Tübinger Straße Freiwillige Rücksicht ist Vergangenheit

Gleichsam in Notwehr werden die Ränder des sogenannten Shared Space zugestellt. Alle Versuche, Falschparker anders zu belehren, sind gescheitert. Foto: Achim Zweygarth
Gleichsam in Notwehr werden die Ränder des sogenannten Shared Space zugestellt. Alle Versuche, Falschparker anders zu belehren, sind gescheitert. Foto: Achim Zweygarth

Gegen Falschparker haben weder freundliche Worte geholfen noch Strafzettel. Die Stadt beendet ihr viel gelobtes Verkehrsexperiment mit Rücksichtnahme und stellt die Tübinger Straße zu.

Böblingen: Marc Schieferecke (eck)
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S-Mitte - Die Vorstellung vom rücksichtsvollen Nebeneinander der Fußgänger, Auto- und Radfahrer ist Vergangenheit – jedenfalls ein Teil von ihr. Die Stadt wird ihre zum viel gelobten Verkehrsexperiment umgebaute Tübinger Straße zustellen. Der sogenannten Shared Space, übersetzt gemischter Raum, faktisch eine Art der Spielstraße, wird schrumpfen. An seinen Rändern werden 24 zusätzliche Sitzplätze und Abstellbügel für Fahrräder im Untergrund verankert.

Denn das Experiment mit der freiwilligen Rücksichtnahme ist gescheitert. Die Umbaupläne sind entworfen worden, „um mit der zusätzlichen Möblierung des wilden Parkens Herr zu werden“, sagt der Stadtplaner David Huber. Autofahrer, denen es lästig ist, von einem legalen Parkplatz zu ihrem Ziel im Gerberviertel zu Fuß zu gehen, stellen die Ränder des theoretisch geteilten Platzes dauerhaft zu. An der Gebührenhöhe in den umliegenden Parkhäusern kann es nicht liegen, denn die städtischen Ordnungshüter wie die Polizei klemmen den Falschparkern regelmäßig Strafzettel an die Windschutzscheibe. Je nach Parkdauer sind dann mindestens 15 Euro fällig.

Bis zu 9000 Strafzettel werden dieses Jahr verteilt

Rund 6000 mal wurde das Bußgeld auf dem nur 150 Meter langen Straßenstück im Jahr 2013 verhängt. Hochgerechnet 9000 Strafzettel können es gemäß der Zahlen aus den vergangenen Monaten in diesem Jahr werden, je nachdem, wann der Umbau beginnt. „Ich hoffe, es klappt noch dieses Jahr“, sagt Huber.

Ohnehin S-Mitte - „erzielen wir mit Strafzetteln in der Stadtmitte gewisse Einnahmen, aber keinerlei Erfolge“. So hatte es bei anderer Gelegenheit Dorothea Koller zu Protokoll gegeben, die Leiterin des Ordnungsamts. Dabei bekommt, wer regelmäßig erwischt wird, von der Stadt sogar Post mit der Drohung, dass demnächst sein Führerschein eingezogen wird. Tatsächlich kann die Führerscheinstelle Strafzettelsammler als „charakterlich ungeeignet“ einstufen und ihre Fahrerlaubnis kassieren.

Geholfen hat auch dies nicht, weil viele der Ermahnten aus den umliegenden Landkreisen kommen. Dort wird das Wiederholungs-Falschparken eher im Sinne eines Kavaliersdelikts verfolgt.

Erdacht wurde die Idee, den geteilten Raum mit Hindernissen zu verstellen, also gleichsam in Notwehr. Dies vom Bezirksbeirat Mitte. „So haben wir es vorgeschlagen“, sagt der Sozialdemokrat Manuel Krauß. Dementsprechend befürworten die Lokalpolitiker Hubers Pläne einhellig.

Freundliche Appele blieben fruchtlos

Auch freundliche Appelle an die Autofahrer haben nichts geholfen. Anfangs hatte das Ordnungsamt kein Bußgeld verlangt, sondern mit Flugzetteln informiert, dass an dieser Stelle das Parken verboten ist. Zusätzlich hatten die entlang der Straße ansässigen Einzelhändler und Gastronomen ihre Kunden gebeten, sich legale Parkplätze zu suchen, wenn auch allem Anschein nach nicht alle. „Einige Händler halten sich selbst nicht an das Verbot“, sagt die Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle.

Neben der Gleichgültigkeit gilt der Irrtum als Ursache des Ärgers. Die Ränder der Straße sind hell gepflastert, ihre Mitte ist dunkel asphaltiert. Unwissende Autofahrer halten sie für die Fahrbahn, deren Rand der Fußweg sein muss – oder der Parkplatz. Fußgänger verhalten sich ähnlich. Sie schlendern gewohnheitsgemäß an den Häusern entlang, nicht im Sinne einer Fußgängerzone überall auf der Straße.

Immerhin wird sich mit dem Umbau ein anderes Problem zumindest mildern. Über allzu eilige Autofahrer beklagen sich Anlieger nur selten. Die eigentliche Gefahr beim Verlassen des Hauses gehe von Radfahrern aus, die sich ihren Weg freiklingeln.




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