Tübinger Jeanshändler Roberto Nedorna kämpft alleine gegen Amazon

„Seit 31 Jahren verkaufe ich nun diesen blauen Stoff“, sagt Roberto Nedorna. „Aber nie war es spannender als heute!“Foto:Fany Fazii/Die Fotogräfinnen Foto:  

Der Lockdown und die Online-Riesen machen den Einzelhändlern zu schaffen. Roberto Nedorna tourt mit seinem Jeansmobil durch Tübingen, um seine berufliche Existenz zu retten.

Tübingen - Am 10. Januar 2021, einem dunklen Sonntag im Lockdown, sitzt der Tübinger Jeanshändler Roberto Nedorna wie paralysiert zu Hause. Das Weihnachtsgeschäft ist ihm zur Hälfte weggebrochen, seit Dezember zahlt er sich kein Gehalt mehr aus. Der Online-Handel gräbt ihm das Geschäft ab, es muss etwas passieren. Er sagt zu sich selbst: „Das ist der Moment, wo du merkst, dass du ein Unternehmer bist.“

 

Nedorna hat eine Idee, die ihn retten könnte. Noch am selben Tag geht er mit seinem Sohn in die Scheune und hämmert Regale zusammen. Er baut sie in sein orangefarbenes Wohnmobil ein, mit dem die Familie normalerweise in den Italienurlaub fährt. Jetzt soll der Ford Transit zum Jeansmobil werden. Rund 500 Hosen passen hinein.

Auf Facebook postet Nedorna ein Bild seines fahrbaren Ladens und schreibt darunter: „Seit 16 Jahren bin ich Altstadthändler in Tübingen. Seit 31 Jahren verkaufe ich nun diesen blauen Stoff, aber nie war es spannender als heute!“ Er füllt den Tank randvoll mit Biodiesel. Am 11. Januar fährt er zu seinem ersten Kunden. Parkt vor der Haustür, reicht Jeans aus dem Ford und berät auf zwei Meter Abstand. Die folgenden Lieferungen nach Tübingen, Kusterdingen und Schönaich dokumentiert er live.

Boris Palmer zählt zu seinen Fans

Auf Facebook bekommt er dafür mehrere Hundert Likes und Kommentare. Ein Nutzer schreibt: „Endlich mal ein Einzelhändler, der nicht wartet, bis es zu spät ist, sondern einer, der eine Lösung gefunden hat.“ Viele teilen Nedornas Posts, auch Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer gehört zu seinen Fans. SWR 4 und die „Landesschau“ berichten über ihn und sein Jeansmobil.

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Weil Mode eine saisonabhängige Ware ist, trifft der dritte Lockdown die Branche besonders hart. Laut einer Umfrage des Handelsverbands rechnen 65 Prozent der deutschen Modehändler noch in diesem Jahr mit der Insolvenz. In Baden-Württemberg müssen vier von fünf Modehändlern auf Eigenkapital zurückgreifen, ihr Umsatz ist laut einer Analyse des Industrie- und Handelskammertags um mehr als 25 Prozent eingebrochen. Viele von ihnen warten noch immer auf Hilfsleistungen. Der Online-Handel hingegen profitierte in den kalten Winter- und Frühjahrsmonaten umso mehr. Als Roberto Nedorna sein Jeansmobil zusammenzimmert, listet das „Forbes“-Magazin den Amazon-Gründer Jeff Bezos als reichsten Menschen der Welt.

In der Tübinger Altstadt steht Nedorna in seinem „Blauen Eck“, einem Laden ohne Kunden. In seinem Schaufenster liegen nackte Plastikmodelle und rote Prozentschilder herum, an der Kasse steht noch ein Weihnachtskalender. „Wird Zeit, dass hier aufgeräumt wird“, ruft die Verkäuferin Birgit Schanbacher in den Raum. Nedorna aber räumt nicht auf, sondern ein. Er streicht den wilden Haarschopf zur Seite und wuchtet Jeans in sein Wohnmobil: Wrangler, Ragwear, Miracle of Denim. Er ist an diesem Tag mal wieder um kurz nach sechs aufgestanden.

Was verbindet Roberto Nedorna mit Jeff Bezos?

Zwei Familienväter haben Nedorna nach Ammerbuch bestellt. Jochen Wellhäußer und sein Kumpel Martin König stehen an der Eingangstür – Nedorna wirft ihnen vom Auto aus die Hosen zu. Am Telefon hat er sich nur Bundweiten mitteilen lassen, 33 und 34. Über Farbe und Schnitt entscheiden seine Kunden vor Ort. Wellhäußer reicht dem Handelsreisenden Nedorna eine Tasse Kaffee, während König sich ins Haus zurückzieht, um eine Jeans anzuprobieren. In Indigoblau gehüllt tritt er wieder vor die Tür und dreht sich wie ein Model auf dem Laufsteg herum, damit ihn die Zuschauer von allen Seiten begutachten können. „Die sitzt eng wie eine Strumpfhose“, sagt er. Sein Kumpel und Stilberater Jochen dagegen meint, dass die Hose gut passe: „Musst daran denken, dass dein Bauch im Sommer etwas flacher ist.“

Nedorna wirft ihnen weitere Modelle zu. Bluejeans über der Schulter, Kaffeetasse in der Hand, sagt er: „Traumhafter Tag.“ Selbst durch die FFP2-Maske klingt seine durchdringende Stimme, als käme sie aus einem Lautsprecher. Roberto Nedorna ist Halbitaliener, seine gut gelaunten Kunden nennen ihn „Cheffe“. Nedorna empfiehlt ihnen eine helle, eine mittelblaue und eine graue Jeans. 80 Euro plus 80 Euro plus 80 Euro plus zehn Euro Trinkgeld: macht 250 Euro.

Beim Abschied scherzen Jochen und Martin, er könne sein Jeansmobil ja mit einem Amazon-Logo schmücken. Denn was Jeff Bezos hat, das habe er doch mittlerweile auch. Nedorna lacht. In Wahrheit ersetze ihm das Jeansmobil gerade einmal zehn Prozent des Umsatzes, den er vor der Pandemie im „Blauen Eck“ gemacht habe. Nedorna musste einen Kredit aufnehmen, um die Miete, die Lieferanten und die Verkäuferinnen bezahlen zu können. Amazon hingegen machte im letzten Quartal 2020 den höchsten Umsatz seit Firmengründung: 126 Milliarden US-Dollar.

Unkonventioneller Geschäftsmann

Vor drei Jahrzehnten stand Roberto Nedorna in der Modebranche noch auf der Gewinnerseite. Damals war er Lehrling in einem Böblinger Warenhaus, in das täglich Tausende Kunden stürmten, während die kleinen Modelädchen aus der Nachkriegszeit bereits um ihre Existenz kämpften. Als sich Nedorna in der Tübinger Altstadt selbstständig machte, konnte man mit dem Verkauf von Wrangler-Jeans noch gutes Geld verdienen. Er habe sich deshalb schon „in jungen Jahren mit diesem Denim infiziert“, sagt er.

Schon damals hatte er unkonventionelle Geschäftsideen. Seinen ersten Laden nannte er „Bezahlbar“ und ließ im Schaufenster lokale Bands auftreten. Zur Rockmusik servierte er Prosecco. Vor zwei Jahren zog er an eine noch prominentere Stelle und taufte den Jeansladen in „Blaues Eck“ um. Blau steht in Tübingen – seit der Grüne Boris Palmer Oberbürgermeister ist – für Nachhaltigkeit, und Roberto Nedorna ist ein Boris-Palmer- Fan der ersten Stunde.

Im Gegensatz zu Amazon findet man bei ihm keine Billigjeans für 16 Euro, sondern Mode, die nach dem Global Organic Textile Standard zertifiziert ist: Zehn Prozent seiner Jeans sind chemiefrei, fair und vegan. Um zu prüfen, was hinter dem Herstellerlabel „Made in Italy“ steckt, fuhr Nedorna sogar einmal persönlich zu den Herstellern nach Florenz. Nachdem er dort chinesische Arbeiter in Welldachfabriken sitzen gesehen hatte, nahm er endgültig Abstand von sogenannten Fast-Fashion-Lieferanten. Er sagt dazu: „Ich habe eben eine Unternehmenskultur.“

Protestsong für Angela Merkel

In Tübingen kennt man sich, genau das liebt Nedorna so an seiner Stadt und seinem Beruf: Einkaufen als soziales Erlebnis. Wenn er durch die Altstadt läuft, grüßen ihn befreundete Händler und Kunden. Im vergangenen Sommer konnte er noch mit ihnen an der Straße sitzen und Wein trinken. Nedorna ist sich sicher: Gehen die Läden durch den Lockdown pleite, werden die Innenstadt veröden. „Nur noch online einkaufen, ohne zu riechen, anzufassen, die Farbe zu sehen, wie sie leuchtet: Da wird mir angst und bange“, sagt er.

Obwohl Nedorna bereits 48 ist, wirbt er für den Einzelhandel wie ein geübter Influencer. Sein Facebook-Account ist eine fast täglich bespielte Abfolge aus Informationen über das Jeansmobil, Kritik an Amazon und an Aldi und an Lidl, die ebenfalls Billigmode verkaufen. Im zweiten Lockdown hat er ein politisches Protestlied aufgenommen und Angela Merkel gewidmet. Darin singt er: „Ihr habt zu wenig Impfstoff gekauft. Hello Angie, wann wird all das vorübergehn?“ Nedorna spielt dazu Gitarre, zum Takt der Musik wippt er mit. Selbstverständlich teilt Boris Palmer den Song auf Facebook.

Von Mitte März bis Ende April durfte Roberto Nedorna sein „Blaues Eck“ – zumindest vorübergehend – wieder öffnen. Im Rahmen des Tübinger Modellprojekts kauften seine Kunden mit Tagesticket und negativem Corona-Schnelltest bei ihm ein. „Überlebenswichtig“ sei das für seinen Jeansladen gewesen und „genau zum richtigen Zeitpunkt“ gekommen. Nur so konnte er die frisch gelieferte Frühjahrs- und Sommermode verkaufen und musste keinen neuen Kredit aufnehmen.

Mittlerweile ist er klimafreundlich unterwegs

Seit dem 26. April ist Nedornas „Blaues Eck“ erneut geschlossen. Man kann Ware bei ihm nur bestellen und abholen. Durch ein Fenster verkauft er „Jeans to go“. Das schafft die gleichen Probleme wie der Online-Handel, gegen den er kämpft: Seine Kunden müssen denselben Weg noch einmal zurücklegen, wenn sie die Jeans zurückgeben wollen. Die „Jeans to go“ rentieren sich für ihn nicht. Bis zum Ende des dritten Lockdowns werde es für ihn „eine knappe Kiste“.

Und so ist er auch jetzt wieder auf den Tübinger Straßen unterwegs. Um die wärmeren Temperaturen zu nutzen und die Umwelt zu schonen, hat sich der Jeanshändler aber ein Lastenrad zugelegt. Damit kann er zwar nicht ganz so viele Jeans transportieren wie mit dem Jeansmobil – 60 bis 70 Jeans passen auf sein Rad. Aber das ist ihm, wie er sagt, egal: Hauptsache, er kann weiterstrampeln.

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