TSG Hoffenheim Gisdol gerät in Bedrängnis

Der TSG-Trainer Markus Gisdol ist nicht mehr unumstritten. Foto: dpa
Der TSG-Trainer Markus Gisdol ist nicht mehr unumstritten. Foto: dpa

Vor dem Derby gegen den VfB Stuttgart gibt es bei der TSG Hoffenheim atmosphärische Spannungen. Das Verhältnis zwischen dem Clubchef Dietmar Hopp und dem Trainer Markus Gisdol ist angespannt – und könnte bald noch weiter abkühlen.

Hoffenheim - Das Verhältnis zu Dietmar Hopp dient bei der TSG Hoffenheim seit jeher als verlässlicher Gradmesser, um das Haltbarkeitsdatum eines Trainers herauszufiltern. Funkt es zwischen dem Gesellschafter und dem leitenden Fußballlehrer, ist alles in Ordnung. Herrscht dagegen (emotionale) Funkstille, ist akute Gefahr im Verzug. Reparieren lässt sich dann meist nicht mehr viel.

Hopp (und sein einflussreiches Umfeld) verzeihe nicht eben viel, heißt es. Das Verhältnis von Markus Gisdol zum Urvater des Bundesligisten aus dem Kraichgau ist seit einiger Zeit in eine Schieflage geraten. Nicht nur das des Cheftrainers, auch das von Manager Alexander Rosen. In dem Fall sind die beiden als Einheit zu sehen. So gibt sich das Duo auch intern. Und so machen im Lager der clubinternen Kritiker Einschätzungen wie „Gisdol und Rosen gegen den Rest der TSG-Welt“ die Runde.

Das Derby gegen den VfB könnte die Lage verschärfen

Die zuletzt erzielten Erfolge, das 1:1 gegen Borussia Dortmund und der 3:1-Auswärtssieg beim FC Augsburg, ändern vor dem Baden-Württemberg-Derby gegen den VfB Stuttgart an diesem Samstag (15.30 Uhr) wenig an den atmosphärischen Störungen; sie überdecken sie höchstens. Durch die vier Punkte wurde – nach einer schlechten Rückrunde vergangene Saison und dem schwachen Start in die laufende Spielzeit – vorerst nur die große Krise vermieden. Der 46 Jahre alte Gisdol wird von vielen im Kraichgau bereits als Trainer auf Abruf eingestuft. Schon eine Heimniederlage gegen den Nachbarn aus Stuttgart könnte die Lage wieder verschärfen.

Der Zauber des Anfangs jedenfalls scheint dahin. Im Mai 2013 war es, als dem Neuen auf der Trainerbank das Wunder Klassenverbleib gelungen ist. Aus einem 0:1 beim Favoriten in Dortmund wurde im letzten Bundesligaspiel ein 2:1-Sieg, der den Hoffenheimern die Relegation gegen Kaiserslautern (3:1/2:1) ermöglichte. Mutig hatte Gisdol vor dem drohenden Abstieg den Neuaufbau angekündigt – und zwar „egal in welcher Liga“, was dem Projekt neuen Charme verlieh. Gisdol überraschte mit Kampfeslust und Kreativität. Im September 2015 jedoch ist von der Leichtigkeit oder Gier nach Balleroberung (für die Gisdol steht) mehr nicht viel zu entdecken. Vielmehr kollidieren die Versprechungen und Erwartungen frontal mit der Realität. Statt des Sprungs in die Ligaspitze stürzte die TSG zuletzt in den Tabellenkeller ab. Nun scheint allenfalls Mittelmaß erreichbar, was eine wenig verheißungsvolle Perspektive darstellt.

Wichtige Spieler haben den Verein verlassen

Allein mit dem Umbruch im Team sind die Probleme im Kraichgau nicht zu erklären. Schon bevor Eckpfeiler wie Roberto Firmino (FC Liverpool/41 Millionen Euro), der Kapitän Andreas Beck (Besiktas Istanbul), Sejad Salihovic (China), Anthony Modeste (1. FC Köln) und Abraham (Eintracht Frankfurt) den Club verließen, stockte das offensiv ausgerichtete Spiel. Der Austausch des Personals spielt dennoch eine Rolle.

Bisher gelang es nicht, den Qualitätsverlust auszugleichen. Die neuen Angreifer Kevin Kuranyi und Mark Uth konnten kaum Akzente setzen, was zu unübersehbarem Frust bei einem Schlüsselspieler wie Kevin Volland führte. Erst seit Eduardo Vargas an seiner Seite stürmt, steigerte sich der Nationalspieler. Im Mittelfeld entwickelt sich zu wenig Dynamik, die nötig wäre, um ausreichend Druck auf die Gegner auszuüben. Unruhe oder Unwohlsein auf beiden Seiten lassen sich in einer unübersichtlichen Gemengelage deshalb nur schwer vermeiden. So hat das Vertrauensverhältnis von Gisdol zu seinen Spielern gelitten.

Trainer Gisdol und Manager Rosen kapseln sich ab

Seit Langem kapseln sich Gisdol und Rosen von Teilen des Clubs ab, um ohne Einflussnahme der Fraktion um Hopp arbeiten zu können. So sei das Duo nicht eben begeistert gewesen, als der Spielmacher Firmino ging und die Weisung folgte, ein positives Transferergebnis zu erzielen, sprich zu sparen. Kurzum: Firmino wurde nicht adäquat ersetzt, was ohnehin schwierig gewesen wäre.

Im Herbst 2015 muss Gisdol also erneut eine Prüfung bestehen. Die Frage ist, ob es dazu wieder ein Wunder braucht. Eines, das ihm vor über zwei Jahren schon einmal gelang. Oder ob das Verhältnis zu Dietmar Hopp doch irreparabel beschädigt ist.




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