TSV Schmiden: Krav Maga Schönheitspreise gibt es nicht

Beobachtet von Valentino Scicchitano übt Lucie Kleider (links) zusammen mit Lia Plett den Stopptritt an einem schützenden Polster. Foto: Michael Käfer

In der Fight-Academy des TSV Schmiden unterrichtet Valentino Scicchitano, 49, das Selbstverteidigungssystem Krav Maga.

Es ist eine alltägliche Situation: Spät abends sitzt in der fast leeren S-Bahn eine junge Frau. Obwohl genügend andere Bänke frei sind, wählt ein kräftiger Mann ausgerechnet den Platz ihr gegenüber am Flur des Waggons. Immer weiter rückt er nach vorn, der Abstand zwischen dem ungleichen Paar verringert sich mehr und mehr. Eine bevorstehende Zudringlichkeit hängt geradezu in der Luft. Wie verhält man sich in einer solchen – in diesem Fall gestellten – Situation? Lucie Kleider macht es richtig. Die 17-Jährige steht auf und sucht sich einen anderen Platz. Eine scheinbar ganz einfache Lösung, um die potenziell gefährliche Lage zu entschärfen. Was aber, wenn Lucie Kleider den Fensterplatz gewählt hätte und der von Valentino Scicchitano gespielte Aggressor ihr den Fluchtweg aus der Vierer-Sitzgruppe abschneiden würde? Oder aber die junge Schmidenerin im engen S-Bahn-Waggon verfolgen würde?

 

Krav Maga ist weltweit verbreitet

Derartige realitätsnah gespielte Szenen, von Fachleuten als Situational Action Training (SAT) bezeichnet, sind üblicherweise der abschließende Höhepunkt jeder Trainingseinheit von Valentino Scicchitano. In der Fight-Academy des TSV Schmiden unterrichtet der 49-Jährige Krav Maga, ein von Imrich Lichtenfeld entwickeltes Selbstverteidigungssystem, das sich von der israelischen Armee ausgehend längst weltweit verbreitet hat und das in seiner militärischen Version auch in der Bundeswehr ausgebildet wird.

Leicht zu erlernende Techniken

„Das Ziel ist es immer, möglichst unverletzt aus der bedrohlichen Situation rauszukommen“, sagt Valentino Scicchitano an diesem Abend zu seinen zehn Kursteilnehmern im Schmidener Sportforum. Einen Schönheitspreis für die eleganteste Technikkombination strebt beim Krav Maga niemand an. Schnell, hart und direkt sind die Basistechniken, die Valentino Scicchitano nach dem vorangegangenen Aufwärmen unterrichtet. Zwar kennt das Krav Maga auch Wurf- und Hebeltechniken sowie den Bodenkampf, aber eindeutig im Vordergrund stehen leicht und instinktiv zu erlernende Schlag- und Tritttechniken sowie Stöße mit dem Knie und dem Ellbogen.

Lucie Kleider und ihre ebenfalls 17-jährige Trainingskollegin Lia Plett haben an diesem Abend unter anderem Fußtritte geübt. Ein zwischen die Beine gehaltenes Polster dämpft die von unten nach oben geführten Tritte, die im Ernstfall eine überaus empfindliche Körperregion treffen würden. „Jetzt machen wir den Stopptritt als Variante ,Tür eintreten’“, sagt Valentino Scicchitano danach in seiner betont bildhaft gehaltenen Sprache. Trefferfläche ist also die Fußsohle, die unter Einsatz einer Hüftstreckung größtmögliche Wirkung im Ziel entfalten soll.

Knackpunkt: realitätsnahe Anwendung

Vom Üben der Basistechniken bis zu den immer wieder neuen SATs „steigt das Stresslevel immer mehr an“, erklärt Valentino Scicchitano, der im Broterwerb als Produktmanager für Sparkassenkarten arbeitet. Schon in früher Jugend hat er Kampfsport betrieben, seit 30 Jahren diverse Selbstverteidigungsstile, und seit sechs Jahren ist der Basic-Instructor auf Krav Maga spezialisiert, wobei die Parallelen des Selbstverteidigungssystems mit Sportarten wie Boxen, Karate oder Taekwon-Do eher gering sind. Der Knackpunkt ist die realitätsnahe Anwendung von einfachen Techniken unter Stress. Damit haben nach Erfahrung von Valentino Scicchitano selbst erfahrene Kampfsportler immer wieder Schwierigkeiten.

Taktik geht vor Technik

Wesentlicher Inhalt des von ihm angebotenen Trainings sind auch die Grenzen der erlaubten Notwehr oder Nothilfe sowie die Gewaltprävention. „Taktik geht vor Technik“, sagt Valentino Scicchitano dazu. In der abendlichen S-Bahn ist der beste Platz nicht unbedingt eingeengt am Fenster, sondern eher fluchtbereit am Flur. Wer vor dem Fahrkartenautomaten nach Münzgeld gefragt wird, der sollte spätestens dann misstrauisch werden, wenn der Frager allzu dichten Körperkontakt sucht. Mögliche Gefahrensituationen frühzeitig zu erkennen und vor einer Eskalation zu entschärfen, das ist ein wichtiges Ziel des Trainings.

Unangenehme Situationen schon erlebt

Lia Plett und Lucie Kleider, die inzwischen jeweils über rund ein halbes Jahrzehnt Erfahrung im Krav Maga verfügen, mussten ihre Kenntnisse übrigens erfreulicherweise noch nie in der Praxis anwenden. „Angegriffen wurde ich noch nie, aber unangenehme Situationen in der S-Bahn gab es schon“, sagt Lucie Kleider.

Das Krav-Maga-Training beim TSV Schmiden findet dienstags von 19 bis 20.30 Uhr und samstags von 9 bis 10 Uhr in der Fight-Academy des TSV-Sportforums in der Wilhelm-Stähle-Straße 13 statt. Ein Probetraining ist ohne Voranmeldung möglich. Krav Maga gibt es außerdem beim SV Fellbach sowie bei kommerziellen Anbietern in und um Fellbach.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu TSV Schmiden selbstverteidigung