Tübinger Stadtgeschichte auf Fassaden Die Retterin der alten Schilder

Die Seele Tübingens, davon ist Barbara Honner überzeugt, lebt in den Schriften über Läden, Geschäften, Wirtshäusern und Hotels. Foto: Wolfgang Albers

Immer mehr Schilder und Aufschriften traditioneller Geschäfte oder Gaststätten verschwinden aus den Städten. In Tübingen rettet sie Barbara Honner auf eigene Faust vor dem Vergessen.

Wer mit Barbara Honner durch Tübingen läuft, ist in ständiger Stolpergefahr. Guck auf den Boden, bekommt man ja von Kinderjahren an eingeschärft. Aber Barbara Honner lenkt den Blick immer wieder in die Höhe. Am Lustnauer Tor, wo sich fünf Straßen kreuzen, empfiehlt sich deshalb erst mal ein sicherer Platz auf dem Bürgersteig, um dann den markantesten Bau – ein Jugendstil-Gebirge aus Stein- und Fachwerkgeschossen, Erkern und Giebeln – näher zu betrachten. Vor allem ein Detail: Über den Erdgeschossarkaden steht in mächtigen Metallbuchstaben ein Name – Fritz Schimpf.

 

Fritz Schimpf hat im Jahr 1902 hier im Erdgeschoss ein Geschäft für Schreib- und Papierwaren übernommen, das dann sein gleichnamiger Sohn weiterführte – und das noch heute in Familienhand ist. Tradition, die sich schon in der Firmenschrift am Haus ausdrückt: Es ist die eigenhändige Unterschrift von Fritz Schimpf junior. Die ein klassisches inhabergeführtes Geschäft signalisiert: Hier steht eine Person, und das noch mit ihrer Unterschrift, für das Ganze.

Das Gesicht der Stadt

„Ein einzigartiges Zeitzeugnis, das eine historische, epochale Qualität besitzt“, schwärmt Barbara Honner über diese Schrift an der Wand. Vor allem, weil sie gar nicht mehr zu sehen sein sollte. In den 70er Jahren sollte auch Tübingen autogerecht gemacht werden, mit vierspurigen Straßen, und der dafür nötigen Abrissorgie wäre auch das Schimpfeck, wie das Haus in Tübingen genannt wird, zum Opfer gefallen. Eine Bürgerinitiative nahm den Kampf auf, ein Bürgerbegehren kippte die Tunnel und Autoschneisen, Tübingen blieb schnuckelig, vor dem Schimpfeck sind Straßen entweder gesperrt oder vor allem das Revier der Radfahrer. Und über all dem prangt immer noch die Unterschrift des Fritz Schimpf.

„Die Seele des Ganzen lebt in den Details“, zitiert Honner gerne den Architekten Ludwig Mies van der Rohe. Und die Seele Tübingens, das ist ihre Überzeugung, lebt auch in den Schriften über Läden, Geschäften, Wirtshäusern und Hotels: „Als historische Zeitzeugen und gegenwärtige Gestaltungselemente sind unsere Altstadtschriften Bestandteil des öffentlichen Raumes. Auch sie verleihen der Stadt ein Gesicht.“

Nur: Beachtet werden sie weniger als die klassischen Sehenswürdigkeiten einer Stadt. Vor allem aber: Sie verschwinden mehr und mehr. Auf einem Rundgang durch die Stadt zeigt Barbara Honner auf Löcher im Putz oder Abdeckungen. Wenn ein Geschäft aufgibt, ein Pächter wechselt, ein Haus umgebaut wird, verschwinden oft auch die alten Schilder und Schriften.

In den seltensten Fällen sind Geschäfte über fünf Generationen im Familienbesitz wie im Falle des Schimpf-Betriebes. Ketten mit ihren genormten Aufschriften rücken nach: „In vielen Fußgängerzonen sehen die Städte inzwischen typografisch gleich aus. Mir geht es jetzt gar nicht darum, das Neue schlecht zu machen – aber ich möchte das gute Alte vor der Verschrottung retten.“

Häuser überstehen, zumal in Tübingens denkmalgeschützter Altstadt, so einen Wandel eher. Die Schriften an ihnen aber sind in den allerseltensten Fällen gesichert. Während auf größeren Einheiten in der Regel professionelle Denkmalschützer oder Historiker ein Auge haben, gibt es für Stadtschriften keine zuständige offizielle Stelle.

Die Jägerin der Fassaden-Schätze

Das ist die Lücke, in die Barbara Honner einspringt. Als Dokumentarin und Jägerin verlorener oder sich verlierender Schätze. Die Germanistin hat lange in einem Verlag gearbeitet und dabei auch ein Faible für Typografie – also der Gestaltung von Schrift – entwickelt. Warum, kann sie nicht einmal erklären: „Ich finde halt Schriftarten spannend, so wie andere Briefmarken lieben. Das hat sicher mit Ästhetik zu tun. Und letztlich stecken hinter solchen Schriften auch Biografien und Familiengeschichten.“

Von einer Freundin erhielt sie einen Hinweis auf besondere Typografiefreunde in Wien – den „Verein Stadtschrift“. Seit 2012 widmen sich die Wiener historischen Fassadenbeschriftungen, dokumentieren und retten sie. „Das sollte ich für Tübingen auch machen“, dachte sich Barbara Honner.

Sie hat klein angefangen. Hat fotografiert und ein Geschenkbuch für Freunde gemacht. „Dazu musst du etwas schreiben“, forderten die sie auf. Also verfasste Honner ein komplettes Buch über die Tübinger Altstadtschriften. Sie beschreibt die Stadt aus einem neuen Blickwinkel. Damit belegt Barbara Honner, wie hinter der Typografie, die in den Tübinger Schildern und Aufschriften die ganze Bandbreite der Gestaltung umfasst, Tübinger Geschichte aufscheint.

Da ist die Frakturschrift Old English, mit der die Gaststätte zum Pflug auf sich aufmerksam macht. Im Kern stammt das Haus aus dem Jahr 1622, im Jahr 1650 entstand hier das erste Bierwirtshaus der Stadt – inmitten des Wohnviertels der Weinbauern, was zu manchem Konflikt führte. In den letzten Tagen der NS-Zeit versammelten sich hier Antifaschisten, später unterstützten Männer aus diesem Kreis wie der Staatsrechtler Carlo Schmid die Franzosen bei ihrem Entnazifizierungsbemühen. Zur wechselhaften Geschichte eines solchen Hauses gehört, dass es später auch mal Treffpunkt der Rechtsradikalen wurde.

Wenn Barbara Honner, die im Hauptberuf im Marketing der Tübinger Tourismuszentrale Bürger- und Verkehrsverein arbeitet, einmal im Jahr eine Führung durch Tübingen macht, kann sie nur begrenzt solche Orte zeigen. Zu viel ist verschwunden oder verschwindet – der Wandel ist rasant im Tübinger Geschäfts- oder Gaststättenleben. Deshalb läuft sie sozusagen Patrouille, schaut, welche Veränderungen anstehen, oder bekommt sie zugetragen. Dann versucht sie, Kontakt mit den Hausbesitzern aufzunehmen. Manchmal kommt sie zu spät – wie gleich bei ihrem ersten Versuch, eine Schrift zu retten. Von der schließenden Eisenwarenhandlung Bero, die für ihr Firmenschild die „Beton Bold Condensed“ verwendete, eine kräftige, schnörkellose Schrift, die für das stand, was man hier kaufen konnte: solides und stabiles Handwerkszeug. Als Barbara Honner die Inhaberin um das Schild bat, war es zu spät: Es war schon weggeworfen.

Die „Stadtpost“ heißt jetzt „Tanne“

Ebenso das „Storchen“-Schild. Die 1867 gegründete Wirtschaft zeigte sich den Passanten mit einer „Walbaum Fraktur“, einer um 1800 entstandenen Schrift. „Der Verlust schmerzt mich heute noch“, sagt Honner.

So leicht ist es gar nicht, Inhaber zu überzeugen, ihr ein Schild zu überlassen: „Manche sind sehr erstaunt: Was will denn die? Dann versichere ich: Das Schild wird nicht auf dem Flohmarkt versilbert, sondern gehört zu Tübingen und soll im Besitz der Stadt bleiben.“ Immerhin: Eine stattliche Liste zeigt, dass Barbara Honner doch noch rechtzeitig kam und überzeugend war. Sie hat sich zum Beispiel die Jugendstilschrift des türkischen Schnellimbisses Salam gesichert und die dreidimensionalen Lettern der „Stadtpost“, die jetzt „Tanne“ heißt.

Eine Besonderheit ist das Schild des Café Binder. Eine Passantin hatte es im Container entdeckt. Auch hier hat der damalige Wirt Kurt Binder mit einer eigenhändigen Unterschrift geworben, und seine Kinder mussten das Schild des Cafés, das abseits lag, prominenter aufstellen.

Für all diese Funde hat sich Barbara Honner die Mitarbeit des Stadtmuseums gesichert. In seinem Depot sind die Schriften eingelagert, und der Museumshausmeister ist ihr eine unverzichtbare Hilfe, wenn es ans Abschrauben aus luftiger Höhe geht.

Für alle Schilder legt Barbara Honner ein Dossier an, in dem sie all die Hintergründe von der Typografie bis zur Geschichte der Häuser und ihrer Familien zusammenträgt – vermutlich ist das einzigartig in Baden-Württemberg (in Berlin bewahrt das private Buchstabenmuseum die Typografie der Stadt). Etliche Ordner sind so schon voll – das Werk einer Privatgelehrten, die sagt: „Keine Ahnung, wer das einmal gebrauchen kann. Das bekommt nach meinem Ableben das Stadtmuseum.“

Aber noch plant sie für die Gegenwart, hat schon unruhig die nächste Schrift einer Traditionsstudentenkneipe im Blick, die weg soll. Und sie kommt nicht an den Wirt ran. . . Und dann ist da noch ein Wunsch: All die Vielfalt der Tübinger sichtbarer zu machen, so wie es die Wiener schaffen, die die geretteten Schriften an leeren Fassaden präsentieren. Die finden sich in der Tübinger Fachwerk-Altstadt nicht, aber eines erhofft sie sich schon: „Dass wir mal eine Ausstellung hinbekommen.“

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