Tschernobyl-Unfall Wie die Atom-Katastrophe Völker verbindet

Von Artur Lebedew 

Der Verein Heimstatt Tschernobyl baut Dörfer für Opfer des damaligen Reaktorunfalls. Jetzt treffen sich die deutschen und weißrussischen Helfer in Ehningen. Für die einen ist es Versöhnung – für andere der Beginn einer neuen Zeit.

In ihrer Heimat in Weißrussland bauten sie Häuser für Strahlenopfer. In Ehningen kochen die freiwilligen Helfer Foto: factum/Andreas Weise
In ihrer Heimat in Weißrussland bauten sie Häuser für Strahlenopfer. In Ehningen kochen die freiwilligen Helfer Foto: factum/Andreas Weise

Ehningen - Als der Kernreaktor im Block vier am 26. April 1986 in Tschernobyl explodiert, sind Tatsiana Chuzkaja und Ilja Seledcow noch nicht auf der Welt. Das Datum hat sich ihnen trotzdem eingebrannt. Es gibt wohl niemanden im Süden Weißrusslands, der keine Bekannten hat, die nicht mit den Strahlenfolgen kämpfen. Tatsiana hat Freunde, die kürzlich an Krebs gestorben sind. In der Uni gibt es Sonderkurse, das Fernsehen zeigt immer wieder aufs Neue Opfer, deren Leben zur Tragödie wird. „Tschernobyl bleibt für immer ein Thema“, sagt Ilja.

33 Jahre später sitzen die 28-jährige Uni-Dozentin und der 21-jährige Pharmazie-Student an einem Tisch in einer Ehninger Jugendstätte und spielen Karten. Vor wenigen Tagen sind sie zusammen mit 14 anderen aus Weißrussland angereist. Das deutsche Auswärtige Amt hatte eingeladen. Sie sind Freiwillige des weißrussischen Vereins Ökobau, der zusammen mit deutschen Helfern die Opfer des Atomunfalls unterstützt.

50 Familien umgesiedelt

Es scheint heute so weit weg. Aber als der Kernreaktor in der Ukraine explodiert und sich der radioaktive Strahlenteppich ausbreitet, macht die Todesfurcht vor Landesgrenzen in Europa nicht Halt. Zwischen Weißrussland und Deutschland – zwei frühere Kriegsgegner und Kontrahenten des Kalten Krieges – entstehen auch neue Brücken. In Ehningen werden sie mit den Händen greifbar.

Wolfgang Fischer, 71 Jahre alt, holte damals seine kleine Tochter vom Rasen vor seinem Haus bei Bielefeld, als er im Radio hörte, was in Tschernobyl passiert war. „Ich dachte, hoffentlich bleibt sie gesund“, erzählt er heute in der Hütte in Ehningen. Jahre später will er auch den Opfern helfen und engagiert sich deshalb beim Verein Heim-statt Tschernobyl.

Seit 14 Jahren reist er regelmäßig nach Lepal und Druschnaja, das sind zwei Dörfer, die die Organisation in den 90er Jahren in Weißrussland errichtete. 50 Familien haben sie aus dem damaligen kontaminierten Gebiet in Weißrussland umgesiedelt. Es wurden Häuser gebaut, Kirchen errichtet, Windräder aufgestellt. Jedes Jahr kommt etwas Neues dazu.

Im Sommer zogen sie Ökohäuser hoch und installierten zwei Wasserkläranlagen. Hand in Hand mit den jungen Helfern aus Weißrussland. „Rückt mal alle zusammen“, ruft Fischer in den Raum hinein und knipst das Licht aus. Deutsche und Weißrussen sitzen dort auf Stühlen nebeneinander und richten ihre Blicke nach vorne. Per Beamer wird ein Film auf die Wand projiziert. Die Bauarbeiten vom vergangenen Sommer werden gezeigt. Man sieht Ilja mit einer Schaufel, wie er Sand in eine Grube schüttet. Tatsiana, die als Dolmetscherin die Projekte betreute, vermittelt zwischen Deutschen und den örtlichen Bewohnern. Es herrscht launige Stimmung auf den Stühlen in Ehningen, immer wieder lachen die Teilnehmer über grinsende Gesichter oder spontane Kommentare.

Deutschland als Vorbild

„Unsere Väter und Großväter haben in Weißrussland gekämpft und Unheil angerichtet“, sagt Wolfgang Fischer nach dem Film. Er findet es schön, dass er heute zusammen mit Weißrussen lachen kann. „Versöhnung ist ein großes Wort, aber es ist so“, sagt er dann.

Vor vielen Jahren erzählte ihm eine weißrussische Teilnehmerin, dass ihre Oma sie nicht mehr sehen wollte, weil diese mit Deutschen zusammen arbeitete. Irgendwann konnte die junge Frau ihre Großmutter doch überzeugen. Wolfgang Fischer schätze den Mut und die Neugier, den die Jungen den Deutschen entgegen brachten. „Durch sie hat sich erst die Beziehung normalisiert.“

Die Weißrussen ihrerseits sind von der demütigen Haltung der Deutschen überrascht. „Die Vergangenheit spielt für uns keine wichtige Rolle mehr“, sagt Ilja. Er sieht in Deutschland eher die Projektion einer Zukunft, wohin sich auch Weißrussland entwickeln könnte. Besonders das Thema Nachhaltigkeit bewegt ihn – und das liegt auch an den Folgen von Tschernobyl. Wegen der anhaltenden Folgeschäden sorgen sich immer mehr Menschen über die Zukunft. „Die ökologische Bewegung steht in Weißrussland am Anfang“, sagt Tatsiana. Aber sie sei auch nach Deutschland gekommen, um darüber zu sprechen. In Böblingen besucht die Gruppe eine Müllverbrennungsanlage, in Stuttgart trifft sie örtliche Politiker.

„Wir werden Tschernobyl nicht vergessen“, sagt Ilja. Aber man müsse an die Zukunft denken.