Tübinger erlebt Mount-Everest-Unglück „Ich wollte meine Energie transferieren“

Von Benjamin Schieler 

Der Tübinger Unfallchirurg Matthias Baumann hat das Lawinenunglück am Mount Everest miterlebt. Jetzt hat er eine Spendenaktion gestartet. Im Interview erzählt er, wie er als Ersthelfer im Camp war und später die Familien der Getöteten besucht hat.

Matthias Baumann mit der Frau und den Kindern eines getöteten Foto: StZ
Matthias Baumann mit der Frau und den Kindern eines getöteten Foto: StZ

Stuttgart - – Matthias Baumann ist Arzt und Extremsportler. Das Lawinenunglück Mitte April am Mount Everest, bei dem 16 Sherpas ums Leben kamen, erlebte er aus nächster Nähe. Nach der Erstversorgung der Verletzten beschloss der Esslinger Unfallchirurg, eine Spendenaktion zu initiieren. Im Interview berichtet der 42-Jährige von seinen Beweggründen.

Herr Baumann, am 18. April waren Sie im Basislager auf der Südseite des Mount Everest. Was haben Sie dort gemacht?
Ich war im Auftrag der Benegas Brothers dort, einem argentinischen Zwillingsbrüderpaar, das Expeditionen zum Everest anbietet. Sie gaben mir die Chance, sie als Expeditionsarzt und Bergsteiger zu begleiten. Dafür hatte ich mir extra meinen Jahresurlaub genommen. Mein Ziel war, selbst auf den Gipfel zu gehen und das Sherpa-Team der Brüder sowie andere interessierte Sherpas im Basislager in Notfallversorgung und Höhenmedizin auszubilden. Wir waren neun Tage ins Lager unterwegs und gerade dabei, uns zu akklimatisieren, als das Unglück passierte.
Wie haben Sie den Lawinenabgang erlebt?
Genau genommen war es kein Lawinenabgang, sondern ein Eisschlag. Vom Hängegletscher an der Westschulter des Everests sind riesige Eisbrocken abgestürzt. Das ist in der Vergangenheit häufiger passiert, wahrscheinlich wegen der globalen Erwärmung. An diesem Morgen gegen 6.30 Uhr lag ich wach und hörte einen lauten Knall. Die meisten haben noch geschlafen. Ich habe meinen Expeditionsleiter geweckt, der zur Unglücksstelle hochging, während ich im Lager blieb, um die Versorgung der Patienten zu übernehmen.
Sie stellten ein Ärzteteam zusammen.
Richtig. Es gibt im Basislager ein Medizinzelt, in dem zwei junge Ärzte eine Art Freiwilligendienst leisten. Sie haben es normalerweise vor allem mit der Höhenkrankheit oder mit Erkältungen zu tun. Ich bin dann losgezogen und habe nach weiteren Ärzten unter den Bergsteigern gesucht. Der Zufall wollte es, dass außer mir noch ein weiterer Unfallchirurg, eine Kardiologin, ein Anästhesist, ein Notfallmediziner und eine Intensivmedizinerin aus Kanada, den USA, Australien, Nepal und England im Lager waren. Nach etwa einer Stunde flogen die Rettungshubschrauber über uns hinweg, es dauerte aber noch eine weitere Stunde, bis die ersten Verletzten kamen. Wir haben Knochenbrüche an Armen und Beinen, Rippenfrakturen, Wirbelsäulenverletzungen und Schädel-Hirn-Traumata erstversorgt, bevor die Verletzten in Krankenhäuser abtransportiert werden konnten.
Die Sherpa-Vereinigung beschloss nach dem Unglück, in dieser Saison keine Expeditionen mehr auf den Gipfel zu machen. Wie haben die Bergsteiger darauf reagiert?
Größtenteils mit Verständnis. Die Forderungen nach besseren Bedingungen sind absolut gerechtfertigt. Für viele, die auf den Gipfel wollten, ist in dem Moment ein persönlicher Traum geplatzt, aber das wurde zurückgestellt, niemand hat Druck auf die Sherpas ausgeübt. Die Stimmung im Basislager war nach dem Unglück wie gelähmt. Die geplatzten Träume sind ja in keiner Weise zu vergleichen mit der Lage der Sherpas und der Familien der Toten.
Wann haben Sie die Entscheidung getroffen, Ihre Spendenaktion ins Leben zu rufen?
Nach dem Beschluss der Sherpas bin ich abgestiegen – und zwar bewusst alleine. Ich wollte verarbeiten, was passiert ist. Dabei kam mir in den Sinn, die Familien der Toten aufzusuchen. Ich steckte voller Energie, die ich nicht in die Besteigung investieren konnte und deswegen transferieren wollte. 14 von 16 Familien konnte ich erreichen. Was ich sah, war so bewegend, dass ich langfristig helfen wollte. Da gab es eine Familie mit sechs Kindern oder eine andere, in der war das jüngste Kind gerade einen Monate alt. Sein Vater hatte es nur einmal gesehen. Für die Witwen ist es in Nepal extrem schwer, selbst Geld zu verdienen.
Planen Sie, das gesammelte Geld persönlich zu übergeben?
Nein, das ist leider nicht so leicht zu planen, weil ich mir ja meinen Jahresurlaub genommen hatte. Aber ich stehe in E-Mail-Kontakt mit einigen der Familien und habe zwei vertraute Sherpas, die in der Region Khumbu an den Hängen des Mount Everests und in Kathmandu leben. Sie werden das Geld eins zu eins übergeben.
Was fasziniert Sie persönlich am Mount Everest?
Ich bin eher generell von hohen Bergen fasziniert, auch wenn das höchste Ziel wie in jedem Sport natürlich noch einmal eine besondere Anziehungskraft besitzt. Ich habe 2011 von der Nordseite, also von Tibet aus, schon einmal versucht, den Everest zu besteigen, kam aber nur auf 8600 Meter. Ich musste umkehren, weil man mir eine leere Sauerstoffflasche mitgegeben hatte. Im Jahr 2009 war ich auf dem Cho Oyu, dem sechsthöchsten Berg der Welt. Die Dimension der Natur dort oben und die Schauspiele, die sich dir bieten, sind gewaltig. Wenn morgens der Berg einen Schatten in die Ebenen Tibets wirft, fühlst du dich dem Himmel nah. Leider ist die Südroute am Everest völlig überlaufen. Durch die Menschenmassen leidet die Natur. Da muss sich etwas ändern

Spenden

Das Hilfskonto für die Opferfamilien des Lawinenunglücks läuft über den Verein Himalayan Project bei der Kreissparkasse Biberach: IBAN DE45 6545 0070 0007 0581 89, Kennwort: Sherpa Lawinenopfer. 




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