Trump fordert Angela Merkel heraus Die Weltkanzlerin nimmt ihre Rolle an

Der Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen bedeutet für Europa eine neue Rolle. Deutschland und Frankreich scheinen entschlossen, sie anzunehmen.

Donald Trump – in den Augen von Greenpeace ein Loser, ein Verlierer. Foto: AP
Donald Trump – in den Augen von Greenpeace ein Loser, ein Verlierer. Foto: AP

Berlin/Paris - Der Pariser Platz ist umbenannt worden. „Pariser Klimaschutz-Platz“ steht zumindest auf dem Schild, das ein Demonstrant direkt vor der US-Botschaft am Brandenburger Tor in die Höhe reckt. Die Grünen wollen an diesem Morgen nach dem historischen amerikanischen Nein zum Pariser Klimaabkommen die Ersten sein, die ihren Ärger auf die Straße bringen. „Kohle stoppen, Klima schützen“ skandieren auch die beiden Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl, Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir. Auf einem Transparent ist zu lesen, dass Präsident Donald „Trump gegen die Erde“ entschieden hat. Dessen Wahlkampfmotto „Make America great again“ wird ein „Make our planet great again“ entgegengesetzt.

Trumps Ausstieg löst eine gewaltige Erschütterung aus

Knapp hundert Leute misst die Pro-Klimaschutz-Kundgebung an diesem sonnigen Berliner Vormittag. Die Größe der Spontanversammlung sagt jedoch nicht viel darüber, mit welcher Entschiedenheit der Kampf gegen die Erderwärmung im Laufe des Tages noch ausgefochten wird. Die politische Erschütterung, die Trumps Abkehr von der globalen Mitverantwortung in der deutschen Hauptstadt auslöst, ist gewaltig – das Jetzt-erst-recht-Signal, das Deutschland nach Washington sendet, noch gewaltiger.

Es ist 10.42 Uhr, als die Frau, auf die nun viele in der Welt blicken, durch den Vordereingang des Bundeskanzleramtes spaziert. In drei Minuten soll sie eine offizielle Erklärung abgeben, doch Angela Merkel schlendert, begleitet von einem Sicherheitsbeamten, in aller Seelenruhe durch das Foyer zu den Aufzügen. Vieles spricht in diesem Augenblick dafür, dass sie in Kürze wieder eines ihrer zwar wohldurchdachten, aber etwas leidenschaftslosen Statements in die Mikrofone sprechen wird. Es kommt anders, ganz anders.

Die Kanzlerin lässt schon im ersten Satz in ihr Inneres blicken. Sie nennt den Ausstieg der Amerikaner – Trumps Name fällt kein einziges Mal – „äußerst bedauerlich“, um dann hinzuzufügen, „und damit drücke ich mich noch sehr zurückhaltend aus“. Danach folgt eine Kampfansage, die für Angela Merkel nicht weniger ungewöhnlich ist. „Wir brauchen dieses Pariser Abkommen, um unsere Schöpfung zu bewahren. Nichts kann und wird uns dabei aufhalten“, sagt die oft so Zögerliche: „Entschlossener denn je werden wir in Deutschland, in Europa und in der Welt alle Kräfte bündeln.“

Merkel nimmt die neue Rolle an

Da spricht sie, die Weltkanzlerin. Die Rolle als Anführerin der freien Welt ist ihr schon direkt nach Trumps Welt angeheftet worden. Empört fast wies sie diese Rolle von sich. Jetzt scheint Merkel sie anzunehmen. Als sie von „wir“ redet, meint sie nicht nur die Bundesregierung oder Deutschland, sondern den gesamten Globus: „Das, was wir mit dem Berliner Protokoll, der Klimarahmenkonvention, dem Kyoto-Abkommen vor über 20 Jahren begonnen haben und was in Paris vor eineinhalb Jahren in einem historischen Quantensprung fortgesetzt wurde, wird zum Erfolg führen.“ Und dann richtet sich die Kanzlerin zum ersten Mal an die ganze Welt: „Allen, denen die Zukunft unseres Planeten wichtig ist, sage ich: Lassen Sie uns gemeinsam den Weg weitergehen, damit wir erfolgreich sind für unsere Mutter Erde.“

Persönlich angefasst wirkt Merkel an diesem Tag auch deshalb, weil sie so viel investiert hat in die Klimapolitik. Nicht nur in den vergangenen Tagen, als sie beim G-7-Gipfel auf Sizilien zusammen mit den fünf anderen Staats- und Regierungschefs stundenlang auf Trump eingeredet hat und am Ende doch feststellen musste, dass dieser sein Wahlkampfversprechen einzulösen gedenkt. „Irgendwo musste er liefern“, heißt es im Umfeld der Kanzlerin, „wenn er schon keine Mauer baut und auch das Handelsabkommen Nafta nicht kündigt.“ Alle Versuche über Trumps Tochter Ivanka einen Sieg des rechtsnationalistischen Chefberaters Stephen Bannon zu verhindern, sind eindrucksvoll gescheitert.

Für die Kanzlerin ist der Klimaschutz eine Herzensangelegenheit

Der Ausstieg des zweitgrößten Kohlendioxidproduzenten der Welt aus dem Weltklimavertrag setzt der Kanzlerin aber auch deshalb persönlich zu, weil der Klimaschutz der rote Faden ihrer politischen Karriere ist. Als Umweltministerin hat sie in den neunziger Jahren das Kyoto-Protokoll mit ausgehandelt, in den nächtelangen Verhandlungen hat sie jene Beharrlichkeit, jenes Stehvermögen und jene Liebe zum Detail erlernt, die ihre Gegenüber heute so schätzen beziehungsweise fürchten. Nun also wieder so ein Rückschlag, brutaler vielleicht als alle anderen zuvor. Die Transatlantikerin, die schon zu DDR-Zeiten in Gedanken ihre erste Amerikareise plante, sei über das, was Trump anrichtet, „traurig“, heißt es in ihrem Umfeld.

So ähnlich muss es Jürgen Hardt gehen, dem CDU-Bundestagsabgeordneten, der im Auswärtigen Amt der Koordinator für die transatlantischen Beziehungen ist. Was gibt es da derzeit zu koordinieren? Auf Trumps Klimaentscheidung angesprochen, muss Deutschlands Obertransatlantiker Sätze wie diesen sagen: „Amerika isoliert sich nun auch in dieser Frage von der übrigen Welt.“ Über die Führungsrolle Amerikas spricht er in der Vergangenheitsform. Ein wenig Hoffnung gibt ihm nur noch, dass auch der längst verkündete Ausstieg aus dem pazifischen Freihandelsabkommen TPP den US-Kongress noch gar nicht erreicht hat, es vielleicht nur bei den markigen Worten des Präsidenten bleibt und gar keine Taten folgen: „Nicht alles wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“

Macron geißelt den „Fehler“ Trumps

Bei Angela Merkel scheinen die Zweifel diesbezüglich tiefer zu gehen. Aber auch sie wird weitermachen, etwa beim G-20-Gipfel Anfang Juli in Hamburg, der nun sicherlich kein rauschender Erfolg mehr werden dürfte, sondern Schadenbegrenzung leisten muss. „Unsere Arbeit wird nun sein“, sagt Merkels Sprecher Steffen Seibert, „die Reihen der Übrigen zu schließen.“ Gelingen soll das zusammen mit Emmanuel Macron, mit dem Merkel unmittelbar nach Trumps Entscheidung telefoniert und die künftige Strategie abgesprochen hat.

Und auf Macron scheint Verlass. Beim Brüssel Nato-Gipfel hatte er bereits mit einem für Donald Trump schmerzlich festen Händedruck klargestellt, dass er sich dem Amerikaner zu widersetzen weiß. Nach der Aufkündigung des Pariser Klimaschutzabkommens bekam Trump nun erneut die Festigkeit des Franzosen zu spüren. Noch vor Mitternacht trat Macron vor die Fernsehkameras, geißelte in scharfen und zugleich wohlabgewogenen Worten „einen Fehler“ Trumps. Der 39-jährige Franzose stellte klar, dass es Neuverhandlungen zum Klimaschutz nicht geben wird. Man brauche keinen Plan B, weil es keinen Planeten B gebe, sagte Macron. Vom Französischen ins Englische wechselnd, machte er deutlich, dass der US-Präsident auch im Hinblick auf die Zukunft des eigenen Landes einen verhängnisvollen Fehler gemacht habe. Macron wandte sich an Wissenschaftler, Unternehmer und verantwortungsbewusste Bürger in den USA, ermutigte sie, nach Frankreich zu kommen und sich dort für den Klimaschutz zu engagieren. Frech verdrehte der Franzose dann noch Trumps Wahlkampfmotto „Make America great again“, schloss mit dem Appell: ­„Make our planet great again“. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter macht Macrons Schlusswort mittlerweile weltweit Furore.

Das Pariser Rathaus erstrahlt in Grün

In seltener Eintracht schlossen die Franzosen dann die Reihen. Der Präsident hatte noch nicht zu seiner Fernsehansprache angesetzt, da erstrahlte die Fassade des Pariser Rathauses schon in kräftigem Grün. Die sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo hatte es verfügt zum Zeichen dafür, dass sie „Trumps Entschluss missbilligt“. Als Vorsitzende eines weltweiten Zusammenschlusses von 40 Metropolen kündigte Hidalgo an, die großen Städte der Erde würden „zu ihrer Verantwortung stehen und das Pariser Klimaschutzabkommen in die Tat umsetzen“. Bis zu 40 Prozent des Vereinbarten könnten die Kommunen in gemeinsamer Kraftanstrengung stemmen. Vom Linksaußen Jean-Luc Mélenchon bis zur Rechtspolitikerin Marine Le Pen bekundeten Frankreichs Politiker Empörung über Trumps Absage an den Klimaschutz.

Das eindrucksvollste Signal senden am Morgen nach Trumps Ausstiegserklärung mal wieder die Umweltaktivisten von Greenpeace. Noch vor Sonnenaufgang haben sie eine Lichtbotschaft an die hochgesicherte US-Botschaft geworfen. Unter dem Konterfei des US-Präsidenten ist da ein typischer Trump-Satz auf Englisch zu lesen gewesen: „Totalversager, so traurig“.