Ein Opfer aus Stuttgart berichtet So setzen die Schockanrufer ihre Opfer unter Druck

Die Anrufer setzen ihre Opfer psychisch unter Druck. Foto: imago images/K.Schmitt

Ein 78-jähriger Stuttgarter ist schon auf der Bank, um Geld abzuheben und an Telefonbetrüger zu übergeben. Er wähnt seine Tochter in Gefahr. In letzter Minute kommt die Rettung.

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Er kennt die Tricks. Er liest regelmäßig darüber in seiner Tageszeitung, die zum Frühstück gehört wie die Tasse Kaffee. Er warnt sogar immer wieder Freunde vor den Machenschaften der Telefonbetrüger, die es vor allem auf das Geld und die Wertsachen älterer Menschen abgesehen haben. Und doch ist er zur Bank gegangen und hätte beinahe Geld abgehoben, das Schockanrufer von ihm forderten. „Dass mir das passieren könnte, hätte ich nie gedacht“, sagt der 78-jährige Gerd Münzer (Name geändert).

 

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Genau die Masche, mit der Betrüger Geld von dem 78-jährigen Stuttgarter erbeuten wollten, war am Freitag, 1. April, in der Zeitung beschrieben. „Aber warum auch immer habe ich den Text überblättert“, sagt Gerd Münzer. „Sonst hätte ich es vielleicht früher gemerkt.“ Was hätte er merken können? Dass die weinende Frau, die am Telefon war, nicht seine Tochter Steffi ist. Dass die Frau, der sie das Telefon weitergab, nicht wirklich eine Polizistin ist. Und dass eine deutsche Staatsanwaltschaft nichts, aber auch gar nichts ohne Schriftverkehr macht, und daher auch niemals per Anruf eine Kaution fordern würde. All das hätte er merken können, meint der 78-Jährige. „Aber ich war wie unter Schock, ich hab nichts hinterfragt“, fügt er hinzu. Dabei sei er der „nüchterne, technische Typ“ als Ingenieur.

Als das Telefon klingelt, sind die Banken nicht mehr lange geöffnet

Doch als am Freitag gegen 11 Uhr das Telefon klingelte, war es vorbei mit nüchternem Analysieren. Ein Albtraum, was ihm da erzählt wurde. „Papa, ich hab jemand überfahren!“ Schluchzend und weinend, „eine reife Schauspielleistung“, sagte eine Frau den Satz am anderen Ende des Telefons, dann hätte sie das Weinen übermannt und sie habe den Hörer weitergegeben. Auch die Frage „Wer bist Du eigentlich?“ – Münzer hat zwei Töchter – habe sie nicht mehr geantwortet. Es meldete sich eine – vermeintliche – Polizistin. Die erzählte, die Tochter habe eine Frau auf einer Kreuzung überfahren, eine Mutter zweier Kinder. Sie müsse ins Krankenhaus wegen einer Verletzung, danach käme sie direkt ins Gefängnis. Es sei denn, der Vater würde eine Kaution in Höhe von 80 000 Euro bezahlen. Auch Wertsachen, Schmuck und Goldbarren würde die Staatsanwaltschaft akzeptieren. „Das habe ich nicht“, sagt der 78-Jährige. Geld könnte er besorgen – wenn auch nicht in der Höhe der geforderten Summe. Die falsche Polizistin fragte nach der Handynummer.

Als nächstes meldete sich eine angebliche Staatsanwältin am Mobiltelefon. Gerd Münzer solle nicht auflegen, und mit ihr am Telefon zur Bank fahren. „Es hat ja auch pressiert, schließlich war Freitag“, sagt der 78-Jährige. Da machen die Banken früher zu und der Gedanke, das Geld noch rechtzeitig beim Gericht abgeben zu können, um seine Steffi zu retten, ließ ihn wegeilen.

Dass er nicht ganz er selbst war, wusste er. Dass man ihm das auf der Bank anmerken würde, auch. Er versuchte, das zu überspielen. „Wofür brauchen Sie das Geld?“ sei er gefragt worden. „Das müssen Sie nicht wissen“, habe er geantwortet, die ganze Zeit das Handy mit dem laufenden Gespräch in der Hand. 10 000 Euro wollte er. Die Bankmitarbeitenden baten ihn in ein separates Zimmer, fragten noch mehrmals nach dem Verwendungszweck. „Da hab ich dann wohl widersprüchliche Angaben gemacht“, sagt Gerd Münzer. Man flunkerte ihm vor, das Geld aus dem Tresor zu holen, das würde aber zehn Minuten dauern. Doch die Bankangestellten gingen nicht zum Geldschrank, sondern eilten zum Telefon, alarmierten die Polizei.

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Eine Polizistin und ein Polizist kamen. „Sehr nett und kompetent“, hätten die reagiert. Der Beamte habe erst mal das Mikrofon am Handy stummgeschaltet, denn die Verbindung zu den Tätern war immer noch aktiv. „Ich hab ihnen dann die Geschichte erzählt“, sagt Münzer. Der Polizist habe ihn gleich beruhigt, dass das sicher „Fake“ sei. Aber zur Sicherheit habe er sich in der Zentrale rückversichert, ob ein Unfall wie der von den Anruferinnen beschriebene geschehen sei. „Den gab es natürlich nicht“, sagt Münzer. Die Polizei brachte ihn heim und wenig später war er auch bei seiner Tochter Steffi – die wohlbehalten war, aber etwas entsetzt. „Wie konntest Du nur?“ sei deren erste Reaktion gewesen. Aber er habe es ihr und dem Rest der Familie dann erklärt, in welchem Schockzustand er war, da hatten dann alle Verständnis.

Gerd Münzer hat nicht vielen von der Geschichte erzählt. Einem Freund noch – der dann damit rausrückte, dass ihm Ähnliches widerfahren war. „Das war noch unheimlicher. Seine Tochter lebt bei Gießen, und es meldete sich jemand von der Polizeidienststelle Hanau.“ Der Mann habe nach einer Rückrufnummer gefragt, da hätten die Anrufer gelacht und aufgelegt – sie fühlten sich offenbar durchschaut.

Die Täter üben psychisch Druck aus

Dem Senior ist nun klar, dass er völlig kopflos handelte, weil die Täter mit Ängsten und Bedrohungen für die Liebsten operieren. „Man denkt nicht mehr klar, ich hab ja von meiner vermeintlichen Tochter außer dem Schluchzen fast nichts gehört“, sagt er. Auch der Psychotrick, die Verbindung mit dem Handy auf dem Weg zur Bank aufrecht zu erhalten, habe seine Wirkung nicht verfehlt. Gerd Münzer fühlte sich unter Druck und beobachtet und wollte nichts falsch machen, immer den Schutz seiner Tochter im Sinn. „Die setzen einen psychisch völlig unter Druck.“

Jetzt liest er wieder jede Geschichte über Betrugsmaschen – und macht gleichaltrige Freunde auf die Berichte aufmerksam. Den besten Tipp der Polizei werde er in ähnlichen Situationen fortan berücksichtigen: So bedrohlich die Nachricht auch sein mag, immer soll man zunächst ein Familienmitglied anrufen und sich rückversichern, ob wirklich was passiert ist.

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