Tübingen Thorascheibe auf Weg nach Jerusalem

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Auf ungeklärte Weise ist das heilige Stück nach Tübingen in den Besitz eines inzwischen verstorbenen Theologieprofessors gekommen.

Der Tübinger OB Palmer hat die Thorascheibe übergeben, Foto: Michael Steinert
Der Tübinger OB Palmer hat die Thorascheibe übergeben, Foto: Michael Steinert

Tübingen - Es sind an diesem Abend im Tübinger Rathaus viele gute Worte gesprochen worden. Die fielen nicht immer im Zusammenhang mit einer Angelegenheit, die jetzt zu einem guten Ende kam: Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) übergab eine Thorascheibe an Avner Falk. Der 68 Jahre alte Psychologe aus Jerusalem ist der Enkel von Josef Zwi Szpiro. In Jerusalem hatte der polnische Textilfabrikant 1927 eine Thorarolle aus Olivenholz in Gedenken an seine Eltern anfertigen lassen. Er stiftete sie der Synagoge seiner Heimatgemeinde in Zgierz. Die Synagoge wurde 1939 zerstört. Josef Zwi Szpiro verhungerte 1941 als 60-Jähriger im Ghetto von Lodz. Seine Frau, sechs Kinder und viele Enkel wurden in Vernichtungslagern ermordet. Zwei Kinder waren nach Palästina ausgewandert. So auch Avner Franks Mutter.

Als Thorascheiben werden die Endplatten einer Thorarolle bezeichnet, die als sakraler Gegenstand in der Synagoge verwahrt wird. Diese Thorascheibe als Fragment einer zerstörten Thorarolle hing über Jahrzehnte im Arbeitszimmer des Tübinger Theologieprofessors und Gründers des Judaistik-Instituts Otto Michel (1903 - 1993). Nach seinem Tod erhielt das Stadtmuseum die Scheibe. Als 2010 Vermutungen über einen Zusammenhang mit der 1938 zerstörten Tübinger Synagoge aufkamen, wurde darauf der Name Josef Zwi Szpiro aus dem Hebräischen übersetzt.

Wie ist die Schreibe nach Tübingen gekommen?

Für den Tübinger Historiker Hans-Joachim Lang lag nahe, dass „Josef Zwi Szpiro im Holocaust ums Leben gekommen ist“. So war zu erwarten, dass sein Name in der Datenbank der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zu finden ist, zu der die Nachkommen der Opfer vieles beigetragen haben. So auch Avner Falk. Lang wurde fündig und schrieb diesen an. „Fünfeinhalb Stunden später kam die Email-Antwort. Avner Falk war der Enkel des gesuchten Josef Zwi Szpiro“, sagt Lang. „Doch vergingen fast anderthalb Jahre, um Thorascheibe und Nachfahren zusammenzubringen“, erzählte OB Palmer. Anderthalb Jahre, in denen die Stadt zum wachsenden Ärger Falks nachforschte, wer sonst noch Ansprüche auf die Scheibe haben könnte. Die jüdische Gemeinden Zgierz oder Lodz, der Staat Polen oder eine jüdische Gemeinde in Baden-Württemberg? „Dass Sie Dokumente an deutsche Behörden schicken mussten, um nachzuweisen, die einzige legitime Person mit Anspruch auf die Thorascheibe zu haben, hat Sie verletzt“, fand Palmer einfühlsame Worte. Umso mehr sei es eine „Ehre für uns, dass Sie gekommen sind, um die Scheibe hier in Empfang zu nehmen“.

Ungeklärt ist der Weg der Scheibe nach Tübingen. Der verstorbene Professor soll erklärt haben, dass sie aus der Tübinger Synagoge stamme. Nach deren Zerstörung seien Gegenstände aus dem Neckar gefischt worden. Falk hält es für ausgeschlossen, dass die Zgierzer Synagoge die Rolle verkauft hat. Oder hat ein Soldat die Scheibe nach Tübingen gebracht und Michel vermacht?

Falk hat zu Professor Michel viele Recherchen angestellt und spricht von einem „sehr komplizierten Mann“. 1933 sei er in die NSDAP eingetreten, sei auch SA–Mitglied gewesen. In Michels Autobiografie sei davon keine Rede. Von einer „Verneinung der Vergangenheit“ des späteren großen Freundes Israels spricht Falk in diesem Zusammenhang. In einem in Deutsch gehaltenen sehr beeindruckenden, gut einstündigen Vortrag beschrieb Avner Falk seine Theorie über den Weg der Scheibe. Danach habe Michel sie als Lazarettpfarrer in Halle 1939 von einem verwundeten deutschen Soldaten bekommen. Vielleicht im Rahmen einer Beichte, „weil sich der Soldat schuldig fühlte für das, was er in Polen den Juden angetan hat“.