei der Tötung von Nadine E. um eine gezielte Tat handelte. Und wie sie die Fasern bestimmt haben. Und wie genau sie die Leiche untersucht haben. Doch ein überzeugendes Motiv gibt es trotzdem nicht, von den belastenden Handschuhen fehlt jede Spur, und exakt bestimmbar ist der Todeszeitpunkt trotz aller Expertise nicht. Was nicht unerheblich ist.
Eine Zeugin nämlich gibt glaubwürdig an, Nadine E. am fraglichen Abend um 20.30 Uhr im Eglosheimer Lidl-Markt gesehen zu haben. Nach Überzeugung der Ermittler jedoch war Nadine E. zu dieser Zeit bereits tot.
Der Angeklagte erhängt sich
Und dann ist da noch der Angeklagte selbst, der seine Unschuld beteuert. „Ich hätte meiner Frau nie etwas antun können“, erklärt er über seine Anwältin. Die Polizei hätte „auf Biegen und Brechen“ einen Täter finden wollen. Die Verteidigerin beantragt die Entlassung aus der Untersuchungshaft. Die Indizienkette der Ermittler sei gescheitert. Das Gericht weist den Antrag zurück.
Zu einem weiteren Verhandlungstag kommt es nicht mehr. Am Morgen des 6. Februar 2017 findet ein Wärter den 43-Jährigen tot in seiner Zelle. Er hat sich an einem Ledergürtel erhängt. Wenige Wochen später wird das Verfahren eingestellt.