Der Tsunami hat Futoshi Toba alles genommen. Gut fünf Monate nach dem verheerenden Erdbeben in Japan kämpft er für den Wiederaufbau.
Tokio - Der Tsunami hat Futoshi Toba alles genommen. Seine Frau, sein Haus, seine Stadt. Beinahe hätte es auch ihn am 11. März erwischt. Kollegen zogen den Bürgermeister in letzter Sekunde auf das Dach des Rathauses. Von dort aus musste er hilflos zusehen, wie eine 14 Meter hohe Welle seine Stadt Rikuzentakata einfach fortspülte. Nur ein paar massive Betongebäude hielten den Fluten stand.
Dort, wo einmal Rikuzentakata war, ein Touristenort mit 24000 Einwohnern, erstreckt sich nun eine baumlose Trümmerwüste, durchzogen von ein paar Fahrwegen. Die einst wohldefinierte Küstenlinie samt der bewaldeten Tsunami-Schutzdüne und dem Sandstrand existiert nicht mehr. Die Wellen des Pazifiks branden jetzt 200 Meter weiter landeinwärts ans unbefestigte Ufer. Bagger und Bulldozer schieben die Reste der Stadt zu Schuttbergen zusammen, Autowracks liegen herum. Das Land ist abgesunken, und Felder haben sich in Brackwasserseen verwandelt. In den Trümmern suchen Polizisten immer noch nach Leichen. In der Luft hängt ein Geruch von Fäule und Verwesung.
Die Menschen brauchen Hoffnung
An diesem Ort der Verzweiflung muss Toba eine neue Stadt, eine neue Gemeinschaft aufbauen. Die Menschen brauchen Hoffnung. Toba, ein schmächtiger Mann von 46 Jahren mit hoher Stirn und Kinnbart, sitzt in einem Notquartier und zeichnet mit kühnen Schwüngen seine Ideen auf einer Luftaufnahme der Stadt nach. Hier könnte die Hauptzugangsstraße verlaufen, auf einem Deich als zweiter Schutzwall gegen den Tsunami, dahinter soll die Stadt auferstehen. Im Herbst will Toba seinen ersten Wiederaufbauplan vorstellen. "Visionen sind gefordert", sagt Toba. "Wir brauchen Ideen, uns laufen die Menschen davon."
Das Leben ist immer noch schwer in der Stadt. Lange mussten die Einwohner zum Einkaufen, Tanken oder Arztbesuch in die Nachbarstädte Ofunato oder Kesennuma fahren, denn der Tsunami hat alle Supermärkte, Tankstellen und Krankenhäuser weggerissen. Inzwischen ragt wenigstens wieder eine kleine Nottankstelle aus der Trümmerlandschaft. Und in Containern wird Gemüse verkauft. Außerdem können die Evakuierten endlich in Notunterkünfte ziehen, die auf Schulgeländen errichtet wurden. Für die Menschen sind das große Schritte hin zu einem normalen Alltag. Nach dem Beben war die Stadt von der Außenwelt abgeschnitten. "Überall lagen Leichen herum, und wir hatten nichts zu essen", erinnert sich Yoshinori Iwasaki, der sich um evakuierte Senioren kümmert.
Schutz für 1100 Menschen
Der 37-Jährige steht vor der Mittelschule Nummer 1, die, auf einem Hügel liegend, vom Tsunami verschont wurde. 1100 Menschen hatten hier nach der Katastrophe Schutz gesucht, erzählt Iwasaki. In der ersten Woche gab es für jeden Flüchtling nur einen halben Reisball pro Tag zu essen, in der zweiten Woche zwei. Erst nach vier Wochen war die Versorgung wiederhergestellt. Doch es dauerte noch bis Mitte Juni, bis die ersten Evakuierten in Wohncontainer auf dem Schulhof einziehen konnten.
In akkuraten Reihen stehen sie entlang der Schotterwege, TV-Antennen auf dem Dach, Wäsche zum Trocknen vor der Tür, die Autos auf einem Parkplatz. Es ist nicht viel, sagt Sakae Sasaki, ein 80-jähriger Rentner. Die Container sind heiß und stickig. Durch ihre Ritzen krabbeln Insekten. "Aber es ist so viel besser als das Evakuierungszentrum. Endlich haben wir wieder Privatsphäre." Das Leben im Evakuierungszentrum sei der pure Stress gewesen.
Glaube an Erholung der Stadt
In der Gasse daneben wohnt Mai Sugawara mit ihrem neun Monate alten Kind. Ihre Schwiegermutter Sachiko ist gerade gekommen, mit Einkäufen aus der Stadt Ofunato. Die 36-jährige Mutter ist glücklich, überlebt zu haben. Nach dem Erdbeben lief sie ums Haus. Plötzlich sah sie eine Rauchwolke herannahen und flüchtende Menschen. "Ich bin weggelaufen, weil alle weggelaufen sind", erinnert sie sich. Nie hätte sie damit gerechnet, dass ein Tsunami ihr Haus erreichen könnte.
Am liebsten würde sie weggehen. Sie und andere fürchten, dass ein neuer Tsunami selbst die Schule auf dem Hügel wegreißen könnte, weil kein Schutzwall und keine Stadt das Wasser mehr bremst. Außerdem gibt es kaum Jobs. Aber ihre Eltern wollen bleiben. "Sie lieben die Gegend und die Gemeinschaft", sagt Sugawara, "sie glauben, dass sich die Stadt erholen wird."
Eine Kiefer hat den Tsunami überstanden
Bürgermeister Toba spürt die Erwartungen der Menschen: "Die meisten wollen den Ort nicht verlassen." Das Symbol ihrer Hoffnung ist eine einzelne Kiefer, die den Tsunami überstanden hat. Die Stadt hat Poster und Aufkleber gedruckt, die den Baum vor einer roten Sonne, dem Symbol Japans, zeigen. "Wir geben nicht auf, Rikuzentakata", verspricht der Schriftzug.
Die Bürger vertrauen dem Bürgermeister, der gerade einen Monat vor dem Tsunami-Unglück gewählt worden ist. "Erst ist noch jung, aber die beste Person für schlimme Zeiten", sagt der Bauer Chikara Yoshida, 75 Jahre alt. So ernsthaft, so bescheiden, so aufopferungsvoll. Yoshidas Wort hat Gewicht in der Gemeinde. Jahrelang saß er, der Kommunist, im Stadtparlament, denn er ist ein Pionier. Als einer der ersten Bauern des Landes hat er vor 32 Jahren seinen Apfelhof auf biologische Landwirtschaft umgestellt. Nun sitzt er in seinem Wohnzimmer und sinnt über die Zukunft seiner Gemeinde nach.
Riesige Herausforderung
Grund zur Sorge hat er genug. Zwar ist sein Hof auf einem Berghang, drei Hektar mit Apfelbäumen und Treibhäusern für die Gemüsezucht, unversehrt geblieben, aber das Meer hat seinen Sohn geholt. Yoshida, dessen Vorname Chikara Kraft bedeutet, lässt den Mut nicht sinken. "Ich glaube fest daran, dass wir eine neue Stadt bauen können, eine gute Stadt." Die Herausforderung ist riesig. Die Region ist berühmt für ihre Land- und Meeresfrüchte. Beide Geschäftszweige hat der Tsunami schwer beschädigt. Die Reisfelder im Tal seien auf Jahre versalzen, sagt Yoshida. Der Hafen existiere nicht mehr, im Gegensatz zu den Häfen der Nachbarorte Kesennuma und Ofunato. Dort können die überlebenden Fischer bereits wieder ihren Fang an Land bringen.
Japans Regierung hat daher im Eiltempo einen Plan für den Wiederaufbau zusammengezimmert, der nicht nur Japans Nordosten den Weg in die Zukunft weisen soll. "Wenn wir dort eine alternde, aber doch aktive Gesellschaft wieder aufbauen können, könnte dies zum Modell nicht nur für Japan, sondern auch für Asien werden", sagt Jun Iio, Professor am nationalen Graduiertenkolleg für Politikstudien (Grips) und führendes Mitglied in Japans Wiederaufbaurat.
Japan wartet auf eine Agrarreform
Die Leitideen des Rats lesen sich dabei wie jahrzehntealte Wunschzettel marktliberaler Reformer. Der Rat schlägt - wenn auch extrem fürsorglich verpackt - vor, die Wirtschaft in den betroffenen Regionen zu deregulieren, um mehr Unternehmen anzusiedeln, mehr Wettbewerb in Landwirtschaft und Fischerei zuzulassen, die bisher von hohen Zöllen geschützt werden, und das Land weiter für ausländische Unternehmen zu öffnen. Klarer formuliert das Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie die Rezeptur der Arznei: Freihandelsabkommen sind der Schlüssel für den Wiederaufbau Japans nach dem Erdbeben, heißt es in ihrem Weißbuch.
Unabhängig von der Tsunami-Katastrophe wartet Japan schon lange auf eine Agrarreform. Tokios Protektionismus ist eine der größten Hürden für Freihandelsabkommen mit Agrarexporteuren wie Australien oder die USA. Hinzu kommt, dass das japanische Steuer- und Erbrecht, welches Bauern große Steuervorteile gewährt, einem Millionenheer von Kleinstbauern das Überleben sichert. Durchschnittlich sind die Höfe nur eineinhalb Fußballfelder groß. Trotz der vielen Vergünstigungen reichen wegen der geringen Anbauflächen vielerorts die Einnahmen nicht mehr. Die meisten Bauern betreiben Landwirtschaft entweder neben dem Job - meist neben der Rente. Ihr Durchschnittsalter beträgt inzwischen 65 Jahre. Außerdem finden viele Landwirte keine Nachfolger. Dennoch hat bisher keine Regierung eine Reform durchzusetzen gewagt. Denn das Wahlrecht beschert den Stimmen der Landbewohner pro Direktmandat drei- bis fünfmal mehr Gewicht als denen der Städter.
Industrialisierung der Landwirtschaft
Nur halten viele Bauern nichts von solchen Reformen aus der Hauptstadt. Größere Felder, Konkurrenz durch die Agrarindustrie, womöglich Freihandelszonen wie das transpazifische Partnerschaftsabkommen TPP mit den USA und Australien? "Das ist eine schlechte Idee", schimpft Bauer Yoshida in Rikuzentakata.
Er will keine Industrialisierung der Landwirtschaft. Stattdessen plädiert er für kleine Höfe, aber andere Geschäftsmodelle. Orchideen statt Reis, ganzjährige Gemüsezucht in Gewächshäusern, biologischer Anbau mit Direktvertrieb über das Internet. Städter hätten ihm gesagt, sie würden 1000 Yen (rund acht Euro) für eine seiner Biotomaten zahlen wollen. Auch von Takuya Tasso, dem Gouverneur der Präfektur Iwate, in der Rikuzentakata liegt, erhalten die Bauern Rückendeckung. "Wir wollen keinen Freihandel, wir wollen fairen Handel."
Medienwirksame Fototermine
Professor Iio, der Aufbauplaner aus Tokio, weiß um die Stimmung vor Ort. Er hofft, dass das Ausmaß der Krise, das hohe Alter der Bauern und finanzielle Anreize für marktliberale Lösungen die Neinsager umstimmen werden. "Wir schlagen Experimente vor und beginnen mit Gemeinden, die sie ausprobieren wollen", erklärt er die Strategie. Schnelle Resultate könne man natürlich nicht erwarten, sagt er. "Aber ich bin mir sicher, dass wir unser Ziel in zehn Jahren erreichen können."
Bürgermeister Toba fühlt sich trotzdem von der Politik alleingelassen. Viele Politiker sind nur kurz für ein paar medienwirksame Fototermine durch die Stadt geeilt. Statt zu helfen werden ihm Knüppel zwischen die Beine geworfen. So wird ihm verboten, alten Bewohnern ihre verwüsteten Grundstücke abzukaufen und ihnen damit einen Neuanfang zu gewähren. "Dafür gibt es kein Gesetz, wird mir gesagt."
Aber Toba plant realistischerweise in langen Zeiträumen. Allein acht Jahre werden vergehen, bis die Grundfunktionen der Stadt wiederhergestellt sind, schätzt er. "Für den Bau unserer Idealstadt werden wir sogar 20 bis 30 Jahre brauchen." Während der Rest des Landes bereits wieder zur Normalität übergeht, müssen die Überlebenden des Tsunamis noch lange mit der Krise leben. Doch eines hat Toba schon geschafft: das Sternenfestival, das jedes Jahr in Rikuzentakata stattfindet und eine 900 Jahre lange Tradition hat, ist vergangene Woche gefeiert worden. Die Bürger zogen einen Umzugswagen durch die Stadt. Mehr hat ihnen der Tsunami nicht gelassen.