Tübinger Oberarzt Hans Bösmüller Einer, der Corona als Patient und Pathologe erlebt hat

Am Anfang war der Geschmacksverlust, dann kam das Fieber – Hans Bösmüller erinnert sich an seine Covid-19-Erkrankung. Foto: Horst Haas

Hans Bösmüller, Oberarzt an der Uni Tübingen, ist vor einem Jahr als einer der Ersten in Baden-Württemberg an Covid-19 erkrankt. Er spricht offen darüber, wie es ihm heute geht.

Tübingen - Seine Naivität sei sein größter Schutz gewesen, sagt Hans Bösmüller. „Erst als ich anfing, Covid-19-Verstorbene zu sezieren, habe ich allmählich verstanden, welcher Gefahr ich ausgesetzt war.“ Der 60-Jährige ist beides: Pathologe an der Universitätsklinik Tübingen und ehemaliger Coronapatient. Er weiß, wie sich die Erkrankung anfühlt, und er hat gelernt, was sie im Körper alles anrichten kann.

 

Der Oberarzt war einer der Ersten in Baden-Württemberg, der sich vor einem Jahr mit dem damals noch recht unbekannten Virus infiziert hat. Seine Tochter Christina hatte ihn unwissend von Mailand nach Tübingen eingeschleppt, im Auto machte sie einen Italien-Kurztrip zusammen mit einem Freund. Der war nach der Reise wegen Husten und erhöhter Temperatur zum Hausarzt gegangen und wurde positiv getestet. Er kam als Patient Null im Land in Göppingen in eine Klinik. Der Pathologe und seine damals 24-jährige Tochter mussten auf die Isolierstation der Uniklinik.

Der Medienhype um die ersten Covid-19-Patienten im Land war gewaltig

Der Medienhype um die beiden war gewaltig. In einer eilig einberufenen Pressekonferenz versicherte Michael Bamberg, der Leitende Ärztliche Direktor, die Lage im Griff zu haben. „Es ist eine ernst zu nehmende Erkrankung, wir haben uns darauf vorbereitet“, sagte er damals und konnte nicht ahnen, welche dramatischen Folgen die Ausbreitung des Virus noch haben würde. Rund 69 000 Menschen sind in Deutschland mittlerweile verstorben – und täglich kommen Hunderte dazu.

Von einem Riesenglück spricht Bösmüller und ist erleichtert, dass er nur einen sehr milden Verlauf von Covid-19 hatte. Anfangs spürte er gar nichts und hatte in der Klinik jede Menge Zeit, um sich in die Details der Pandemie einzulesen. Erst an Tag zehn seien Symptome aufgetreten: Husten, leichtes Fieber.

Der Geschmacksverlust sei nur vorübergehend gewesen

Alle Drei hätten keine Spätfolgen der Erkrankung, erzählt der Mediziner. Der Tochter, dem Freund und ihm ginge es gut. Der Geschmacksverlust sei nur vorübergehend gewesen. Der Kaffee sei nicht mehr bitter, der Käsekuchen schmecke wieder, und das Seifige im Mund sei verschwunden. Auch die Fitness sei zurückgekehrt, erzählt Bösmüller, ein sportlicher Typ ohne große Vorerkrankungen, der nach den Arbeitstagen in der Klink Hanteltraining macht und joggt.

Bösmüller sitzt in einem Hörsaal der Tübinger Pathologie und hält Abstand. Er erzählt, dass er auch nach einer Infektion mit dem Coronavirus theoretisch ansteckend sein könnte. „Bei mir sind Antikörper da, aber es werden im Laufe der Zeit immer weniger.“ Mal angenommen, er begegne im Supermarkt einem Infizierten, „dann würden seine Gedächtniszellen innerhalb weniger Stunden wieder eine große Zahl an neuen Antikörpern produzieren“. In diesem kurzen Zeitfenster könnte er infektiös sein.

Bösmüller: ein „großes Repetitorium in Immunologie“

Als „großes Repetitorium in Immunologie“ bezeichnet Bösmüller seine Arbeit in Zeiten der Pandemie. Rund 20 Leichen hat er bisher seziert, allesamt Coronatote, von denen er einiges gelernt hat. Er hat ihr Innerstes untersucht, um mehr zu erfahren über eine Krankheit, von der man anfangs so wenig wusste. Es seien etliche Ideen zu besseren Behandlung von Covid-19-Patienten aufgrund der Autopsien entwickelt worden, sagt der Pathologe. „Da wurde so manches im Bereich der Blutgerinnung geändert.“

Die Pathologie Tübingen ist Teil eines Netzwerks von Experten in Baden-Württemberg, deren Covid-19-Forschung vom Wissenschaftsministerium mit rund 1,8 Millionen Euro gefördert und finanziell unterstützt wird. Dabei seien bisher fast 100 Autopsien durchgeführt worden, sagt der Oberarzt

Die Lunge werde durch Wundsekret zugekleistert

Erschrocken ist Bösmüller angesichts der Schäden, die der Erreger Sars-CoV-2 in der Lunge verursacht. Das Organ werde durch Wundsekret zugekleistert und vernarbe großflächig. „Das sind desaströse Lungenveränderungen, die ich vorher so noch nie gesehen habe.“

Was die Bekämpfung der Pandemie angeht, ist Bösmüller zuversichtlich und rät dazu, bei jeglichem Impfstoff, der zugelassen sei, zuzugreifen. Wer weiß, sagt er, vielleicht kann man sich künftig jedes Jahr gegen Corona impfen lassen.

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