Viele in Deutschland haben in einer Mischung aus Ungläubigkeit und Angst auf den Wahlsieg Donald Trumps in den USA geschaut. Jetzt ist es so weit. Trump übernimmt die Amtsgeschäfte als neuer Präsident der Vereinigten Staaten. Die Welt ist mit diesem Tag eine andere. Für Deutschland und Europa kommt der Machtwechsel in den USA zum ungünstigsten Zeitpunkt.
Mit Trump kehrt ein egozentrischer Macho ins mächtigste Amt der Welt zurück, der auf Einschüchterung der anderen setzt. Stellt man ihn sich auf dem Sportplatz vor, dann ist er genau der Spieler, der vor, während und auch noch nach dem Match unter der Dusche immer wieder dasselbe sagt: „Seht mich genau an. Ich bin mit Abstand der Größte hier.“
Das ist hässlich, aber es lassen sich Wege finden, damit zurechtzukommen. Das eigentliche Problem ist, dass mit Trump ein Spieler aufs Feld kommt, der sich für Regeln nicht interessiert. Trump ist wie einer, der auf den Bolzplatz kommt und sagt: „Heute darf meine Mannschaft – und nur meine Mannschaft – den Ball nicht nur schießen, sondern auch werfen.“ Und wenn die anderen das blöd finden? Viele werden trotzdem mitmachen, weil sie Angst haben müssen, von dem großen Rabauken verprügelt zu werden.
Eine Phase der eigenen Schwäche
Deutschland ist ein Land, das eigentlich das Selbstbewusstsein haben kann und muss, sich – wenn notwendig – den USA auch einmal zu widersetzen. Doch die zweite Trump-Präsidentschaft trifft die Deutschen in einer Phase der eigenen Schwäche. Der brutale Angriffskrieg des russischen Präsidenten Wladimir Putin hat offengelegt, wie stark Deutschland seit dem Ende des Kalten Krieges die Bundeswehr vernachlässigt hat. Dieses Defizit aufzuholen hat das Land gerade erst begonnen. Das noch größere Problem ist aber ein anderes.
Wenn Deutschland politisch stark sein soll, muss es wirtschaftlich erfolgreich sein. Die Tatsache, dass sich das Land schwer damit tut, ökonomisch aus der Krise zu kommen, beschädigt sein internationales Gewicht. Das gilt erst recht, weil das Land erst beweisen muss, ob es den Wandel hin zum klimaneutralen Wirtschaften auf eine Art bewältigt, sodass eine starke industrielle Basis erhalten bleibt. Ökonomischer Erfolg ist die notwendige Grundlage dafür, dass Deutschland von den USA und von China künftig noch ernstgenommen wird.
Kanzler Olaf Scholz ist überzeugt, dass man gegenüber Trump nicht untertänig auftreten darf – und er hat Recht damit. Friedrich Merz irrt sich, wenn er Trump als kalkulierbar bezeichnet. Er liegt aber richtig, wenn er eine bessere europäische Zusammenarbeit fordert – und hier kritisiert, von Deutschland gehe nicht genug Führung aus.
Die alten Zeiten sind definitiv vorbei
Da auf Dauer nur führen kann, wer die dafür ausreichende Statur hat, ist aber die entscheidende Frage an die Kandidaten – auch mit Blick auf das künftige außenpolitische Stehvermögen Deutschlands: Wie wird Deutschland ökonomisch wieder fit? Scholz und Merz überzeugen hier beide nur bedingt. Scholz tut so, als müsse den Menschen nichts zugemutet werden. Merz verspricht Steuersenkungen, die nicht gegenfinanziert sind. Ein langfristiger Plan ist bei beiden zu wenig erkennbar.
Wer sich unter Rabauken wiederfindet, braucht selbst Muskeln. Das gilt für Deutschland, aber auch für die Europäische Union in der aktuellen Lage mehr denn je. Auch wenn in den USA in vier Jahren wieder europafreundlichere Kräfte die Macht übernehmen sollten, ist klar: Die Zeiten, in denen sich die USA wie ein wohlwollender Hegemon um unsere Probleme gekümmert haben, sind endgültig vorbei. Europa muss endlich die Kraft finden, den eigenen Weg zu gehen.