Tübinger Autorin trifft Ex-Freunde Die verrückte Liebschaft hat jetzt Rücken
Was passiert, wenn man sich mit Ex-Partnern nach vielen Jahren trifft. Was fühlt und sagt man sich? Eva Christina Zeller hat es ausprobiert.
Was passiert, wenn man sich mit Ex-Partnern nach vielen Jahren trifft. Was fühlt und sagt man sich? Eva Christina Zeller hat es ausprobiert.
Wie wäre das, die vergangenen Lieben noch einmal zu treffen? Auf manche freute man sich wohl teeniehaft. Andere wünschte man nach wie vor ins Pfefferland. Würden flügellahme Schmetterlinge plötzlich wieder aufflattern oder verblasste Narben platzen? Ginge man besonders aufgebrezelt hin (der soll mal sehen, was er verpasst hat!) und hoffte, dass der andere ganz schön alt aussieht? Spräche man über sich, das gelebte Leben? Über „uns“? Würde beim Treffen mit Gestrigen das Heute klarer?
Was wir uns manchmal ausmalen, hat die Tübinger Autorin Eva Christina Zeller getan. Aus Gesprächen mit ehemaligen Geliebten setzt sie einen sehr autobiografischen Roman zusammen – auch wenn sie die Namen geändert hat, „dies ein Roman und kein Tatsachenbericht“ ist. Statt Eva Christina verabredet sich Lena „mit ihren alten Lieben, um herauszufinden, wer sie war und wie sie die wurde, die sie ist“. – „Eine Spurensuche“, heißt es ein bisschen abgedroschen.
Lena reist auf eine Insel im Südpazifik, um James zu finden ( „Seine kleinen Fehler fand sie bezaubernd“). Verabredet sich in Mannheim mit Jugendliebe Tom („Nicht alles muss wiederbelebt werden“), und an einem Berliner See mit Martin, einer Amour fou. Trifft Rob virtuell per Zoom, mit dem sie den todkranken Ulrich als junge Frau betrog.
Überhaupt Ulrich („Sie liebten sich auf unvollständige Weise“), der viel zu früh an Leukämie starb, grundiert in Moll diesen Text, in dem es ansonsten bisweilen recht schrill um Verletzungen geht, Missverständnisse, Übergriffiges, Gleichgültigkeit, Jesus (erste Hassliebe im pietistischen Elternhaus), aber auch und immer wieder um Sex. Über James schreibt Zeller: „An den Beischlaf erinnert sie sich nur schemenhaft“. Über Martin: „Sie begehrte ihn wie ein Land, in dem sie gern aufgewachsen wäre.“
Eva Christina Zeller, die auch lyrisch arbeitet, setzt viele schöne sprachliche Bilder: Wenn der Schmerz verzögert und aus weiter Ferne einschießt, wie Sonnenlicht auf seiner Reise durchs All. Oder die Seitenwunde des Heilands am Kreuz wie eine Vulva klafft. „Sie hat sich in seinen Armen aufgelöst wie Waschmittel in Wasser. Sie floss über und davon“, heißt es über Tom.
Zeller, in Ulm geboren, hat auch einen Blick für Situationskomik. Tom und Lena stehen sich nach 40 Jahren in Sneakern, mit Rucksack, Wasserflasche und Apfelschnitz-Box gegenüber. Mit grauem Kurzhaarschnitt statt jugendlichem Goldhaar. Und Martin, die verrückte Liebe, hat nun Rücken und Knie. Dass sich im Text Gesprächsprotokolle mit erzählerisch-reflektierenden Sequenzen abwechseln, macht ihn mitunter etwas sperrig und fast sachbuchhaft, aber durchaus authentisch.
Lena will es ein bisschen zu impertinent genau wissen und bekommt manchmal verletzende Antworten: Was fanden die Männer an ihr, was sie an ihnen, was brachte sie zusammen? Darüber wird stark psychologisierend, teils akademisch und den Leser deshalb etwas ermüdend gesprochen („Bist du sicher, dass du nicht in die literarische Qualität dieser Beziehung verliebt bist?“).
Spannend ist aber, wie unterschiedlich Lieben und Liebe empfunden werden, wie anders der andere einen sieht und wie Nähe auch nach vielen Jahrzehnten noch ins Körpergedächtnis eingeschrieben ist. „Du bist eine erotische Frau und aus irgendwelchen Gründen willst du das nicht sein“, sagt Martin zu Lena. Darüber will man doch gleich weiter nachdenken.
Interessant ist dieser Roman vor allem als Frauenporträt, das sich zunächst aus den Blicken der Männer und den gescheiterten Beziehungen zu ihnen destilliert, aber dann davon emanzipiert. Und außerdem gibt es da noch Anselm, den Aktuellen, mit dem Lena wohl im Glück ist. Über ihn will sie nicht schreiben. Schade eigentlich.
Buch
Der Roman „Alte Lieben“ von Eva Christina Zeller ist 2026 im Kröner Verlag erschienen und kostet 22 Euro. Zeller wurde in Ulm geboren, schreibt Lyrik, Prosa und Theaterstücke und lebt in Tübingen. Zuletzt erschien von ihr „Muttersuchen“ (2025).
Lesung
Am Mittwoch, 13. Mai, stellt die Autorin ihr Buch um 19 Uhr im Hostpitalhof Stuttgart vor. Infos unter www.hospitalhof.de