Tschernobyl Leben in der Katastrophe

Von Roland Knauer 

Die Natur in den verstrahlten Sperrgebieten hat sich nach dem Super-Gau erstaunlich gut erholt. Vor allem die Abwesenheit des Menschen wirkt sich positiv aus.

Trotz Strahlung hat sich die Vegetation um Tschernobyl gut entwickelt. Foto: dpa
Trotz Strahlung hat sich die Vegetation um Tschernobyl gut entwickelt. Foto: dpa

Stuttgart - Längst blättert die weiße Farbe von den Fensterläden, die der Wind scheppernd gegen die Holzwand des einst schmucken Bauernhauses schlägt. Das Dorf weit im Norden der Ukraine – nicht weit von der Grenze zu Weißrussland – verfällt, Menschen leben hier schon lange nicht mehr. Schließlich liegt der Ort mitten im Sperrgebiet, aus dem fast alle Menschen nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 evakuiert wurden. Nun kehrt die Natur zurück. Elche, Wildschweine, Rehe und Wölfe sind die neuen Bewohner der Region.

„Der Einfluss des Menschen verändert ein Ökosystem oft gravierend“, erklärt der Naturschutz-Biologe Tobias Kümmerle von der Berliner Humboldt-Universität. Nun geht es umgekehrt: Auf Satellitenbildern sieht Tobias Kümmerle, wie sich die einstigen offenen Flächen langsam verändern. „Nach einigen Jahren beginnen Pionierbüsche, Birken und Weiden, die Wiesen zu überwuchern“, schildert der Forscher diesen Vorgang, dessen Details aus dem Weltraum allerdings nicht zu sehen sind. Dazu muss man schon auf den Boden der Tatsachen, wie es russische, ukrainische und weißrussische Forscher bereits in den ersten Wochen und Monaten nach der Atomkatastrophe taten.

Deren Ergebnisse fassen die Briten Nick Beresford vom Umweltzentrum der englischen Stadt Lancaster und David Copplestone von der University of Stirling in der Zeitschrift „Integrated Environmental Assessment and Management“ zusammen. 600 Hektar Nadelwald unmittelbar neben dem explodierten Reaktor bekamen mit 60 bis 100 Gray so viel Strahlung ab, dass im Juni 1986 praktisch alle Bäume abgestorben waren. Bei den Aufräumarbeiten wurden sie gefällt und vergraben. Da die Atomkatastrophe sehr viele kurzlebige radioaktive Elemente freigesetzt hat, deren Strahlung nach einigen Tagen, Wochen und Monaten verschwindet, verringerte sich die Strahlung dort rasch. So kamen bald Pflanzen hoch, die wie etwa Birken besser mit Radioaktivität umgehen können. Auch in diesem stark belasteten Gebiet wächst daher heute wieder Wald.

Insekten und Spinnen haben sich erholt

Eine ähnliche Entwicklung sehen die Forscher auch bei den Tieren. Im Sommer 1986 zählten sie drei bis sieben Kilometer vom havarierten Reaktor entfernt im Waldboden nur noch wenige Prozent der Würmer, Insekten und Spinnen, die vorher dort lebten. Doch bereits nach zweieinhalb Jahren hatten sich die Bestände weitgehend erholt, allerdings war die Artenvielfalt geringer. Bis zum Herbst 1986 hatte die hohe Strahlung offenbar auch einen großen Teil der Nagetiere in dieser Region getötet oder die Zahl der neugeborenen Mäuse und Wühlmäuse erheblich reduziert. Biologen wissen jedoch auch, dass Nager meist sehr fruchtbar sind. So hatten sich bereits im Frühjahr 1987 ihre Bestände wieder erholt.

Zwar liegt die Strahlenbelastung im radioaktiven Sperrgebiet heute immer noch deutlich über den Werten vor dem Super-GAU. Tiere und Pflanzen aber scheinen damit umgehen zu können, berichten verschiedene Forscher. Diesem Bild einer heilen Welt im Schatten der Katastrophe widerspricht vor allem Anders Møller vom französischen Forschungszentrum CNRS in Paris. Nach seinen Zählungen leben heute deutlich weniger Waldvögel als früher in Gebieten, in denen die Tiere täglich eine Strahlungsdosis von mehr als einem Milli-Gray abbekommen. Bei Rauchschwalben zählt Møller zum Beispiel mehr Mutationen, ihre Eier überleben schlechter und viele Vögel haben deformierte Federn.

Strahlenbiologen kennen solche Probleme durchaus – allerdings nur, wenn die betroffenen Tiere von innen bestrahlt werden, weil sie radioaktive Substanzen aufgenommen haben. „Anders Møller hat jedoch nur die äußere Strahlung gemessen“, monieren Robert Baker und Ronald Chesser von der Texas Tech University in Lubbock/Texas. Gemeinsam mit ihren Kollegen waren die beiden Forscher mehr als 70 Mal im Sperrgebiet rund um den Unglücksreaktor und haben dort Strahlung gemessen. Unter anderem haben sie auch die innere Dosis von Rauchschwalben bestimmt, die für Mutationen viel wichtiger als die äußere Belastung ist. Diese innere Dosis aber ist vergleichbar mit der Strahlenbelastung eines Verkehrspiloten mit drei Flugstunden am Tag in elftausend Meter Höhe. Sie kann somit kaum für die beobachteten Veränderungen verantwortlich sein.

Radioaktive Isotope im Boden

Ohnehin haben sich die Tiere der Region gut an die hohe Strahlung angepasst, berichten die Forscher aus Texas. So stecken heute noch beträchtliche Mengen der radioaktiven Isotope Cäsium-137 und Strontium-90 im Boden. Der Organismus von Säugetieren verwechselt diese Substanzen mit dem lebensnotwendigen Kalium und Kalzium. Vor allem Nagetiere, die häufig ihre Nahrung am Boden finden, bauen diese radioaktiven Elemente in Muskeln und Knochen ein, wo sie nach den Messungen der Forscher für eine relativ hohe Strahlenbelastung verantwortlich sind. Trotzdem finden Chesser und Baker nur wenige Veränderungen im Erbgut der Tiere. Offensichtlich haben sich die Organismen an die hohen Strahlendosen angepasst und reparieren auftretende Schäden im Erbgut schneller als Tiere aus strahlungsarmen Regionen. Die Wühlmäuse aus dem Sperrgebiet sind demnach trotz ihrer hohen Strahlenbelastung genauso gesund wie die Tiere in nicht belasteten Gebieten.

Für Tiere sind die negativen Auswirkungen der Strahlenbelastung also offenbar geringer als befürchtet. Gleichzeitig profitieren sie vom Rückzug des Menschen – und erobern ihre alte Heimat rasch zurück. Bereits acht Jahre nach der Katastrophe zählten Wissenschaftler im Umkreis des Unglücksreaktors daher dreimal mehr Tiere als vorher. Weißrussland hat aus solchen Zählungen längst Konsequenzen gezogen und seinen Teil des Sperrgebietes zum „staatlichen radioökologischen Naturpark“ erklärt. Dort wurden vom Aussterben bedrohte Arten wie Wisente angesiedelt. Auf der ukrainischen Seite wurden Przewalski-Pferde freigelassen. Den Tieren geht es gut und sie haben sich kräftig vermehrt

Der radioökologische Naturpark floriert

Offensichtlich floriert dieser Naturpark. Jim Smith von der University of Portsmouth in England und seine Kollegen aus Weißrussland, Japan und den USA zählen mit Helikopter-Flügen und durch die Auswertung von Wildspuren im Schnee seit der Reaktorkatastrophe, wie viele Rehe, Rothirsche, Elche, Wildschweine und Wölfe dort unterwegs sind. Diese Daten vergleichen sie im Fachblatt „Current Biology“ mit anderen Naturschutzgebieten in Weißrussland und Russland – auffällige Unterschiede finden sie nicht. Offenbar hat die Radioaktivität wenig Einfluss auf die Bestände dieser großen Säugetiere. Viel wichtiger scheint dagegen der Einfluss des Menschen. „Fällt er weg, kommen die Tiere zurück“, fasst Kümmerle zusammen. Von diesem Effekt scheinen vor allem die Wölfe zu profitieren, von denen Smith und seine Kollegen sieben Mal mehr als in vergleichbaren Gebieten zählen.

Ähnlich gut scheint es den Tieren auch im Sperrgebiet der Ukraine zu gehen. Dort baut Mike Wood von der Universität im englischen Salford seit 2015 in drei Untersuchungsgebieten Fotofallen auf, die in den ersten zwölf Monaten schon weit mehr als 150 000 Aufnahmen verschiedener Tiere lieferten. Immer wieder tauchen darauf Wölfe auf. Elche, Rotwild, Rehe und Wildschweine sehen die Forscher ebenfalls häufig, aber auch den seltenen Schwarzstorch und Luchse. Die große Sensation aber war ein Braunbär in der Fotofalle. Diese Art war seit Menschengedenken in der Umgebung von Tschernobyl nicht mehr gesehen worden. So furchtbar die Reaktorkatastrophe dort auch war, der Natur hat sie weit weniger geschadet als die Menschen dies tun.